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Das Moor geht vor: Kanton versenkt Westtangente

Was bereits seit längerem absehbar war, ist nun offiziell: Der Kanton Zürich hat beschlossen, das Projekt Westtangente nicht mehr weiterzuverfolgen. Damit ist die Verkehrspolitik Wetzikons wieder zurück auf Feld 1.

Das Grün bleibt unberührt: Die Westtangente in Wetzikon wird nicht realisiert.

Michael Kurz

Das Moor geht vor: Kanton versenkt Westtangente

600 Meter fehlen. 600 Meter zwischen der Industrie- und der Pfäffikerstrasse. 600 Meter, die es für die Erstellung einer Westtangente bräuchte, die den einfallenden Verkehr aus dem Aathal, Pfäffikon, Bäretswil, Hittnau und Hinwil um das Zentrum Wetzikon herumleiten könnte. 600 Meter, die für die Stadtentwicklung Wetzikons die Welt bedeutet würden.

Angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre musste man davon ausgehen, dass das Projekt eine Vision bleiben würde. Doch nun ist definitiv, dass es beim Konjunktiv  bleiben wird: Der zuständige Kanton Zürich hat seinen Entscheid bekannt gegeben, auf die Westtangente zu verzichten.

Unerschütterlicher Schutzperimeter

Die letzten 600 Meter hätten gemäss der festgelegten Linienführung im kantonalen Richtplan durch die national geschützte Moorlandschaft des Pfäffikersees geführt und eine Anpassung des Schutzperimeters seitens des Bundes verlangt.

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) ist zwischenzeitlich aber zum Schluss gekommen, dass dies nicht möglich sein wird. Es beruft sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichts aus dem Jahr 2012 zum Lückenschlussprojekt der Oberlandautobahn, in dem Bauten innerhalb als auch die Anpassung des Schutzperimeters selbst weitgehend ausgeschlossen wurden.

Die einzig verbliebene Alternativlösung, die Erweiterung der knapp ausserhalb der Schutzzone liegenden Rosinlistrasse, hätte indessen massive und kostenintensive Konsequenzen nach sich gezogen. Abrisse teils neuer Häuser wären unvermeidlich gewesen, allenfalls hätte es sogar zu Enteignungen kommen müssen.

Nicht verhältnismässige Alternative

«Obschon der Wert der Westtangente für Wetzikon sehr hoch ist, wäre dies nicht verhältnismässig», erklärt Markus Traber, Chef des Amts für Mobilität der Volkwirtschaftsdirektion. Deshalb sei man seitens des Kantons zum Schluss gekommen, das Projekt nicht mehr weiterzuverfolgen.

«Wir hätten grundsätzlich Möglichkeiten gesehen, eine Anpassung des Perimeters mittels Kompensierung zu erreichen. Doch damit haben wir auf Granit gebissen.»

Markus Traber, Amt für Mobilität

«Wir bedauern die Einschätzung des BAFU sehr», sagt Traber und weist den Vorwurf zurück, dass das Verdikt voraussehbar gewesen sei. Die schlichte Relevanz der Tangente hinsichtlich der städtebaulichen Entwicklung Wetzikons und des kantonalen und nationalen Strassennetz haben sowohl den Kanton als auch die Stadt in der Fortführung der gemeinsamen Planung bestärkt. Und: «Wir hätten grundsätzlich auch Möglichkeiten gesehen, eine Anpassung des Perimeters mittels Kompensierung zu erreichen. Doch damit haben wir auf Granit gebissen.»

Oberlandautobahn ist Zukunftsmusik

Nun geht es vor allem darum, mit der Stadt nach punktuellen Lösungen zur Entlastung zu suchen. Dass sich Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) nun «für die rasche Realisierung des Lückenschlussprojekts der Oberlandautobahn einsetzen» möchte, ehrt sie, schafft aber natürlich keine Abhilfe.

Mit einem Zeithorizont von gut 20 Jahren hat jenes Projekt, das überdies noch in der Zuständigkeit des Bundes liegt, keinerlei Einfluss auf die gegenwärtige Realität. Diese spiegelt sich vielmehr in dieser Feststellung Trabers: «Man muss davon ausgehen, dass das gegenwärtige Strassennetz Wetzikons auch das Strassennetz der nächsten 15 bis 20 Jahre bleiben wird.»

Angesichts dieser Aussichten fast schon konsterniert klingt Stadtpräsident Ruedi Rüfenacht (EVP). Er spricht von einem «schwarzen Tag für Wetzikon». Überraschend sei der Entscheid des Kantons zwar nicht gekommen, zumal die Einschätzung des BAFU ja schon seit geraumer Zeit bekannt war.

Dennoch hält er ihn nicht nur für «bedauerlich», sondern auch für «nicht nachvollziehbar»: «Wir verstehen nicht, warum der Kanton die Flinte ins Korn wirft, ohne sich mit dem Projekt einer Erweiterung der Rosinlistrasse überhaupt erst näher befasst zu haben.»

Doch noch eine letzte Chance?

Noch ist für Stadtpräsident Rüfenacht die Angelegenheit nicht ganz «tot». Er erinnert daran, dass der bereits gemachte Richtplaneintrag bei der nächsten Richtplanrevision im Kantonsrat wieder entfernt werden müsse und es in jenem Rahmen noch Einsprüche geben könnte. Sollte der Eintrag nicht gestrichen werden, müsste der Kanton seinen Entscheid wieder aufheben und die Westtangente dennoch realisieren. Dass dies passieren wird, scheint indessen wenig wahrscheinlich.

So oder so trifft dieser Rückschlag die Stadt Wetzikon hart. Nicht nur wurde viel Planungsarbeit für den Papierkorb erledigt, nun muss man auch noch versuchen, gemeinsam mit dem Kanton ein grosses systematisches Problem mit vielen kleinen Massnahmen zu lösen.

Die Stadt hat zwar in ihrer Strategie «Strassennetz Wetzikon» eine Variante für diesen Fall vorbereitet, doch muss man sich dabei vor allem mit Lichtsignalanlagen und anderen verkehrsberuhigenden Elementen behelfen.

Wie schnell was umgesetzt wird, ist freilich schwierig vorauszusehen. Einzig so viel scheint klar: Der Verkehrsstrom, der ins Zentrum hineinfliesst, wird so schnell nicht kleiner werden.

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