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«Es gab sehr viele, wirklich überdurchschnittlich viele Einweisungen in Kliniken»

Corona hat tiefe Spuren bei Oberländern mit einer kognitiven Beeinträchtigung hinterlassen – und auch in der Kasse des Vereins Insieme. Präsident Ernst Brunner und Geschäftsleiterin Christina Froidevaux kritisieren, dass die Beeinträchtigten in der Pandemie vergessen gingen.

Insieme-Geschäftsleiterin Christina Froidevaux und Präsident Ernst Brunner diskutieren im Freizeit-Treff in Uster. , Christina Froidevaux führt seit 2004 die Insieme-Geschäftsstelle., Ernst Brunner steht Insieme Zürcher Oberland seit 2017 als Präsident vor., Sport, hier an einem Hallenfussballturnier im 2018, ist ein zentraler Bestandteil des Insieme-Angebots., An einem Sponsorenlauf im 2016 wird Geld für Insieme gesammelt. , Ein fester Wert ist im Insieme-Angebot der Chor, hier bei einem Auftritt 2014., 2012 konnte Insieme sein 50-jähriges Bestehen feiern.

Conny Suter

«Es gab sehr viele, wirklich überdurchschnittlich viele Einweisungen in Kliniken»

Was war das Schlimmste für die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung mit dem Auftreten der Corona-Pandemie?
Ernst Brunner: Dass sie in den Institutionen isoliert worden sind. Sie durften keinen Besuch mehr empfangen. Zum Teil wurden auch die Arbeitsplätze geschlossen. Und es gab heimintern keine Durchmischung mehr. Sie mussten auf ihrer Gruppe bleiben.

Wie lange waren die Heimbewohner eingeschlossen?
Christina Froidevaux: Das wurde sehr unterschiedlich gehandhabt, je nach Institution. In allen Fällen gab es die Einschliessung bis zum Ende des ersten Lockdowns im Sommer 2020. Dann folgte eine kurze Phase der Normalisierung. Dort öffneten die einen ganz vorsichtig, andere mit komplizierten Phasenplänen. Das war für die Leute in den Institutionen, aber auch für jene, die selbstständig leben, sehr schwierig. Ihnen fehlte das Verständnis dafür, was da geschieht. Und sie hatten oft auch niemanden, den sie hätten fragen können oder der ihnen geholfen hätte. Es gab riesige Ängste.

Wer konnte noch mit den Beeinträchtigten in Kontakt treten?
Froidevaux: Hier im Zürcher Oberland war es vor allem unsere Organisation Insieme. Von vielen wussten wir: Die sind alleine, dort können Schwierigkeiten entstehen. Wir nahmen telefonisch Kontakt auf. Es gab aber auch Leute, die sich selbst regelmässig bei uns gemeldet haben. Es galt die Ängste zu nehmen und gegen die Einsamkeit anzukämpfen.

« Man war sich diese Enge in der Familie nicht mehr gewohnt. »

Christina Froidevaux, Insieme-Geschäftsleiterin

Gab es solche Ängste auch auf Seiten der Eltern oder Angehörigen?
Froidevaux: Durchaus. Einige kognitiv Beeinträchtigte waren mit dem Lockdown vor die Wahl gestellt worden: zurückkehren in die Institution oder aber bei den Angehörigen bleiben. Es gab einige Familien, die sich dafür entschieden, die Beeinträchtigten zu sich zu nehmen. Das führte aber, je länger der Lockdown ging, zu mehr Problemen. Man war sich diese Enge in der Familie nicht mehr gewohnt.

Gibt es Spätfolgen aus der Zeit des Lockdowns?
Brunner: Ja, ich kenne mehrere Fälle. Auch bei meiner Schwester hat sich die psychische Situation verschlechtert. Sie ist nun in Abklärung und es mussten die Psychopharmaka erhöht werden. Ich weiss auch von jemandem, einer 62-jährigen Frau mit Downsyndrom, die stark beeinträchtigt ist, die in dieser Zeit stark nachgelassen hat. Deren Angehörige erschraken regelrecht über ihren schlechten Zustand, als sie sie nach einem halben Jahr wieder besuchen durften.
Froidevaux: Es gab sehr viele, wirklich überdurchschnittlich viele Einweisungen in Kliniken. Ich weiss von einem Fall – hier ist die Betroffene sehr fit –,  bei der die Isolation eine Schizophrenie ausgelöst hat. Man muss sehen: Es gab Wohngruppen, die über Wochen hinweg in Quarantäne waren.
Brunner: Vor allem in der zweiten Phase gab es das: 14 Tage Quarantäne wegen eines Angesteckten, dann kriegte ein zweiter in einer zehnköpfigen Gruppe das Virus, wieder alle in Quarantäne, und so weiter. Bei der Gruppe meiner Schwester hatten ausser zweien alle das Virus. Auch die Hälfte des Personals steckte sich an.  

Froidevaux: Das bedeutete dann einige Wochen Isolation am Stück. Ich meine wirklich Isolation, also nicht mehr raus aus den Zimmern. Das Essen wurde in die Zimmer gebracht, es gab keine sozialen Kontakte mehr. Das hat bei ganz vielen Leuten ganz viel ausgelöst.
Brunner: Meine Schwester durfte mich in dieser Zeit wenigstens drei Mal pro Tag anrufen. Und sie telefonierte auch mit ihrem Bekanntenkreis. Aber Leute, die das nicht konnten, die waren extrem abgeschottet.

Es gab doch auch das Mittel von Besucherboxen. Wurden die häufig eingesetzt?
Froidevaux: Das Werkheim in Uster war da vorbildlich. Die haben sofort angefangen damit.
Brunner: Bei der Institution, in der meine Schwester wohnt, bastelten sie über Wochen so lange am Konzept, dass die Box erst einen Tag vor dem Zeitpunkt bereit stand, als die Bewohner ohnehin wieder raus durften.

Welches sind die Lehren aus diesem Lockdown?
Froidevaux: Insieme ist Mitglied des Aktionskreises Behindertenpolitik Kanton Zürich. In diesem Rahmen haben wir uns intensiv ausgetauscht und haben so auch den Kontakt zum kantonalen Sozialamt gesucht. Die Institutionen wurden vom Ganzen komplett überrumpelt. Für mich ist das Wegschliessen, das Unterbinden sämtlicher sozialer Kontakte höchst fragwürdig. In diesem Bereich gilt es im Hinblick auf einen möglichen nächsten Lockdown andere Lösungen zu erarbeiten, auch mit dem kantonalen Sozialamt und der Gesundheitsdirektion.

« Was die Institutionen anbelangt, so haben gewisse ihre Lehren gezogen. Andere aber nicht. »

Ernst Brunner, Präsident Insieme Zürcher Oberland

Brunner: Die ersten Verordnungen kamen alle von der Gesundheitsdirektion. Erst auf unsere Intervention plus die Selbsterkenntnis des kantonalen Sozialamtes hin ging die Verordnungskompetenz für Behinderteninstitutionen an das Sozialamt über. Das verbesserte die Situation. In den ersten Verordnungen der Gesundheitsdirektion wurden seitenlange Erlasse für die Spitäler geschrieben und zuunterst gab es dann noch ein Sätzchen zu den Institutionen. Beim Kanton wurde hier die Lehre gezogen, dass die Verordnungen differenzierter ausfallen müssen. Was die Institutionen anbelangt, so haben gewisse ihre Lehren gezogen. Andere aber nicht.
Froidevaux: Ich schätzte während der ganzen Pandemie den Kontakt zum kantonalen Sozialamt, das ich als sehr offen erlebt habe. Es versuchte, unsere Inputs umzusetzen.     

Was bedeutete die Pandemie für den Betrieb von Insieme?
Froidevaux: Von einem Tag auf den anderen mussten wir alles schliessen. Sämtliche Freizeitangebote für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung wurden abgesagt, also Ferienwochen, Kurse, Sport- und Kulturangebote, Ausflüge oder der Freizeittreff. Das sind Hunderte Termine pro Jahr. Wir sprechen mit unseren Angeboten 1000 bis 1200 Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Oberland an. Unsere Geschäftsstelle musste ins Homeoffice, was einen zusätzlichen Aufwand gerade bei der Kommunikation mit sich brachte.  Wir eröffneten aber sofort das SOS-Sorgentelefon, damit wir Auskunft geben konnten. Viele unserer Teilnehmer wussten am Anfang nicht, ob noch etwas läuft. 
Wir suchten fortlaufend nach Möglichkeiten, wenigstens wieder einen Teil unserer Aktivitäten anbieten zu können. Nach dem Lockdown begannen wir wenigstens mit Spaziergängen, in Kleingruppen mit Masken und Abstand. Das wurde enorm geschätzt.

« Ihnen fehlt oft auch der familiäre Kontakt, weil Geschwister oder Eltern nichts mehr von ihnen wissen wollen. »

Ernst Brunner, Präsident Insieme Zürcher Oberland

Wie wichtig sind die Angebote von Insieme für die Beeinträchtigten?
Brunner: Sehr wichtig, da viele keine anderen Möglichkeiten haben. Ihnen fehlt oft auch der familiäre Kontakt, weil Geschwister oder Eltern nichts mehr von ihnen wissen wollen.
Froidevaux: Die Institutionen haben punkto Freizeitangebote – nicht zuletzt wegen Personalmangels – nie die Möglichkeiten, über die wir verfügen. Und für viele ist es wichtig, auch einmal mit anderen Leuten zusammenzukommen. Es gibt so etwas wie eine « Inzucht » , indem viele sich nur in ihren Gruppen am Arbeitsplatz oder beim Wohnen bewegen. Das wird so ein bisschen wie ein Kokon. Dabei gibt es ja noch ein Leben ausserhalb. Das zeigt sich insbesondere bei unserem Freizeittreff, der sehr beliebt ist. Unsere Sportgruppen helfen auch mit, die fein- oder grobmotorischen Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten.   

Brunner: Ich verstehe die Institutionen, denen wird der Geldhahn zugedreht. Aber die Umsetzung der angestrebten Inklusion der Beeinträchtigten bräuchte eigentlich mehr Personal. Fakt ist aber, dass die Heime durch die Sparmassnahmen weniger Personal haben. Deshalb ist es ja so wichtig, dass es neben den Institutionen so etwas wie Insieme gibt. Wir helfen mit, die Leute in die Gesellschaft zu inkludieren.   

Wie gehen geistig Beeinträchtigte mit einem solchen Virus um?
Froidevaux: Sehr, sehr unterschiedlich. Einige haben grossen Respekt. Andere haben gut gelernt, mit der Situation umzugehen. Auffällig ist, dass sehr viele Personen, die selbstständig wohnen und an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung leiden, sich mit dem Thema Impfen schwer tun. Da hören sie auf der einen Seite den Bundesrat, der sich dafür einsetzt, auf der anderen Seite aber auch jene, die dagegen sprechen. Da kommt es dann sehr darauf an, wer sie persönlich in ihrem Umfeld beeinflusst. 

Braucht es in jedem Fall ein Ja der Beeinträchtigten zu einer Impfung?
Froidevaux: Ja, es gibt keine Zwangsimpfung. Es gibt aber Schwierigkeiten bei jenen Leuten, die sich selbst nicht äussern können. Ich finde es zudem schwierig, wenn – wie auch geschehen – Angehörige oder Beistände gefragt werden, ob sie mit einer Impfung einverstanden sind, wenn sich die betroffene Person impfen lassen will. 

Wie sieht der Impfgrad bei den Beeinträchtigten aus?
Froidevaux: In den meisten Institutionen ist er hoch. Gefühlsmässig ist er aber bei Leuten, die sehr selbstständig leben, tief. 

« Der körperliche Kontakt ist sehr wichtig für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. »

Christina Froidevaux, Insieme-Geschäftsleiterin

Können kognitiv Beeinträchtigte mit Masken und Abstand umgehen?
Froidevaux: Beim Maskentragen ist die Akzeptanz sehr gross. Bei der Distanzregel, nun ja, da ist das Einhalten nicht immer möglich. Wenn halt die Freude beim Wiedersehen so gross ist. Der körperliche Kontakt ist sehr wichtig für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Wie sieht es auf Helferseite aus? Finden Sie noch genügend Betreuer oder sind die während der Pandemie abgesprungen?
Froidevaux: Als wir wieder gewisse Angebote hätten durchführen können, scheiterten sie teilweise daran, dass wir nicht genügend Helfer fanden. Viele hatten Angst vor einer Ansteckung. Wir haben sehr viele ältere Helfer, 80 Prozent sind über 60 Jahre alt. Und die gehören halt zu den Risikogruppen. Abgesprungen ist niemand, aber wir hatten mehr Probleme bei der Rekrutierung von neuen Helfern. Das Problem hält bis heute an.

Wie viel des Insieme-Programms lässt sich heute wieder durchführen?
Froidevaux: Jetzt sind wir wieder offen für alles. Aber es gibt Einschränkungen, gerade bei der Zahl der nötigen Helfern. Auch Teilnehmer sind noch zurückhaltend mit Anmeldungen. Wir machen Schritte Richtung Normalität, sind aber definitiv noch nicht dort angelangt. Sorge bereitet mir die Entwicklung der Pandemie im Herbst. Albtraummässig sehe ich uns wieder in der gleichen Situation wie im Frühling 2020, als alles aufgegleist war und dann plötzlich nichts mehr ging. Ich befürchte auch, dass gewisse Institutionen ihre Betreuten von unseren Angeboten wieder abmelden aus Angst vor Ansteckungen, so wie das letztes Jahr auch vorgekommen ist.

« Die Selbstbestimmung ist dann genehm, wenn sie ins Programm passt. »

Christina Froidevaux, Insieme-Geschäftsleiterin

Aber wo bleibt da die Selbstbestimmung der Beeinträchtigten?
Froidevaux: Die Selbstbestimmung ist dann genehm, wenn sie ins Programm passt. Wenn sie zu einem komplizierten Prozess führt, dann ist es damit leider vorbei. Das mindestens beobachte ich.
Brunner: Dieses Muster war schon vor der Pandemie zu beobachten. Eigentlich wollte ich dieses Problem mit den Institutionen angehen. Das hat sich wegen Corona verschoben. Die Institutionen machen sehr viel sehr gut. Aber sie sagen auch, dass sie die Fachleute seien und wüssten, was das Beste sei. Es ist für uns teilweise schwierig, an sie heranzukommen. Doch was nützen die besten agogischen Konzepte, wenn dann nicht wirklich danach gelebt wird.

Wegen der Pandemie hatte Insieme keine Zeit für die Öffentlichkeitsarbeit und die Spendensuche. Dadurch wurde das Loch in der Kasse um rund 100‘000 Franken grösser als im Vorjahr. War dies der einzige Grund für die Lücke?
Brunner: Von der Wirtschaft kriegten wir weniger Unterstützung. Das Problem war, dass unsere Einnahmen durch Teilnehmerbeiträge oder zweckgebundene Gelder einbrachen, der Aufwand unserer Geschäftsstelle gleichzeitig aber etwa dreimal so hoch war wie üblich. Auch Anlässe, die hohe Spenden generieren, fanden nicht mehr statt.

Froidevaux: Wir mussten zudem Rückstellungen vornehmen für das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV. Wir sehen uns mit möglichen Rückzahlungsforderungen konfrontiert , da viele Veranstaltungen wegen Corona nicht durchgeführt werden konnten. Das sind im letzten Jahr alleine rund 160‘000 Franken, die Insieme zurückzahlen müsste.
Brunner: Schweizweit sind es 2,9 Millionen Franken, die zurückgefordert werden. Unser Dachverband  rechnet mit diesem Jahr zusammen etwa mit fünf Millionen Franken, die 2023 zurückgezahlt werden müssten. Das ist doch schizophren: Der Staat gibt 30 oder 40 Milliarden Franken für die Pandemiebekämpfung aus, aber im 2023 verbucht der gleiche Staat 5 Millionen Franken Einnahmen, die den Vereinen belastet werden, die für Beeinträchtigte tätig sind. In der Finanzbuchhaltung sind diese Gelder ausgegeben.  

« Das Bundesamt  will nicht darüber diskutieren, dass die einzelne Leistung teurer ausfiel. »

Ernst Brunner, Präsident Insieme Zürcher Oberland

Aber vom Prinzip her ist das doch ganz normal, dass man kein Geld kriegt für etwas, wofür auch keine Unkosten entstanden sind?
Brunner: Mit einer gewissen Kürzung könnte ich leben. Aber das Bundesamt  will nicht darüber diskutieren, dass die einzelne Leistung teurer ausfiel. Dass beispielsweise eine Ferienwoche statt im Massenlager in Einzelzimmern durchgeführt werden musste. Dass der Aufwand für die Betreuung höher ausfiel, dass Auslagen für Masken getätigt werden mussten, etc. Ich finde es schwach, dass das Bundesamt nicht schon jetzt gewisse Zugeständnisse machen will, sondern die Diskussion ins 2023 verschiebt. Im Bereich Jugend und Sport beispielsweise leistete Bundesrätin Amherd sehr schnell Zusagen an die Vereine, dass es keine Leistungskürzungen geben werde.    
Froidevaux: Man spricht von Teilnahme, von Inklusion. Aber hier sind die kognitiv Beeinträchtigten dann plötzlich wieder eine Gruppe, die offensichtlich nicht die gleichen Bedürfnisse haben darf wie der andere Teil der Bevölkerung. Das ist doch beschämend.

Die finanziellen Aussichten sind ja auch nicht rosig. Das Bundesamt für Sozialversicherung will seine Beiträge ab 2024 um mindestens 3 Prozent kürzen. Ist das schon in Stein gemeisselt?
Brunner: Kommt hinzu, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen sagen wollte, wie unser Angebot künftig aussehen soll. Auch die Rapportkadenz hätte erhöht werden sollen. Gegen all diese Schritte haben sich viele Vereine gewehrt – und jetzt hat das BSV seine Forderungen zurückgezogen. Im Herbst wird der Bundesrat einen Grundsatzentscheid treffen, wie die finanzielle Unterstützung von Behindertenorganisationen aussehen soll.

Sind sie auf politischer Ebene aktiv geworden?
Froidevaux: Der Dachverband hat sich auf nationaler Ebene eingebracht und wird bis Ende Jahr verhandeln. Aber je nachdem, wie die Verhandlungen weiterlaufen, müssen wir auch auf kantonaler oder regionaler Ebene selbst aktiv werden. Viele Vereine haben Politiker in ihren Reihen oder mindestens Zugang zu Politikern.

Sie wollen den finanziellen Ausfall bis Ende 2023 wieder ausgleichen. Wie soll das gelingen?
Froidevaux: Wir fahren wo immer möglich das Programm hoch und bauen aus. Bis dato hatten wir das Glück, dass wir jährlich für unsere Angebote mehr Teilnehmer gewinnen konnten, als wir vertraglich eigentlich müssen. Je länger aber diese Pandemie dauert, desto schwieriger wird es, dieses Ziel zu erreichen. Das nächste Jahr feiern wir zum Glück das Jubiläum « 60 Jahre Insieme Zürcher Oberland » . Da erhoffen wir uns mit mehr Angeboten noch höhere Frequenzen und zusätzliche Spenden. Die Spendensuche ist aber momentan sehr schwierig.  

«D ie Bedürfnisse der Beeinträchtigten haben sich wie bei der normalen Bevölkerung auch verändert. »

Ernst Brunner, Präsident Insieme Zürcher Oberland

Brunner: Kommt hinzu, dass die Beiträge des Bundes seit zehn Jahren nicht erhöht worden sind. Dabei haben sich die Bedürfnisse der Beeinträchtigten wie bei der normalen Bevölkerung auch verändert: Man geht heute mehr in die Ferien, ist aktiver. Das wird aber nicht berücksichtigt. Als ich vor Jahren die Finanzen des Vereins übernommen habe, machten die Leistungen des BSV noch über 50 Prozent des Gesamtbudgets aus. Heute sind es 40 Prozent. 

Von wie viel Geld sprechen wir hier?
Brunner: Das sind 600‘000 Franken bei einem Budget von 1,4 Millionen Franken.

Haben sie im Verein noch ein finanzielles Polster?
Brunner: Ja, vor einigen Jahren kriegten wir ein Legat. Dieses wollen wir bewusst nutzen, um das Angebot hochfahren und negative Ergebnisse überbrücken zu können. Gleichzeitig wollen wir das Spendenvolumen hochfahren.

Gibt es eigentlich Trends bei den Angeboten?
Froidevaux: Seit ich hier als Geschäftsstellenleiterin tätig bin, haben wir unser Angebot verdreifacht, auch um wettbewerbsfähig zu bleiben. Gewünscht werden heute vor allem Ferienwochen. Die waren sofort ausgebucht. Gleich wie bei Ausflügen. Es gibt auch eine Nachfrage nach Auslandferien: Für viele ist das Ausland eben nicht ein so einfach erreichbares Ziel. Kurse, die mit einem Lerneffekt verbunden sind, werden dagegen weniger verlangt. Wellnessangebote sind dagegen gefragt – gleich wie in der Gesellschaft. Das Freizeitverhalten von Beeinträchtigten entspricht ziemlich genau dem unseren.
Brunner: Bei der Digitalisierung gibt es auch noch Nachholbedarf. Beeinträchtigte brauchen Hilfe bei der Bedienung der elektronischen Geräte, vom Handy bis zum Computer.

« Die Pandemie hat viele Beeinträchtigte zusammengeschweisst. »

Christina Froidevaux, Insieme-Geschäftsleiterin

Neben den vielen Tiefs in der Pandemiezeit gab es auch Hochs?
Froidevaux: Die Pandemie hat viele Beeinträchtigte zusammengeschweisst. Sie kamen selbst auf die Idee für gemeinsame Ausflüge. Sie ergriffen Eigeninitiative: Wenn nichts mehr läuft und Insieme nicht darf, dann gehen wir halt selbst zusammen an den Greifensee.

Einsatz für die Interessen von Beeinträchtigten

1962 als Elternverein gegründet, setzt sich Insieme Zürcher Oberland mit einem umfassenden Bildungs-, Beratungs- und Freizeitangebot für die Interessen und die Förderung von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung ein. Den Angehörigen bietet der Verein ein breit abgestütztes Netzwerk und individuelle Beratungsmöglichkeiten an. Ernst Brunner aus Hittnau ist seit 1996 Vorstandsmitglied und präsidiert den Verein seit 2017. Die Ustermerin Christina Froidevaux leitet seit 2004 die Geschäftsstelle von Insieme Zürcher Oberland.  

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