Was war das Schlimmste für die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung mit dem Auftreten der Corona-Pandemie?
Ernst Brunner: Dass sie in den Institutionen isoliert worden sind. Sie durften keinen Besuch mehr empfangen. Zum Teil wurden auch die Arbeitsplätze geschlossen. Und es gab heimintern keine Durchmischung mehr. Sie mussten auf ihrer Gruppe bleiben.
Wie lange waren die Heimbewohner eingeschlossen?
Christina Froidevaux: Das wurde sehr unterschiedlich gehandhabt, je nach Institution. In allen Fällen gab es die Einschliessung bis zum Ende des ersten Lockdowns im Sommer 2020. Dann folgte eine kurze Phase der Normalisierung. Dort öffneten die einen ganz vorsichtig, andere mit komplizierten Phasenplänen. Das war für die Leute in den Institutionen, aber auch für jene, die selbstständig leben, sehr schwierig. Ihnen fehlte das Verständnis dafür, was da geschieht. Und sie hatten oft auch niemanden, den sie hätten fragen können oder der ihnen geholfen hätte. Es gab riesige Ängste.
Wer konnte noch mit den Beeinträchtigten in Kontakt treten?
Froidevaux: Hier im Zürcher Oberland war es vor allem unsere Organisation Insieme. Von vielen wussten wir: Die sind alleine, dort können Schwierigkeiten entstehen. Wir nahmen telefonisch Kontakt auf. Es gab aber auch Leute, die sich selbst regelmässig bei uns gemeldet haben. Es galt die Ängste zu nehmen und gegen die Einsamkeit anzukämpfen.
« Man war sich diese Enge in der Familie nicht mehr gewohnt. »
Christina Froidevaux, Insieme-Geschäftsleiterin
Gab es solche Ängste auch auf Seiten der Eltern oder Angehörigen?
Froidevaux: Durchaus. Einige kognitiv Beeinträchtigte waren mit dem Lockdown vor die Wahl gestellt worden: zurückkehren in die Institution oder aber bei den Angehörigen bleiben. Es gab einige Familien, die sich dafür entschieden, die Beeinträchtigten zu sich zu nehmen. Das führte aber, je länger der Lockdown ging, zu mehr Problemen. Man war sich diese Enge in der Familie nicht mehr gewohnt.

