«Kinder bis zu sechs Jahren ertrinken lautlos»
Ein schöner Tag in der Badi? Es hätte in diesem Sommer beileibe auch anders kommen können. Für Marisa Mathez, Kursleiterin der SLRG Rüti, spielt das Wetter zwar keine grosse Rolle. «Wir nehmen es, wie’s kommt – unsere Kurse finden eigentlich immer statt», hatte sie im Vorfeld gesagt. Dass die Sonne tatsächlich einen derartigen kräftigen Auftritt hinlegt, dürfte aber auch sie nicht kalt lassen.
Gut gelaunt eröffnet die 34-Jährige jedenfalls zusammen mit ihrem Vereinskollegen Michael Buntefuss an diesem Morgen die Veranstaltung. 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich unter den orangenen Sonnenschirmen eingefunden, um sich das Brevet Basis Pool zu verdienen.
Dieses Zertifikat attestiert ihnen die Grundlagen der Aufsichts- und Rettungsfunktionen und erlaubt ihnen, eine Gruppe Kinder an einem von einem Bademeister beaufsichtigten Becken zu führen. Die meisten sind angehende Lehrpersonen oder Polizisten, die das Brevet im Rahmen ihrer Ausbildung machen müssen.
Kinder immer in Griffnähe
Es passt also auch ein wenig zum Publikum, dass Marisa Mathez schnell auf den Punkt kommt. Sie sagt: «Die Ertrinkungsstatistik zeigt uns zwar, dass fast alle Badeunfälle mit Todesfolge in Seen oder Flüsse vorkommen. Alle anderen Unfälle sind da allerdings nicht eingerechnet.»
Konkret meint sie damit Vorfälle wie denjenigen, der sich in diesem Juni im Freibad Wetzikon ereignet hat, als ein Badmeister gerade noch in letzter Sekunde einen sechsjährigen Buben vom Beckenboden bergen konnte. Fälle also, zu denen es mit ein paar präventiven Massnahmen gar nicht gekommen wäre. « Kinder bis zu sechs Jahren ertrinken lautlos » , warnt Mathez, « deshalb muss man sie immer in Griffnähe haben » . Und: « Das Zauberwort heisst Aufmerksamkeit. »
Auf was es im Detail zu achten gilt, werden die Brevet-Anwärter nun in einer ersten Theoriestunde lernen. Im Zentrum stehen die wichtigsten Bade- und Tauchregeln, wobei alle im Detail erklärt werden. Vieles scheint auf den ersten Blick trivial, bekommt mit der Erklärung aber eine andere Dimension.
Was, wenn ein Kind mit Flügeli ins Wasser springt? Was, wenn man mit einer Schwimmbrille zu tief abtaucht? Die Erkenntnis, wie viele Gefahren im vermeintlich Unbedenklichen lauern, überrascht ebenso wie die Fülle an Pflichten, die man als Verantwortlicher für eine Gruppe Kinder beim Besuch einer Badi hat.
100 Meter unter 3 Minuten? Kein Problem
Das Freibad Schwarz hat sich mittlerweile stark gefüllt, das Treiben ist emsig und die Hitze drückt. Da kommt der Eintrittstest jetzt gerade recht. 100 Meter unter 3 Minuten müssen geschwommen werden – eine Hürde, die alle Teilnehmer relativ locker nehmen. Die benötigte Schwimmtechnik zur Bergung, der sogenannte Rückengleichschlag, fordert ihnen da schon mehr ab. Das Prinzip ist zwar schnell begriffen, aber mit der Umsetzung hapert‘s doch bei einigen.
Nachdem Marisa Mathez geduldig jeden einzelnen instruiert und geprüft hat, löst sich der Knoten. Die Anwendung der verschiedenen Bergungsgriffe, Tauchübungen auf Zeit, Distanz und Tiefe als auch der flache Kopf- und Beinsprung verlaufen speditiv. Dank einem Mix aus Informationen, Instruktionen und Übungen verfliegt nicht nur die Zeit im Nu – die Konzentration innerhalb der Gruppe wird vom wilden Badibetrieb kaum gestört.
Vermeintlich einfach, aber…
Im letzten Teil geht es schliesslich um die praktische Anwendung oder besser gesagt, um den Ernstfall. Die Nothilfeübungen im Trockenen als auch das Abfragen der Notrufnummern sind zwar rudimentär und für viele nur Repetition, doch angesichts des Rahmens und des Umfelds fraglos nötig. Das Werfen von der Rettungsrings und des Rettungsballs mag simpel erscheinen, das Gefühl für die Länge des Wurfs ist es aber ebenso wenig wie das Herausheben einer bewusstlosen Person aus dem Wasser.
Als sich der Kurs dem Ende zuneigt, nimmt Marisa Mathez die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einmal ins Gebet. « Ihr steht jetzt am Anfang. Herz-Kreislauf-Massage, das Führen grösserer Gruppen, die Aufsicht im See und Fluss – für all das braucht es weitere Module, die immer wieder aufgefrischt werden müssen. » Das Brevet Basis Pool sei dagegen zwar ein Leben lang gültig, doch auch hier mache eine Wiederholungskurs Sinn. Wie sagte Marisa Mathez in ihrer Begrüssung doch so schön: « Das Zauberwort heisst Aufmerksamkeit. »
Der goldene Tipp: « Habt Mut und handelt! »
66 Jahre wird die SLRG Sektion Rüti in diesem Jahr alt. 28 Jahre davon ist Marisa Mathez schon dabei. Die 3 4 -Jährige weiss also wovon sie spricht. Sie sagt: « Früher stand die aktive Rettung im Vordergrund, heute setzt man eher auf Prävention. Wir versuchen, so lange als möglich von ausserhalb des Wassers zu helfen. » Der Grund dafür sei, dass Menschen im Überlebenskampf nicht mehr zwischen Mensch und Boje unterscheiden können und mit voller Kraft zupacken. « Es ist schon vorgekommen, dass ein stämmiger Bademeister bei einem Rettungsversuch eines Kindes fast ertrunken ist. »
Die Todesangst des Ertrinkenden ist freilich nur eine Gefahr, die gerne unterschätzt wird. Mathez appelliert an die Verantwortung der Erwachsenen. « Alkohol und Wasser vertragen sich nicht » , mahnt sie. Und: « Habt Mut und handelt, wenn etwas geschieht. Und lasst das Handy weg: Ein Ertrinkender will gerettet und nicht gefilmt werden. » Es sind Dinge, die selbstverständlich sein sollten, es aber leider nicht sind. « Unsere Kursteilnehmer sind vor allem Leute, die das Brevet beruflich brauchen. Aber es würde auch anderen gut anstehen. » Achtsamkeit hat noch niemandem geschadet, aber schon viele gerettet. (mmu)
