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Wo die Pferde noch den Karren ziehen

Wetterextreme und Agrarreformen: Menschen in der Landwirtschaft leben den konstanten Wandel. In einer Sommerserie stellt Züriost Oberländer Betriebe und ihre Geschichten vor. Heute mit Urs Altorfer, der seinen Hof Müselacher in Bertschikon mit echten PS am Laufen hält.

Urs Altorfer mit seinen Arbeitspferden Golden (li.) und Minka.

Christian Merz

Wo die Pferde noch den Karren ziehen

Es ist ein Bild, das in diesen ländlichen Gefielden normaler eigentlich nicht sein könnte. Und dennoch wirkt es in diesem Szenario schief. « Keine Sorge » , sagt Urs Altorfer und schmunzelt, als er auf der anderen Seite seines Hofs den grossen grünen Traktor die Usterstrasse kreuzen sieht. « Das ist der Nachbar. Ich habe wirklich keinen. »

Ein Bauer ohne Traktor? Was im Jahr 2021 kaum mehr vorstellbar scheint, ist hier am nördlichen Ende Bertschikons noch Realität. Urs Altorfer bestellt seine 16 Hektaren Land nicht mit einem motorisierten Fahrzeug, sondern mit Pferden. So wie es schon sein Vater Willi gemacht hatte. Ein Pferdenarr, der bei allen Vorteilen und Annehmlichkeiten, die der Traktor mit sich bringt, nie dessen Verlockungen erlegen ist.

Zucht in der fünften Generation

Als es vor 16 Jahren darum ging, die Nachfolge zu regeln, war für Urs Altorfer klar, dass er die Tradition weiterführen würde. Auch weil der Vater in den 1960er-Jahren eine eigene Zucht mit Schweizer Warmblutpferden begonnen hatte und diese seit Beginn im Zentrum des Betriebs steht – unterdessen bereits in der fünften Generation. « Man kann Pferde enorm vielseitig einsetzen, sei es im Futter- und Ackerbau, für Transporte oder für Gesellschaftsfahrten » , erzählt Altorfer. Und: « Sie sind ein Markenzeichen des Hof Müselacher. Die Kunden finden das faszinierend. »

In seinem Rücken grasen derweil vier Pferde. Richtig nahekommen mögen sie trotz Lockrufen nicht. Entweder misstrauen die Zuchtstute Kira, der Wallach Kim und die Fohlen Lio und Lou dem Besuch, oder sie geniessen einfach nur gemeinsam den schönen Tag. Schlimm ist das nicht, die Arbeit werden heute zwei andere Zugpferde verrichten.

« Jetzt gehen wir eingrasen » , sagt Urs Altorfer und läuft in Richtung Stall. Vater Willi, der wie Mutter Rosmarie immer noch tatkräftig auf dem Hof mit anpackt, hat zuvor im benachbarten Sulzbach eine Fläche vorgemäht. Es ist nun an der Stute Minka und dem Freiberger Golden – er wurde jüngst wegen eines Todesfalls zugekauft – den Schnitt einzufahren. Dazu werden sie den Heuwagen, der extra für den Pferdezug umgebaut worden ist, über die länglichen Maden ziehen.

Ein Hof im Kreislauf

Während Altorfer Golden und Minka bereit macht und vor den Wagen spannt, erzählt der Bauer vom « Kreislauf »  und der enormen Tier-, Nutzungs- und Produktionsvielfalt, die er auf seinem Hof pflegt. Neben den aktuell sechs Pferden und den zwölf Milchkühen hält er hier noch vier Mastschweine, 120 Hühner, mehrere Enten, Gänse und Geissen.

« Auch Pferde kommen ins Schwitzen
Urs Altorfer

Auf seinem Land stehen Obstbäume, er sät Gras, Emmer, Dinkel und Hafer, pflanzt Kartoffeln und unterhält ein Feld mit Blumen zum Selberschneiden. « Was auch nur immer irgendwie möglich ist, produzieren wir selbst. »  So werde er etwa mit dem zu holenden Gras die Milchkühe füttern. Was diese wiederum davon übrig lassen, übernehmen dann die Pferde.

Unterdessen hat sich der Wagen in Bewegung gesetzt. Das Tempo ist gemächlich. Da die Route über einen Landweg führt, spaziert auch der Hofhund Nahla mit. Der achtjährige Golden zieht kräftig, Minka bekundet dagegen etwas Mühe. Kein Wunder, mit ihren 25 Jahren nähert sie sich langsam ihrem Lebensabend. Dereinst soll sie durch eines der beiden Fohlen ersetzt werden. Doch vorderhand müssen noch eine Feder an der Deichsel und Altorfer als Kutscher die unterschiedlichen Pferdestärken im Gespann ausgleichen. « Minka macht es gut, aber manchmal muss man sie ein wenig antreiben » , sagt er.

«Wir leisten unseren Teil zur Verkehrsberuhigung.»
Urs Altorfer

Auf dem Feld angekommen, wird es für die beiden Zugpferde richtig anstrengend: Sie müssen das 1,5 Tonnen-schwere Gefährt über das Feld ziehen, während eine kleine Welle das Gras auf die Ladefläche befördert. « Auch Pferde kommen ins Schwitzen » , sagt Altorfer und tätschelt die beiden verständnisvoll.

Zurück geht es schliesslich auf der Usterstrasse. Das macht es Minka und Golden etwas einfacher. Urs Altorfer sagt, dass es viele Autofahrer gebe, die sich wundern, wenn sie ihn überholen und die Pferde sehen. Natürlich gebe es auch einige, die sich ärgern, wenn sie hinter ihm auflaufen. Doch damit könne er leben. « Wir leisten unseren Teil zur Verkehrsberuhigung » , sagt er lächelnd.

Nachdem das Gras bei den Kühen abgeladen und Minka und Golden geputzt und im Stall untergebracht sind, zeigt Urs Altorfer seine vielen Geräte und erklärt damit auch gleich, welche Aufgaben seine Pferde übernehmen. Neben dem Heuwagen gibt es noch einen Wechselträger für den Güllewagen und den Mistzetter, einen Transportwagen, einen Pflug, eine Feldspritze, eine Egge und eine Sähmaschine. Allesamt sind sie so umfunktioniert, dass sie von Pferden gezogen werden können.

Die wichtigsten Arbeitskollegen

Natürlich gibt es Arbeiten, für die es Maschinen und motorisierte Fahrzeuge braucht, insbesondere im Mäh- und Erntebereich. Diese vergibt Urs Altorfer extern. Ansonsten stehen aber konsequent die Pferde im Einsatz. Das sei nicht immer nur einfach, der Unterhalt ist zeitintensiv und die Leistungskapazitäten beschränkt. Aber: « Die Pferde sind meine wichtigsten Arbeitskollegen, ich verbringe wohl mehr Zeit mit ihnen als mit meiner Frau. Deshalb habe ich zu ihnen ein engeres Verhältnis, als zu den anderen Tieren. »

Allein diese Aussage unterstreicht, dass Urs Altorfer nicht daran denkt, dereinst auf seine Pferde zu verzichten. Fragen bezüglich der Zukunft muss sich der 46-Jährige dennoch stellen. Wirtschaftlich ist er als IP Suisse-Betrieb bislang anständig gefahren. Mit dem Hofladen und dem Online-Shop, einigen Grossaufträgen, dem Einkommen seiner berufstätigen Frau Franziska und den Direktzahlungen kommt die sechsköpfige Familie gut über die Runden.

Fokussierung statt Vergrösserung

Doch nun, da seine vier Kinder langsam älter würden und ihre eigene Wege gehen, werde es Zeit, sich Gedanken zu machen. Obschon der Zeitgeist nach mehr Nachhaltigkeit ruft, verstärke sich in der Landwirtschaft nämlich die Tendenz zur Vergrösserung. Als sehr vielseitig wirtschaftender Bauer wäre « eine Fokussierung »  eine Möglichkeit, findet Altorfer.

Noch stehe ihm dabei aber jener Ehrgeiz im Weg, den ihn einst als 30-Jähriger dazu gebracht hat, den Hof zu übernehmen, weiter mit Pferden zu arbeiten und auf Vielseitigkeit zu setzen. « Ich habe mein Leben als Projektleiter bei einem Ingenieur- und Architekturbüro und als Orientierungsläufer im Nationalkader zurückgelassen, um all das zu schaffen » , blickt er zurück. Eine dabei gewonnene Erkenntnis dürfte ihm bei der Entscheidungsfindung helfen. Bereut, so Urs Altorfer, habe er gar nichts.

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