Corona lässt das Festzelt wachsen
« Die Sonne geht auf. » Die Blaskapelle Zimmerberg gibt mit dem Stück ihr Bestes. Schliesslich ist das ihr erstes Konzert nach 300 Tagen Zwangspause. Doch oben im Himmel wird sie nicht erhört und es regnet weiter.
Die eine Seite des Festzeltes neben dem Gemeindehaus Seegräben ist geöffnet. Trotzdem werden die gut 120 Besucherinnen und Besucher – Blasmusik inklusive – nicht nass. Das liegt zum einen daran, dass das Zelt fast doppelt so gross ist wie in früheren Jahren. Geschuldet ist dies den Corona-Schutzmassnahmen, die mehr Abstand zwischen den Leute verlangen. Zum anderen hat der kühlste Tag dieses « Sommers » – feuchtere gab es wohl schon gegeben – den einen oder anderen doch zu einem Stubentag verleitet.
Kappe abzugeben
Seegräbens Gemeindepräsident Marco Pezzatti hat dafür Verständnis, freut sich aber dennoch, dass an diesem 1. August im « Frühwinter » einige treue Seelen den Weg ans Fest gefunden haben. Während reihum andere Gemeinden bereits zum zweiten Mal hintereinander die Bundesfeier ausfallen liessen, wollte der kleine Ort über dem Pfäffikersee seinen Einwohnern wieder eine Begegnungsmöglichkeit schaffen. « Ich hätte auch noch eine Kappe abzugeben an jene, die frieren » , scherzt Pezzatti.
Das Zusammenkommen ist auch für Mitte-Nationalrat Philipp Kutter wichtig: « Heute erzähle ich Ihnen, warum es staatspolitisch von grosser Bedeutung ist, dass Sie möglichst bald wieder einmal in einer Beiz verhocken mit Leuten, die sie nicht kennen. » Kutter, der auch Stadtpräsident von Wädenswil ist, zählt in einer witzigen Ansprache gleich mehrere Problembereiche auf, die einen Keil in die Gesellschaft getrieben haben: die Klimapolitik, die Beziehungen zur EU, die Sozialwerke und das Coronavirus.
Wieder mehr raus
Seine Antwort auf diese Gräben und Spaltpilze: « Wir müssen wieder mehr raus! Wir müssen wieder mehr anderen Menschen begegnen, und zwar persönlich, nicht via Bildschirm oder Chat. So wie heute. » Es gelte wieder einmal zusammenzusitzen, zu diskutieren, gemeinsam ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken.
Die Schweiz habe gute Voraussetzungen für mehr Begegnungen. « Wir sind ein persönliches Land, ein Land mit kleinräumigen Strukturen. » Hinzu komme die gut ausgebaute direkte Demokratie. Und schliesslich sei auch die dritte Schweizer Eigenheit, die er beim Wandern schätzen gelernt habe, erfolgversprechend: « Sie lautet Schritt für Schritt kommt man am besten ans Ziel. » Ein solches gemeinsames Vorgehen helfe – bei allen Differenzen – , gute Lösungen zu finden: « Das braucht Zeit, aber es funktioniert. »
Und so haben die Seegräbner in der Gewissheit nach Hause gehen können, dass sie mit dem Besuch der 1. August-Feier und den Gesprächen mit den Tischnachbarn eine staatspolitisch wichtige Tat vollbracht haben – auch wenn die Festbeiz nicht den gewünschten Ansturm erlebt hat. Denn da ist ja eben noch das Problem mit dem Wetter.
