Schnittige Einbäume aus Schweizer Produktion
Diese Archäologen schwimmen auf der Retro-Welle. Wobei « schwimmen » und « Welle » hier sogar wörtlich genommen werden kann, sind sie doch in Einbäumen auf dem Greifensee unterwegs. Für das «Retro» haben sie einen grossen Zeitsprung gemacht. Die Vorbilder für ihre Boote sind 3000 bis 5000 Jahre alt und stammen von Pfahlbauern am Bieler-, respektive Neuenburgersee.
Wasser im Boot
Nach zweiwöchiger Bauzeit in der Naturstation Silberweide sind die drei Boote am Mittwoch mit einem Lastwagen zur Schifflände Maur transportiert worden. Bevor sie verladen werden konnten, mussten sie allerdings erst geleert werden. Die Regenmassen der letzten Tage hatten die Gefährte gefüllt.
« So haben sie immerhin schon auf dem Trockenen bewiesen, dass sie dicht sind » , meinte der Archäologe Christian Harb, der das kantonale Projekt «Die Pfahlbauer*in» und damit die Aktivitäten zum Pfahlbaujubiläum leitet. Er war bereits als Koordinator tätig, als vor zehn Jahren die Pfahlbauten zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurden, wie in seinem Blog zu erfahren ist.
Am Mittwoch verlegte Harb seinen Arbeitsplatz für einmal vom Pult in den Greifensee und seine Arbeitskleidung bestand aus einer Badehose. Vom Wasser aus lenkte er die per Kran heranschwebenden je 300 bis 400 Kilo schweren Boote. Einmal eingewassert, lagen die drei Einbäume ruhig im Wasser. Noch.
Schmal und sensibel
Bald darauf traf Verstärkung ein – das Archäologenteam des Kantons Zürich, das am 11. September auch in der Einbaumregatta gegen internationale Konkurrenz antreten wird. Zunächst aber galt es, die ausgehölten Stämme zum Bootshaus neben das alte Dampfschiff Greif zu bringen. « Nöd gwaggle » , lautete die Losung, die Esther Schönenberger ausgab. Sie wird als Kapitänin den Kahn befehligen.
Der breitere Einbaum, der einem Modell aus der Bronzezeit um 1000 vor Christus nachempfunden ist, lässt sich noch einfach steuern. « Der liegt träge im Wasser. Da muss ziemlich gepaddelt werden, um eine Kurve zu fahren » , meinte Schönenberger. Ganz anders verhielten sich die beiden schlankeren, noch hüftbreiten Modelle. Die 6,8 respektive 6,4 Meter langen Boote sind einem Kahn aus der Jungsteinzeit nachgebaut, der am Neuenburgersee gefunden wurde.
Bei leichtem Wellengang drang bei einer Belastung mit einer Fünfercrew sogar schon etwas Wasser über den Rand ein. «Das ist extrem viel sensibler als das erste Modell. Und es ist auch schneller » , lautet Schönenbergers Urteil. Bereits dreimal – in Frankreich, Slowenien und Italien – hat sich die Archäologin an den Wettkämpfen beteiligt, die sich Archäologenteams aus allen Alpenländern mit Pfahlbaufunden jeweils liefern. « Bisher haben wir noch keine so guten Einbäume gehabt. Jene in Frankreich hatten viel dickere Wände als diese drei Zentimeter hier. » Das schnellste war bisher das Schwesterboot des ersten Modells, das im Bielersee gefunden worden war.
Vom Heimspiel profitieren
Esther Schönenberger freut sich jedenfalls auf den 11. September, wo wohl acht Archäologen-Teams gegeneinander antreten werden. Dazu dürfte auch eines der Stadtzürcher Archäologie gehören. Die hatte Schönenberger im ersten Aufeinandertreffen noch versenkt – und das Rennen als zweitletzte beendet.
Nun hat sich die Kapitänin ein klares Ziel gesetzt: « Wir rechnen mit dem dritten Platz. Das letzte Mal waren wir vierte. Wir müssen diesmal noch die Franzosen schlagen. Dann bleiben die beiden Elitemannschaften Slowenien und Österreich. » Diese beiden Teams hätten sehr viel Übung, die Slowenen sogar im Meer.
« Jetzt aber haben wir ein Heimspiel, denn wir können in unseren Einbäumen den Sommer über üben. » Und das dürfte angesichts des schnittigen Modells auch wichtig sein: « Das wird für unsere Wettkampfgegner eine echte Herausforderung, denn bisher hatten wir noch nie einen so sensiblen Einbaum in einer Regatta. »
