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«Das sieht aus, wie wenn ein Biber Amok gelaufen ist»

Die Einbaumregatta ist gerettet: Das Geld für die drei Boote ist beisammen. In der Mönchaltorfer Silberweide werden nun die Stämme ausgehöhlt.

Beim Einbaumbau fliegen die Späne., Gleich schaufelweise werden die Späne aus dem ausgehöhlten Stamm gehoben., Der Walder Forstwart Pascal Riniker hilft beim Bau der drei Einbäume mit., Auch die Nachwuchs-Pfahlbauer haben mal eine Pause verdient., Der Experimentalarchäologe Markus Binggeli zeigt Äxte und Beile aus verschiedenen Jahrtausenden., Und Markus Binggeli legt mit einer Axt aus der Steinzeit gleich selbst Hand an. Und es funktioniert.

Christian Brändli

«Das sieht aus, wie wenn ein Biber Amok gelaufen ist»

Motorsägen-Gekreische und dann ist ein vielfaches Klopfen zu hören. Seit fünf Tagen werden auf dem Gelände der Naturstation Silberweide am Greifensee drei Pappel-Stämme bearbeitet. Bis Ende dieser Woche werden diese ausgehöhlt. Und nächste Woche sollen die Einbäume zu Wasser gelassen werden. Ihren Belastungstest werden sie am 11. September erhalten. Den ganzen Tag über werden sie im Rahmen der Plauschregatta des Ruderclubs Uster an der Schifflände in Niederuster im Einsatz stehen.

Erfolgreiche Geldsammlung

Lange war unklar, ob das bewährte Fortbewegungsmittel der Pfahlbauer überhaupt nachgebaut werden kann. So fehlte das Geld dafür. Doch die Sammelaktion war erfolgreich: Bis zum 17. Juni wurde gesammelt und die angepeilte Hürde von 25‘000 Franken konnte sogar mit etwas Luft gemeistert werden. 101 Unterstützer spenden 26‘315 Franken.

Jetzt machen sich sechs ausgebildete und angehende Forstwarte über die drei fünf bis sieben Meter langen Baumabschnitte her und unterziehen sie einer massiven Schlankheitskur: « Von den drei bis vier Tonnen schweren Stämmen bleiben am Schluss noch etwa zehn Prozent übrig » , erklärt Pascal Riniker, der für das Forstrevier Staatswald Tössstock und Rüti tätig ist.

Ein Berg von Spänen

Der Grobzuschnitt erfolgt mit der Motorsäge. Die Feinarbeit erfolgt von Hand. « Diese Arbeit hier hat mich gereizt, da sie nicht alltäglich ist » , meint der Walder Forstwart. « Der Umgang mit dem Beil und vor allem dem Querbeil ist Übungssache. Es braucht gutes Augenmass und ein Gefühl für die Form des Bootes. » Die Seitenwand der Einbäume soll im Endzustand nur noch etwa drei Zentimeter dick sein.  

Die Forstleute sowie die Archäologen, die das Projekt im Zusammenhang mit dem Pfahlbauerjahr lanciert haben, können unter drei Zelten arbeiten. Hinter diesen stapeln sich die aus den Stämmen gefrästen Holzblöcke sowie tonnenweise Späne. Diese werden schaufelweise aus den Einbäumen geholt. « Das sieht hier aus, wie wenn ein Biber Amok gelaufen wäre » , schmunzelt Riniker. Sollte sich ein Stamm der im Winter bei Ossingen geschlagenen Pappeln spalten, liegt neben den Spänen zweifacher Ersatz bereit.

Bauen nach Plan

Der Experimentalarchäologe Markus Binggeli schaut dafür, dass die drei Einbäume möglichst originalgetreu daherkommen. Es sind nicht seine ersten. Drei Exemplare hat er schon früher ausgehöhlt. Und er hat sogar Baupläne. « Wir richten uns nach zwei Funden. Der eine stammt aus Bevaix am Neuenburgersee und ist aus der Jungsteinzeit um 3000 vor Christus. Der andere wurde in Vingelz am Bielersee gemacht. Dieser sechs Meter lange Einbaum entstand in der Spätbronzezeit um 1000 vor Christus. »

Für die Forstwarte hat Binggeli eine ganze Beilsammlung mitgebracht, vom gröberen Modell mit Steinklinge bis hin zum Eisenbeil. Und er demonstriert mit dem Steinzeit-Instrument, dass sich damit tatsächlich ein Einbaum behauen liess. Deutlich einfacher und effizienter geht es dann schon mit dem schön gestalteten Holzstück, einem sogenannten Knieholm, mit Bronzeklinge.

Jahrtausendealte Gefährte

  « Einbäume wurden bis in die 1960er-Jahre am Ägerisee hergestellt » , weiss der Archäologe Christian Harb, der das kantonale Projekt « Die Pfahlbauer*in » leitet. Der älteste bekannte Einbaum stammt aus dem achten Jahrtausend vor Christus und wurde in Holland gefunden. Über die Jahrtausende variierten sie in der Grösse sehr stark vom kleinen Einmannboot bis hin zum über zehn Meter langen und über einen Meter breiten Lastkran. Nur auf dem Wasserweg war es vor Tausenden von Jahren möglich, grosse Mengen Steine aus den Südvogesen bis an den Zürichsee zu transportieren.

Die drei Boote, die nun in der Silberweid entstehen, müssen für die Regatta allerdings nur je sechs Personen fassen  können. « Das Einsteigen ist schwierig, aber dann liegen die Einbäume gut im Wasser » , weiss Harb. Ob es wirklich so sein wird, zeigt sich in der kommenden Woche, wenn die noch 300 bis 400 Kilo schweren Boote in Maur gewassert und anschliessend von den Archäologen getestet werden.

Interessenten für die Einbäume

Nach dem Pfahlbaujahr und dem Grosseinsatz am 11. September dürften die Einbäume weiterhin in der Region zu sehen sein. « Wir haben verschiedene Interessierte, von der Naturstation über den Drachenbootclub bis hin zur Schifffahrtsgesellschaft Greifensee SGG » ,  erklärt Harb und ergänzt: « Ich weiss allerdings auch nicht, was die SGG damit machen wollen. »

Beim Kanton angeklopft hat auch der Seegräbner Werner Messikommer. Der Hobbyhistoriker möchte ein Exemplar für seine Gemeinde sichern: «Seegräben ist schweizweit vermutlich die einzige Gemeinde die einen Einbaum im Gemeindewappen führt. Und auf Gemeindegebiet Seegräben wurden bis anhin fünf Einbäume gefunden. Zur besseren Identifikation der Bevölkerung mit dem Wappen bestünde die Möglichkeit, einen solchen neuen Einbaum, der einigermassen historisch
korrekt erstellt worden ist, in Seegräben aufzustellen», begründet er seinen Vorstoss.

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