Frau Kuratli zieht um
« Ich bin in Wald geboren, hier aufgewachsen und habe hier geheiratet. Und in Wald will ich auch sterben. Das ist schon immer mein Plan. » Dieser letzte Schritt soll allerdings noch lange nicht kommen. Denn Colette Kuratli hat noch viel vor. Als nächstes zusammen mit Dutzenden anderen Seniorinnen und Senioren einen grossen Umzug. Und sie ist mit ihren 71 Jahren « purlimunter » . Das ist vor wenigen Jahren nicht der Fall gewesen. Sie verbrachte eineinhalb Jahre in Spitälern und kam nach mehreren Operationen ins Altersheim. Sie sass sogar im Rollstuhl.
Heute aber ist sie wieder gut zu Fuss unterwegs. « Ich musste alles wieder lernen. » Doch sie hat den Weg vom Altersheim Drei Tannen – dem ehemaligen Walder Spital droben an der Sackstrasse – hinunter ins Dorf gut gemeistert, « auch wenn ich dann unten beim Bahnhof schon etwas müde bin. »
Seit zwei Monaten im « Drei Tannen »
Das macht ihr aber nichts aus, denn sie freute sich vor zwei Monaten, als sie ins « Drei Tannen » umziehen konnte. Vorher war sie neun Monate lang im Alters- und Pflegeheim Böndler in Bauma. Doch auch wenn es von dort nicht weit bis nach Wald ist, hatte sie Heimweh. Als sie dann an der Sackstrasse oben ihr Zimmer bezog und wieder den vertrauten Glockenschlag der Walder Kirchen hörte, « da kamen mir die Tränen. »
Und jetzt steht bereits wieder eine Rochade an. Denn an diesem Mittwoch wechselt sie vom « Drei Tannen » hinunter ins neu erstellte Alterszentrum Rosenthal neben der Landi.
Die Dusche
Tisch, Stühle, Kommode sowie einige Kisten sind fein säuberlich bereitgestellt und beschriftet. Frau Kuratli nimmt nochmals Platz auf einem Stuhl auf ihrem kleinen, gedeckten Balkon. Von hier aus hat sie in den vergangenen acht Wochen vor allem abends die Schafe und Hühner beobachtet, wenn sie neben dem Haus auf der Wiese nach Nahrung suchten.
Im Unterschied zu einigen ihrer Mitbewohnerinnen sieht sie der Züglete gelassen entgegen, ja sie freut sich sogar darauf. Das ehemalige Spital aus den 1870er Jahren war zwar ganz heimelig und bot einen prächtigen Blick aufs Dorf hinunter, doch es fehlte an gewissen Annehmlichkeiten moderner Häuser. « Für mich ist es das Wichtigste, eine eigene Dusche zu haben » , meint Colette Kuratli. Und die kriegt sie nun im « Rosenthal » .
Eine Ausfahrt zur Überbrückung
Auch der Betonbau, den offenbar einige Bewohnerinnen aus optischen Gründen nicht so mögen, macht ihr gar nichts aus. Richtig Freude hat sie an der zentralen Lage des Neubaus: « Von hier bin ich rasch am Bahnhof. Und von dort geht es dann mit dem Zug nach Rapperswil oder Einsiedeln. » Dort hat sie vor ihrer Pensionierung gearbeitet. « Ich bin halt einfach gerne unterwegs. »
Dazu hat sie nun Gelegenheit. Um 9.30 Uhr mahnen die Betreuerinnen zum Aufbruch. Eine ganze Gruppe von Seniorinnen und Senioren wird zu einem Car gebracht. Auf dem Programm steht eine kleine Rundfahrt in die Linthebene hinunter und zurück nach Wald, aber mit dem Ziel « Rosenthal » . Währenddessen werden die Sachen der Bewohner ins neue Daheim gebracht.
Die Fahrt führt durch Schmerikon, Benken oder Uznach, wo es nicht nur an vielen Störchen vorbei geht, sondern auch die Ewigkeitsstrasse passiert wird. Das richtige Stichwort. « Möged ihr no? » , fragt Jasmin Steiner, Mitarbeiterin des Aktivierungsteams, die die Funktion der Reiseleiterin übernommen hat, da sie sich bestens in der Gegend auskennt. « Und was isch, wämmer nei säged? » , ruft Colette Kuratli. Ihr Schalk blitzt auf, und der ist in Wald bekannt: « Wenn ich ins Dorf gehe, kennen mich alle. Ich gehe auf die Leute zu und finde schnell Kontakt. »
Dank an Kinder und Personal
Dass es ihr nach den langen Spitalaufenthalten wieder so gut gehe, verdanke sie ihren vier Kindern: « Hätte ich die nicht gehabt, wäre ich nie so weit gekommen, wie ich heute bin. » Und dankbar ist sie auch den Pflegerinnen des Walder Altersheims gegenüber: « Die sind wirklich 1A. Sie sind nett und gehen auf einem zu. »
Mittlerweile ist der Car angekommen beim neuen Daheim. « Jetzt geht es schnurstracks zum Bistro » , scherzt Steiner. Dort ist allerdings die Toilette das wichtigste Thema. Nach kurzer Pause geht es hoch in den vierten Stock, wo die neuen Zimmer dieser Gruppe liegen. Jede und jeder der Neuankömmlinge wird mit einem Applaus vom Personal begrüsst.
Essen in Gruppen
Der nächste Programmpunkt: Älplermagronen. Im Unterschied zum « Drei Tannen » , wo sich jeweils alle zu den Mahlzeiten im Esssaal versammelt haben, wird hier nun gruppenweise auf der Etage gespeist. Die zwölf Bewohnerinnen und Bewohner haben teilweise neue Tischnachbarn erhalten. Kein Problem für Colette Kuratli: An ihrem Tisch bringt sie das Gespräch rasch in Schwung.
Das neue Zimmer kostet die Seniorin ein Nachtessen. « Am Tag der offenen Tür im Rosenthal schaute ich zum ersten Mal die Zimmer an. Danach meinte meine Schwiegertochter, mein Zimmer gehe in Blickrichtung Scheidegg, ich glaubte, es sei zum Güntschberg hin ausgerichtet. » Die Schwiegertochter hatte Recht – und gewann die Wette.
Zu sehen ist von Frau Kuratlis neuem Daheim aber nicht nur der markante Hügel, sondern auch ein guter Teil des Dorfes Wald mit beiden Kirchen, der katholischen fast vor dem Fenster. « Mal schauen, wie laut die Glocke ist. Aber das Fenster ist ja gut isoliert » , ist sie zuversichtlich. Eine Pflegerin betritt das Zimmer und entschuldigt sich dafür, dass die Kommode und das Tischli noch nicht eingetroffen sind. Colette Kuratli nimmt es gelassen: « Ich bin pensioniert. Ich habe Zeit. »
Viel Platz
Das neue Zimmer ist nicht nur grösser und heller als das im « Drei Tannen » , wo sie am Morgen jeweils vom Güggel geweckt worden ist. Es hat auch mehr Luft nach oben. « Mir gefallen hohe Räume. Alles hier wirkt freundlich. » Im Bad hat sie im eingebauten Kästli viel Platz. « Ich weiss gar nicht, was ich da reintun soll. Da frage ich mich, ob ich mich künftig schminken soll » , schmunzelt sie. Und ja, die heiss ersehnte Dusche hat sie nun. Allerdings gibt es noch Probleme mit dem Wasser. Es dürfte wohl einige Tage dauern, bis sie unter der warmen Brause stehen kann.
Es klopft immer wieder an der Tür. Mal kommt der Elektriker, dann Zügelleute oder Personal. Und schliesslich schaut auch noch Käthi Schmidt vorbei, die Vizepräsidentin der Stiftung Drei Tannen und frühere Gemeindepräsidentin. Auch hier ist schnell Gesprächsstoff gefunden: der Getränkehandel, den die Kuratlis einst betrieben haben, die frühere Wohnung an der Sanatoriumstrasse oder die gemeinsamen Bekannten.
Etwas fehlt noch
Das Bett steht im Laufe des Nachmittags am richtigen Ort, die Kommode ist da und wird eingeräumt, der Tisch ist ausgerichtet. Auch das geliebte Kissen, das sie von ihren Grosskindern erhalten hat, und der Deckel der Urne ihres vor 22 Jahren verstorbenen Mannes haben den passenden Platz erhalten.
Von ihrem Sohn sollten dann noch der Laptop und der Drucker geliefert werden. Tablet und Handy dagegen hat sie selbst mitgenommen. Auch der digitale Kontakt mit der Aussenwelt ist ihr sehr wichtig. « Gerade während der Corona-Pandemie konnte ich mich so per Videoanruf mit den Enkelkindern austauschen. » Und im Netz lässt es sich auch wunderbar jassen. « Auf meinem Tablet mache ich am liebsten einen Differenzler. Wenn ich am Verlieren bin, kann ich einfach abschalten! »
Eigentlich passt alles. Nur eines fehlt ihr noch: ein bequemer Fernsehsessel. In den nächsten Tagen will sie sich auf die Suche nach dem heiss begehrten Stück machen.
Zwei Heime werden zu einem
Während zwei Wochen sind nach und nach die Bewohner des Pflegezentrums an der Asylstrasse und des Altersheims Drei Tannen an der Sackstrasse ins neue Alterszentrum Rosenthal an der gleichnamigen Strasse umgezogen. Die letzten haben diesen Freitag das neue Heim bezogen, welches über 120 Betten verfügt. Von diesen sind laut Käthi Schmidt, Vizepräsidentin der Stiftung Drei Tannen und ehemalige Walder Gemeindepräsidentin, noch rund 20 frei. « Wegen Corona gab es Zurückhaltung bei Neuanmeldungen. Zudem wollten die Leute nicht zweimal zügeln » , erklärt das Mitglied der Baukommission.
Umzug zweimal verschoben
Wegen Verspätungen beim Bau des neuen Zentrums musste der Umzugstermin zweimal verschoben werden. Und auch jetzt stand das Datum wieder auf der Kippe, da noch nicht alles fertig eingerichtet gewesen ist. « Doch nun befinden wir uns auf der Zielgeraden » , meint Schmidt.
Die Zusammenlegung von zwei Heimen zu einem musste akribisch geplant werden. « Wir haben tatsächlich einen Generalstabsoffizier, der den ganzen Umzug organisiert hat » , betont die Vizepräsidentin. Statt des Zivilschutzes, der an den beiden früher vorgesehenen Terminen zum Einsatz gekommen wäre, nun aber keine Kapazitäten mehr hatte, halfen viele Freiwillige bei der grossen Zügelaktion mit.
Einfachere Wege
Die Zusammenlegung in einem neuen Gebäude erleichtert nicht nur die Abläufe – die Küche etwa musste vorher an drei Standorte liefern –, sondern ermöglicht auch einfachere Wege. So ist das Haus im Zentrum leicht erreichbar.
Aber auch im Innern gibt es statt vieler Treppen nun gleich mehrere Lifte. Die Demenzabteilung wird über einen eigenen Garten verfügen. Und das Angebot « Wohnen im Rosenthal » , das 27 Alterswohnungen umfasst und sich in nächster Nähe zum neuen Zentrum befindet, verfügt nun mit dem neuen Bistro auch über eine Essmöglichkeit.
Ärztezentrum für die ganze Region
Vor allem umfasst der neue Sitz auch ein Ärztezentrum. « Dieses ist nicht etwa nur für die hier wohnenden Senioren gedacht, sondern für ganz Wald und die Region » , unterstreicht Schmidt. Zum breiten Angebot gehörten etwa zwei Frauenärztinnen, eine Hebamme, ein Haus- und ein Kinderarzt sowie eine Psychiaterin. Noch folgen werden eine Hautarzt und ein Urologe.
Altersheim soll verkauft werden
Das neue Zentrum wird laut Schmidt rund 67 Millionen Franken kosten. Was mit den beiden Liegenschaften geschieht, die die Stiftung nun nicht mehr benötigt, ist noch offen. « Das Altersheim wollen wir verkaufen. Allerdings steht das Gebäude samt den beiden Flügel unter Schutz. » Das macht eine Veräusserung nicht eben einfacher.
Das Pflegezentrum könnte etwa als Institution für psychisch Kranke genutzt werden. Ein Wettbewerb soll Antworten liefern. Klar ist für die Stiftung, dass ein neuer Betreiber keine Konkurrenz zum eigenen Angebot sein soll.
