Im Elfenbeinturm gibt es kein WLAN. Wer dort oben sitzt, kümmert sich aber auch um die Hochkultur und macht keine Instagram-Storys. Lachen ist des Teufels, Unterhaltungsliteratur ein Schimpfwort – und die sozialen Medien? Der letzte Ort, an dem Autorinnen und Autoren sich aufhalten sollten. Dieses verstaubte Bild über die Gegenwartsliteratur wurde vor kurzem in der «NZZ am Sonntag» gezeichnet.
Weiter warf man Schweizer Autorinnen und Autoren vor: Selbstdarstellung und Selbstvermarktung würden zur Vermischung von Werk und Autorin führen. Und das sei Sünde, die Aufhebung des höchsten Gebots: Literatur habe ohne das Zutun ihrer Autorinnen und Autoren zu funktionieren, sonst sei es keine Literatur. Kann es sein, dass jetzt, 2021, das 18. Jahrhundert angerufen hat und seine Autorinnen und Autoren zurückwill?
Wenn eine Sängerin auf Instagram ein Selfie postet, auf dem sie mit ihrer Gitarre auf der Bühne steht, fliegen ihr die digitalen Herzen zu. Das Gleiche gilt für den Schauspieler, der seinen Showreel, also das Video seiner besten Szenen, auf Facebook teilt. Oder für die Fotografin, die auf ihre Vernissage hinweist. Alle Künste finden selbstverständlich in den sozialen Medien statt. Aber bei Autorinnen und Autoren fürchtet man offenbar, dass sie wegen Instagram gar nicht mehr zum Schreiben kommen.
Peter Haag, Verleger Kein & Aber
«Das klassische Feuilleton neigt dazu, anstelle des Werks die Autorin oder den Autor zu rezensieren.»
Peter Haag, Verleger von Kein & Aber, versteht nicht, warum heute überhaupt noch über die Trennung von Autor und Werk diskutiert wird: «Das scheint mir eine weltfremde und vor allem idealisierte Betrachtung von Literatur zu sein. Seit je interessieren sich die Leser für die Autorin oder den Autor. Schauen Sie allein, wie Autorenlesungen boomen. Und gerade das klassische Feuilleton neigt immer öfter dazu, anstelle des Werks die Autorin oder den Autor zu rezensieren.»

