Herr Fehr, der Herbst gilt mit Blick auf die Pandemie als kritisch. Wie sind wir in Zürich darauf vorbereitet?
Wir sind jetzt bei den Leuten. Im Vergleich mit dem Kanton Waadt haben wir das Virus einigermassen im Griff – aber die Situation kann kippen.
Die Kantonsegierung glaubt, dass die Ende August verschärften Massnahmen entscheidend waren. Einverstanden?
Es ist plausibel, dass sie Teil der Erklärung sind. Eine Rolle spielt sicher auch, dass wir zurzeit weniger Ferienrückkehrer haben. Zudem sind die Botschaften, wie man sich schützt, inzwischen bei den Leuten angekommen. Dabei helfen Masken, weil sie auch eine Signalwirkung haben. Wenn jemand eine trägt, mache ich reflexartig einen Schritt zurück und erinnere mich wieder an die Hygieneregeln.
Welche der Zürcher Schutzmassnahmen war am wirksamsten?
Ich denke, die Maskenpflicht hat Zürich Schlimmeres erspart. Dabei stütze ich mich auf eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit. Sie gewichtet die Übertragungswege des Virus und zeigt, dass Tröpfcheninfektionen die Hauptursachse für Ansteckungen sind. Deshalb sind Masken entscheidend, natürlich zusammen mit einem guten Schutzkonzept. Ich kann das aus Überzeugung sagen, weil wir seit Beginn der Pandemie im Testzentrum der Uni Zürich über 5000 Patienten hatten – und nicht eine einzige Ansteckung beim Personal. Übertragungen finden vor allem dort statt, wo keine Masken getragen werden.
In Zürich gibt es Widerstand und Demos von Maskengegnern.
Die nehmen vor allem medial viel Raum ein. Im Alltag beobachte ich etwas anderes. Ich bin beeindruckt, wie vorbildlich sich die meisten Leute verhalten. Wir sollten die Maske lieben lernen, wie kürzlich eine Wissenschaftskollegin von mir sagte. Die Maske erlaubt uns, wie gewohnt in die Läden zu gehen, und hilft uns, einen zweiten Lockdown zu verhindern.
Sollten wir sie im Herbst auch im schlecht belüfteten Grossraumbüro tragen?
In Räumen, in denen man nicht alleine ist, rate ich sehr dazu. Zudem sollten wir im Herbst clevere Lösungen fürs Homeoffice suchen. Zum Beispiel einen Turnus: Die einen kommen während der ersten Hälfte der Woche ins Büro, die anderen während der zweiten. Das erhöht die Sicherheit und erlaubt uns dennoch soziale Kontakte. Wenn wir diese nicht haben, brennen wir aus und machen schlechtere Arbeit.

