«Flurona»-Doppelinfektionen sind selten, aber nicht ungefährlich
«Flurona» klingt irgendwie harmlos, etwa so wie der Titel eines Schunkelliedes. Doch so richtig Stimmung kommt bei der von Medien erfundenen Wortkombination aus Flu (englisch für Grippe) und Corona nicht auf. Schliesslich steht sie für die gleichzeitige Ansteckung mit Sars-CoV-2 und dem Influenzavirus, die manchmal alles andere als harmlos verlaufen kann.
Einzelfälle wurden dieses Jahr aus Ländern wie Israel, Spanien, Brasilien oder den USA bekannt. Bereits während der allerersten Corona-Welle beobachtete man, dass sich einzelne Personen gleichzeitig mit dem Influenzavirus und dem Coronavirus angesteckt hatten. Damals kursierte das Grippevirus, während sich Sars-CoV-2 verbreitete.
Mehr als doppelt so hohe Sterblichkeit
Die Grippezahlen sind wieder gestiegen. Nach einer Miniwelle Anfang Februar haben sich derzeit die wöchentlichen Konsultationen wegen einer grippeähnlichen Erkrankung auf dem höchsten Stand seit zwei Jahren stabilisiert. Wenn die restlichen Corona-Massnahmen fallen, könnte das Influenzavirus einen zusätzlichen Schub bekommen.
Lange war unklar, wie gefährlich Flurona-Doppelinfektionen sind. Eine neue Studie im Fachblatt «The Lancet» eines Teams um Kenneth Baillie von der Universität Edinburgh liefert nun beunruhigende Daten: Demnach vervierfacht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit für eine künstliche Beatmung im Vergleich zu einer ausschliesslichen Sars-CoV-2-Infektion. Die Sterblichkeit war in der Studie 2,4-mal so hoch.
Grippe-Konsultationen sind gestiegen
Wöchentliche Zahl der Konsultationen aufgrund grippeähnlicher Erkrankung pro 100’000 Einwohner:
Es sei die grösste Untersuchung zum Thema, schreiben die Forschenden. Sie verwendeten die Angaben von über 200’000 Personen, die Ärzte zwischen Februar 2020 und Dezember 2021 an britischen Spitälern wegen Covid-19 behandelt hatten. Knapp 7000 von diesen Patienten wurden auf zusätzliche Atemwegsinfektionen untersucht. Bei 227 fanden sich zusätzlich Grippeviren, bei 220 das RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus) und bei 136 weiteren Patienten Adenoviren.
Die gute Nachricht: Für Co-Infektionen von Sars-CoV-2 mit dem RS-Virus und Adenoviren fanden die Forschenden kein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe. Doch auch die schweren Flurona-Verläufe in der Studie seien kein Grund zur Sorge, sagt Huldrych Günthard, stellvertretender Direktor der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich. «Die gleichzeitige Infektion mit Sars-CoV-2 und Influenza ist ein sehr seltenes Phänomen», sagt der Infektiologe. Zusammen mit dem Institut für Medizinische Virologie wurde in der Anfangsphase der Pandemie intensiv nach solchen Doppelinfektionen gesucht. «Ich kann mich nur an einen einzigen Fall erinnern, obwohl das Influenzavirus damals stärker zirkulierte als heute.»
«Die gleichzeitige Infektion mit Sars-CoV-2 und dem Influenzavirus ist ein sehr seltenes Phänomen.»
Huldrych Günthard, Infektiologe Universitätsspital Zürich
Hinzu kommt: Weil in der «Lancet»-Studie die meisten Patienten aus der ersten Welle stammen dürften, waren sie nicht gegen Covid geimpft – bekanntlich nicht unbedingt ein Schutz vor einer Infektion, aber vor einem schweren Verlauf. Günthard vermutet auch, dass in der Studie mehrheitlich besonders Kranke auf mehrere Infektionen getestet wurden, was die Resultate wahrscheinlich verfälscht hat. «Die Autoren weisen selber auf diese mögliche Verzerrung ihrer Daten hin», sagt er.
Ob es tatsächlich noch für eine richtige Grippewelle reicht, bleibt ohnehin abzuwarten. Sie wäre dann ungewöhnlich spät. «Es würde sich dann zeigen, wie stark sich saisonale Effekte bei Influenza auswirken», so Günthard. Offen ist auch, ob es nach zwei Jahren ohne Grippe zu mehr hartnäckigen und schweren Verläufen kommen würde.
(Felix Straumann)