Feuerwehren im Tösstal standen am Wochenende im Dauereinsatz
Nach Starkregen in der Region
Das Tösstal war mit am stärksten betroffen vom Dauerregen. Nach einem turbulenten Wochenende ziehen die Feuerwehren von Turbenthal und Zell Bilanz. Ihre Arbeit stiess auch beim zuständigen Regierungsrat auf Interesse.
Das Tösstal hat ein unruhiges Wochenende hinter sich: Es regnete fast ununterbrochen. Die Auswirkungen des Dauerregens zeigen sich nicht nur beim Blick auf die braunen Wassermassen, die das Flussbett der Töss bis zum Rand und darüber hinaus füllen, sondern auch an den Einsatzberichten der lokalen Feuerwehren.
Betrachtet man die Anzahl Einsätze, so war die Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg eine der am meisten geforderten Feuerwehren im Kanton. Sie stand vom frühen Freitag- bis zum späten Samstagabend praktisch ununterbrochen im Einsatz.
Die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ) geht in einer ersten Hochrechnung von kantonal rund 300 Schadenfällen und einer Schadenssumme von rund zwei Millionen Franken aus.
Neben gefluteten Kellern ereignete sich zwischen Schmidrüti und Freckmünd zudem ein Murgang, der die Zufahrtsstrasse blockierte und Schmidrüti kurzzeitig von der Wasserversorgung abschnitt.
Grundwasser flutet Keller und Festgelände
Zu den Spitzenzeiten waren rund 60 der insgesamt 90 Feuerwehrleute in Einsätze involviert. Am Freitagabend um zirka 21.30 Uhr erreichten die Aufgebote einen Zenit: 25 Einsätze liefen zu dieser Zeit parallel. Insgesamt verzeichnete die Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg über das Wochenende 42 Einsätze.
Am meisten musste die Feuerwehr in Gebieten rund um die Tösstalstrasse ausrücken, um Keller und Garagen auszupumpen, die sich mit Grundwasser gefüllt hatten. Dass die Zahl der Einsätze nicht noch viel höher ist, hat laut Kommandant Christian Wullschleger auch damit zu tun, dass viele die Gefahrenlage kennen.
«Das Gebiet in und um Turbenthal liegt über einem der grössten Grundwasserseen in der Region.» Deswegen hätten viele Haushalte schon vorsorglich Pumpen installiert. «Sie rufen uns erst, wenn auch das nicht mehr hilft.»




Hervortretendes Grundwasser war auch bei den Turn-Regionalmeisterschaften in Turbenthal ein Problem: Um die Sicherheit des Fests, seiner Teilnehmer und Besucher sicherzustellen, war die Feuerwehr auch hier permanent eingebunden.
Am Montagmorgen nahm Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos) einen Augenschein vor Ort. Gemeinsam mit Lars Mülli, dem Direktor der GVZ, und Vertretern der Gemeinden Turbenthal und Wila liess er sich den Einsatz erklären, bevor er dazu überging, den Feuerwehrleuten für deren «dermassen sensationelle Arbeit» zu danken.
Auch Wullschleger hob noch einmal hervor, wie stolz er auf seine engagierte Mannschaft sei.
Fehr gab zu bedenken, dass die kantonsweit rund 6800 Feuerwehrangehörigen zwar zahlenmässig weniger, dafür umso besser ausgebildet seien. Die Delegation aus Regierungsrat und Vertretern der GVZ wollte sich aber auch ein konkretes Bild machen.
Überlaufene Abwasserleitungen
Wullschleger führte die Truppe aufs Festgelände der RMS und in einen Keller nach Wila, in dem das Wasser durch ein winziges Loch einzutreten und den Keller zu fluten vermochte. Hier und auch an mehreren weiteren Orten laufen die Pumpen noch immer, um sicherzustellen, dass der Grundwasserpegelstand nicht erneut rasch ansteigt.
Neben den Vorfällen mit dem Grundwasser kam es andernorts auch zu Rückstaus von Schmutzwasser. Sie entstehen im Kanalisationssystem, wenn die eigentlich getrennten Röhren von Abwasser und Regenwasser nicht mehr genügend aufnahmefähig sind. Läuft Regenwasser in die Abwasserrohre, kann sich dieses etwa in Toiletten und Schächten stauen und sie gar zum Überlaufen bringen.
Passiert ist das etwa im Keller eines Anwohners in Rikon, der das Ganze auch mit einem Video dokumentiert hat. Der Abwasserschacht überlief, woraufhin sich schmutziges Wasser im Kellergeschoss verteilte und die Einrichtung beschädigte. «Ich wohne seit 15 Jahren hier, und so etwas ist mir vorher noch nie passiert», berichtet der betroffene Anwohner.
Dieses Handyvideo zeigt, wie sich der Keller eines Anwohners in Rikon mit Abwasser gefüllt hat. Schnitt: Simon Grässle
Rikon war der Ort, der auf dem Zeller Gemeindegebiet am stärksten unter den Wassermassen zu leiden hatte. «Vom Dorfeingang bis zum -ausgang waren alle Gebäude entlang der Töss, die etwas tiefer stehen, betroffen», sagt Roman Siegenthaler, Kommandant der Feuerwehr Zell.
Lediglich ein bis zwei Meter hätten den Unterschied ausgemacht, ob es bei einem Haus Grundwasser in die Keller gedrückt habe oder nicht. Die meisten Betroffenen hatten aber sozusagen Glück im Unglück: «Denn es war sauberes Wasser», so Siegenthaler.
Die Feuerwehr Zell war vom Freitagabend bis Sonntagmorgen über 36 Stunden lang im Dauereinsatz. In dieser Zeit rückte die Mannschaft an über 20 Standorte aus. «Die grösste Herausforderung war schlichtweg die Wassermasse», sagt der Kommandant.
Er berichtet von einer Liegenschaft, die besonders stark betroffen war: Dort sei das Grundwasser aus jeder Betonritze und dem Boden gespritzt und sei einfach so aus den Wänden gelaufen. «Dagegen machen kann man nichts, nur warten», meint er. «Gegen Wasser ist man ziemlich machtlos.»
Jahrhundertgewitter als «Lehrblätz»
Wie Siegenthaler erklärt, hat man nach dem Jahrhundertgewitter vor zwei Jahren «einiges dazugelernt». Damals trat der Zellerbach über seine Ufer und überschwemmte in Zell ein ganzes Quartier. Die Schäden beliefen sich auf mehrere Millionen Franken.
Die Feuerwehrleute stiessen damals an ihre Leistungsgrenze. «Jetzt haben wir den Austausch der Leute besser organisiert», erklärt der Kommandant. Von den rund 20 Feuerwehrangehörigen waren jeweils 10 bis 12 auf einmal im Einsatz, die anderen durften nach Hause, um sich auszuruhen oder zu schlafen.
Dadurch konnten auch die Aufräumarbeiten und die Wartung des Materials laufend erledigt werden. Die Pumpen, die die Feuerwehr Zell bei den benachbarten Feuerwehren Weisslingen und Elsau-Schlatt sowie dem Stützpunkt Winterthur ausgeliehen hatte, sind bereits zurückgegeben.
Der Aufwand für das eigene Material ist nicht mehr gross. «Es hat sich einmal mehr gezeigt, dass wir als Mannschaft funktionieren», sagt Siegenthaler zufrieden.
Deutlich weniger los war weiter oben im Tösstal. «Es war ruhig, wir hatten nur drei Einsätze wegen Wasser», erklärt ein entspannter Beat Bosshard, Kommandant der Feuerwehr Bauma, am Telefon. Entspannt – und seit dem Wochenende auch erkältet – ist jetzt auch Roman Siegenthaler. Den stark zurückgegangenen Wasserpegelstand der Töss deutet er als gutes Zeichen: «Das Wasser ist auch nicht mehr braun. Es ist schon fast wieder gut.»