«Es war nie unser Wunsch, in ein anderes Land zu ziehen»
Geflüchtete Ukrainerinnen im Oberland
Vor zwei Jahren ist der Krieg in der Ukraine ausgebrochen, und viele Menschen mussten flüchten. Wir haben vier ukrainische Frauen getroffen, die im Oberland ein Stück Zuhause gefunden haben.
Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer war der 24. Februar 2022 ein Tag des Schocks und der Ohnmacht. Was es heisst, wenn im eigenen Land Krieg herrscht, ist für uns in der Schweiz unvorstellbar. Dieser Albtraum wurde für die Ukraine vor zwei Jahren zur Realität, und viele Familien mussten rasch handeln und schwierige Entscheidungen treffen.
In der Schweiz leben laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) knapp 70’000 Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit. Wir haben vier geflüchtete Frauen getroffen, die mittlerweile im Zürcher Oberland etwas Halt gefunden und hier mit ihren Familien ein neues Leben aufgebaut haben. Wie es ihnen geht, erzählen sie in ihren persönlichen Geschichten.
«Der Krieg hat unsere Sicht aufs Leben verändert»
Yuliia Bezruchko (42) lebt mit Mann und Tochter in Rüti
«Schon seit 2014, seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland, wussten wir, dass etwas nicht stimmt. Schon lange lag unter unserem Bett ein Koffer mit den wichtigsten Papieren und Gegenständen bereit. Am 24. Februar 2022 kam mein Mann viel früher vom Fischen zurück. Er sagte mir: ‹Der Krieg hat begonnen.› Ich konnte es nicht glauben.

Zuerst war unklar, ob wir überhaupt aus Charkiw herauskommen würden. Doch ein Freund war auch gerade losgefahren und versicherte uns, die Grenze sei offen. Nach langem Warten im Stau liessen wir unsere Heimat schliesslich hinter uns. Mein Mann wollte uns eigentlich nur zur Grenze bringen und dann zurückkehren, um unser Land zu verteidigen. Doch während wir fuhren, sah ich das Ausmass der Zerstörung. Meine Tochter Diana und ich baten ihn, mit uns weiterzufahren. Ich hatte grosse Angst vor einer nuklearen Explosion. Raketen flogen über unseren Köpfen vorbei.
Endlich über der Grenze in Polen spürte ich eine grosse Erleichterung. Da unser Auto unterwegs den Geist aufgegeben hatte, reisten wir mit dem Zug nach Österreich und kamen schliesslich im April 2022 in die Schweiz. Wir hörten, dass es hier viele Luftschutzkeller gibt. Nach ein paar Wochen im Bundesasylzentrum in Embrach wurden wir der Gemeinde Rüti zugewiesen.
In der Schweiz wurden wir freundlich aufgenommen, die Menschen hier sind sehr herzlich. Ich musste weinen vor Freude. Schon bei unserer Ankunft am Bahnhof in Zürich fragte man uns, ob wir Hilfe brauchen. Und auf der Strasse sagt man sich ‹Grüezi›, das kenne ich von Charkiw nicht.
An unserem ersten Tag in Rüti lernte ich eine Frau mit einem kleinen Brocki kennen. Mein Mann und ich können nun in ihrem Brocki mithelfen. Und zweimal pro Woche gehen wir in den Deutschkurs. Auch Diana hat sich schnell eingelebt. Sie ist mittlerweile elf Jahre alt und geht hier in die Primarschule. Sie ist beinahe jede Woche an ein Geburtstagsfest eingeladen.
Uns gefällt es hier. Aber wenn der Krieg irgendwann vorbei ist, wollen wir wieder zurück. Als wir in die Schweiz kamen, fragte Diana jeden Abend, wann wir wieder zurückgehen. Die Ukraine ist unser Zuhause. Wir denken viel an die Ukraine und probieren auch von hier aus den Leuten dort zu helfen. Wir schicken Geld, andere stricken warme Socken für die Soldaten. Mein Vater in der Ukraine stellt Gaskerzen für die Soldaten her, über denen sie kochen können.
Der Krieg hat unsere Sicht aufs Leben verändert. In Charkiw hatten wir eine kleine Wohnung und wollten eigentlich in eine grössere ziehen. Diese Gedanken mache ich mir nicht mehr. Heute stehen für mich die Beziehungen zu meinen Mitmenschen an erster Stelle.» (mer)
«Wir haben manchmal Schuldgefühle»
Mariya Chen (37) lebt mit Mann und drei Kindern in Gossau
«Ich finde es unglaublich wichtig, dass man darüber spricht und die Leute daran erinnert, was in der Ukraine momentan geschieht. Denn ein bisschen habe ich das Gefühl, dass das Thema schon wieder in Vergessenheit gerät. Wir leiden immer noch sehr unter der Situation in unserer Heimat, obwohl unsere Familie mittlerweile zum Glück etwas Halt im Zürcher Oberland gefunden hat.

Es war nie unser Plan oder Wunsch, in ein anderes Land zu ziehen, doch dann kam alles anders. Die erste Woche, als ich meinen Mann in der Ukraine zurücklassen musste und mit unseren drei Kindern allein nach Polen flüchtete, war die schlimmste Zeit meines Lebens. Als nach einer Woche klar wurde, dass wir nicht zurück nach Hause können, reiste ich mit den Kindern vorerst nach Warschau weiter, und wir lebten dort eine Zeit lang.
Es flogen dauernd Helikopter in der Luft umher, die die Umgebung prüften. Diese Fluggeräusche haben mich jedes Mal erschreckt. Es war schrecklich. In dieser Zeit hatte ich keine ruhige Minute, und durch den Stress habe ich sehr viel an Gewicht verloren. Ich machte mir grosse Sorgen um meinen Mann. Da wir drei Kinder haben, musste er nicht an die Front, um aber trotzdem zu helfen, setzte er sich freiwillig ein. Er half Menschen, die aus dem Osten kamen, und suchte für sie nach benötigten Medikamenten oder Krankenhäusern.
Nach langen Monaten flüchtete mein Mann endlich zu uns. Wir waren überglücklich, wieder zusammen zu sein, und entschieden uns, in ein ruhigeres Land zu ziehen, in dem unsere Kinder eine gute Ausbildung machen und wir unserer Arbeit nachgehen können.
So landeten wir in der Schweiz, wo auch meine Cousine seit 15 Jahren lebt. Durch die Mitgliedschaft im Rotary Club von meinem Mann fanden wir eine Familie, die uns netterweise eine Unterkunft anbot. Wir haben Schuldgefühle, in einem anderen Land zu wohnen, wenn andere in der Ukraine kämpfen und ihr Leben opfern. Doch wir haben diese Entscheidung für unsere Kinder getroffen. Sie haben sich mittlerweile schon gut eingelebt und integriert. Mein Sohn ist im Fussballklub und hat gute Freunde gefunden, für meine jüngere Tochter sind wir gerade auf der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle, und die ältere geht ins Gymnasium.
Heute leben wir in einer Mietwohnung in Gossau, haben Jobs in der Schweiz, sprechen Deutsch, und unsere Kinder sind versorgt – von aussen gesehen geht es uns gut, und wir sind natürlich dankbar für alles, in unseren Herzen weinen wir aber weiter, und in Gedanken sind wir immer bei unserem Heimatland und unterstützen dieses, wo wir nur können.» (alk)
«Im Geist bin ich in Odessa zu Hause»
Inessa Funtikova (48) lebt mit ihren jüngsten Kindern in Effretikon
«Als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, habe ich mit unseren vier Kindern unsere Heimatstadt Odessa noch am selben Tag verlassen. Die Frau meines ältesten Sohns war auch mit uns. Wir wollten in Polen bei Verwandten vorübergehend unterkommen. Wir haben es bis nach Moldawien geschafft, das ist nur eine vierstündige Autofahrt entfernt.

Doch in Moldawien wollten sie uns nicht aus dem Land lassen, weil der Pass meiner jüngsten Tochter abgelaufen war. Mein Mann blieb in Odessa, um in den ersten Kriegstagen bei den ukrainischen Streitkräften zu helfen. Wir haben vier Kinder, das heisst, mein Mann hätte mit uns ausreisen dürfen. Aber er wollte bleiben. Er sagte, dass dies seine Heimat sei und er sich in der Ukraine für die Verteidigung einsetzen wolle.
Wir waren alle sehr müde. Ich stand vor einem Dilemma: Ich konnte nicht zurück in die Ukraine, weil ich einen erwachsenen Sohn dabei hatte, der sofort hätte einrücken müssen – und wir konnten auch nicht weiterreisen, weil seine siebenjährige Schwester keinen gültigen Pass hatte.
Also entschied ich, dass wir meine jüngste Tochter im Kofferraum verstecken und wir alle gemeinsam nach Polen reisen. Am selben Tag beschloss ich auch, dass ich die Situation einfach hinnehmen muss und die Probleme dann löse, wenn sie auftauchen.
Wir fuhren über Rumänien nach Polen. Auf dem Weg hatten wir einen Autounfall: Das Auto überschlug sich und landete auf dem Dach in einem Graben. Ausser mir blieben alle unverletzt. Ich wurde wegen meines gebrochenen Arms in einem rumänischen Krankenhaus operiert. Als wir es dann endlich nach Polen geschafft haben, blieben wir eine Weile dort. Doch dann wurde es schwierig, weil die Verwandten ein ruhiges Leben gewohnt waren. Da passte eine Familie mit kleinen Kindern nicht dazu.
Also fuhren wir zurück nach Odessa. Im April und Mai 2023 war es da noch recht ruhig. Ich dachte immer: ‹Das dauert jetzt noch sechs Monate, dann ist alles vorbei.› Leider war es nicht so, und die Stadt wurde immer brutaler bombardiert. Putins Streitkräfte arbeiten mit gefährlichen Shahed-Drohnen, und Odessa ist eine strategisch wichtige Stadt, weil sie am Meer liegt.
So sind wir im Oktober in die Schweiz geflüchtet. Erst lebten wir in einem Asylzentrum, und innerhalb eines Monats bekamen wir eine Wohnung in Effretikon. Diese war befristet. Vor drei Wochen konnten wir jedoch in eine andere Wohnung umziehen. Meine Kinder gewöhnten sich schnell an die Situation, sie lernen die Sprache hier schnell. Mein jüngster Sohn ist mittlerweile sechs Jahre alt. Mein ältester Sohn ist schon ausgezogen, er lebt in Basel und studiert als Programmierer.
Mein Kopf versteht, dass meine Kinder hier ein ruhiges Leben führen können und es hier sicher ist. Doch im Geist bin ich in Odessa zu Hause. Niemand hätte in der Friedenszeit jemals gedacht, dass in unserer ruhigen Stadt Odessa jemals so etwas passieren könnte, was jetzt in der gesamten Ukraine geschieht.» (eru)
«Ich fühlte, dass etwas Schreckliches kommen wird»
Eugenia Mashchenko (41) arbeitet als Fotografin und Künstlerin in Rüti

«Natürlich kam der grosse Kriegsausbruch unerwartet für mich. Doch ich merkte schon lange, dass es unter der Oberfläche brodelt. Es war fatal, dass die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer nicht realisierten, wie der Krieg schon seit 2014 Teile des Lands bedrohte. Vor dem 24. Februar 2022 bezeichneten sie ihn nicht einmal als Krieg.
Im August 2021, ein halbes Jahr vor dem Ausbruch, war ich am Umzug des nationalen Unabhängigkeitstages der Ukraine. Über uns flogen Militärkampfflieger. Als ich den schrecklichen lauten Ton der Flieger hörte, fühlte ich, dass etwas Schreckliches kommen wird.
Als der Krieg begann, spürte ich natürlich, wie eine Angst in mir hochkam. Doch ich überlegte rational. Ich realisierte, dass ich aus dem Zentrum von Kiew, wo ich bis anhin wohnte, gehen muss. Die Freiheit ist für mich mein oberstes Gut, und die Vorstellung, eingekesselt zu sein, war für mich untragbar. Ich zog an den westlichen Rand Kiews zu einer Freundin und bald darauf zu meinen Verwandten in die Schweiz. Sie leben seit 18 Jahren in Rüti.
Es gefällt mir hier. Die Menschen sind wohlwollend und unkompliziert. Eine Person, die ich erwähnen möchte, ist Annette Carle. Sie hilft in Rüti vielen Geflüchteten ehrenamtlich. Durch sie kam ich zu meiner Arbeit für die Standortförderung Zürioberland, für die ich Kunstwerke und Gebäude aus dem Oberland fotografiere und katalogisiere.
Seit dem Krieg habe ich begonnen, mich mehr mit der Zukunft zu beschäftigen. Diese Gedanken vermischen sich automatisch mit meiner Kunst. Ich sehe keine einzelnen Krisen, etwa in der Ukraine oder in Gaza. Wir stecken in einer globalen Krise. Es stellt sich die Frage: Wohin gehen wir?
Eines ist für mich klar: Für die Sicherheit in unserer Welt ist das Überleben der Ukraine als unabhängiges Land sehr wichtig.
Wie es weitergeht, weiss ich noch nicht. Ich kann mir gut vorstellen, wieder in die Ukraine zurückzukehren. Jedoch erst, wenn mein kreativer Beruf dort wieder gefragt ist. So lange bin ich sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, hier zu arbeiten, und dass ich von meinen Familienmitgliedern unterstützt werde.
Trotz all dem Schlechten bleibe ich optimistisch. Ich glaube, dass das Gute im Menschen überwiegt. Sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr.» (mer)