Er sucht neue Wege – bis der Dampfkochtopf fast pfeift
Simon Meier prägt den UHC Uster als Profitrainer und als Ausbildner. Wie tickt der 49-Jährige? Und wo zieht es ihn noch hin?
Einmal UHC Uster, immer UHC Uster? Der Schluss liegt nahe, wenn man die Trainerkarriere von Simon Meier anschaut – 2020 wurde er schon zum vierten Mal Cheftrainer hier. Der Eindruck verfestigt sich, je länger man mit ihm spricht – und ihn auch über seinen Arbeitgeber reden und schwärmen hört. Und die Stühle im Trainerbüro auf der Ustermer Buchholz-Anlage sind so opulent und bequem, dass man als Besucher unweigerlich denkt: Hier hat es sich einer gemütlich eingerichtet.
Aber der Eindruck kann eben täuschen. Einmal Uster, immer Uster? Auf die Frage zum Schluss des gut anderthalbstündigen Gesprächs zögert Simon Meier keine Sekunde: «Nein», sagt er mit Nachdruck. «Ich verstehe, dass der Eindruck entsteht. Aber er ist ganz falsch. Ich bin eigentlich gar nicht so ein Vereinsmensch.»
Als Trainer im Ausland zu arbeiten, das geht ihm beispielsweise immer wieder einmal durch den Kopf. Und im Inland erhielt er auch schon Anfragen, von einem Playoff-Halbfinalisten etwa. «Ich würde ja lügen, wenn ich sage, das interessiert mich nicht», sagt Meier.
Als Vize-Weltmeister nur kurz zufrieden
Konkret wurde es aber nie – Meier ist in Uster verwurzelt. Nicht nur, weil der gebürtige Thurgauer mit seiner Familie schon seit über 20 Jahren in der Region lebt. «Ich habe sehr viele Freiheiten und spüre ein extremes Vertrauen des Vereins», sagt er. Ein Status, den er sich erarbeitet hat. Meier war 2004 beim ersten Aufstieg in die NLA dabei (als Assistent). Er führte die Ustermer 2017 erstmals in die Playoffs und im letzten Frühling zum ersten Sieg in einer Playoff-Partie. Vor allem aber steht er für die Ustermer Philosophie, ein Verein zu sein, der Nationalspieler nicht von aussen transferiert, sondern sie selber ausbildet.
Dass Pascal Schmuki nach Schweden wechselte, zum «besten Klub der Welt», wie Meier sagt, bezeichnet er als Erfolg für den UHC Uster. Sein persönlich grösster Erfolg – gemessen an Resultaten – erlebte er aber als U19-Nationaltrainer mit dem Vize-Weltmeistertitel in Dänemark 2023. Es war einer jener seltenen Momente, in denen er zufrieden war, wie er sagt. Es sagt aber auch viel über ihn aus, dass bei ihm schon auf dem Rückflug die Euphorie der Frage Platz machte: Was können wir beim nächsten Mal besser machen?
Es besser machen, dazulernen, neue Dinge ausprobieren: Das treibt Simon Meier an, und er findet Unihockey auch deshalb faszinierend, weil es noch immer eine junge Disziplin ist, in der man als Trainer nicht auf längst ausgetretenen Pfaden unterwegs sein muss. «Neue Dinge zu entwickeln, das ist das, was ich am allerliebsten mache.» Und dabei geht es um einen eigenen Weg – und nicht darum, die Besten zu kopieren.
Meier macht ein Beispiel: «Wir versuchen in Uster im Zweikampfverhalten völlig unschweizerisch zu sein. Schon im Training.» Also mit viel mehr Intensität und Härte zu Werke zu gehen, als es in der nationalen Meisterschaft der Fall ist. Denn international wird weniger streng gepfiffen – und Meier glaubt, dass auch in der Schweiz ein Umdenken stattfinden wird. «Dann sind wir die ersten, die bereit sind.»
Das brauchte Überzeugungsarbeit bei einigen Spielern. Als die Ustermer aber vor einem Jahr erstmals an ein Vorbereitungsturnier nach Schweden reisten und die dortige Gangart erlebten, stellten sie fest: Da wird gespielt, wie wir trainieren. «Das war eine Hilfe für mich», sagt Meier.
Perfektionistisch? Nein, beharrlich
Ist Simon Meier ein Perfektionist? «Mein Umfeld sagt das, und meine Frau findet manchmal, ich solle mit meinem Perfektionismus aufhören. Doch ganz ehrlich: Ich finde nicht, dass ich perfektionistisch bin. Ich glaube, dass ich sehr beharrlich bin – doch das ist für mich etwas anderes als perfektionistisch.» Mit Meier lässt sich vortrefflich über solche Definitionen diskutieren und philosophieren – und er sagt auch unumwunden, dass Gespräche regelmässig länger dauern als eigentlich geplant.
Meier ist einer der wenigen Schweizer Unihockey-Profitrainer. Früher war er in der IT-Branche tätig – und es hatte auch mit Uster zu tun, dass er sich entschied, sein Hobby zum Beruf zu machen. Als er 2004 nach dem Aufstieg in die NLA Cheftrainer in Uster wurde, war sein Erfahrungsrucksack kaum gefüllt. Wenn er jetzt zurückdenkt, schüttelt er den Kopf. «Das war rückblickend schon etwas gar selbstbewusst.» Er war noch keine 30 Jahre alt und zuvor gerade mal zwei Saisons Cheftrainer beim Frauenteam von Thurgau gewesen. «Und ich hatte kaum Lebenserfahrung.»
Salopp formuliert zeigte ihm das: Wenn ich es richtig machen will, muss ich das professionell tun. Er liess sich zum Trainer ausbilden, reduzierte sein Arbeitspensum im angestammten Job und gehörte zu den ersten Nachwuchs-Nationaltrainern in der Schweiz, die diese Aufgabe nicht mehr nur im Ehrenamt machten.
Gesehen werden, aber nicht auffallen
Unterdessen ist er zu je 50 Prozent von Swiss Unihockey und vom UHC Uster – sein Arbeitspensum reicht aber weit über 100 Prozent hinaus. Meier schreibt seine Arbeitszeit auf, «das interessiert ehrlicherweise weder den Verband noch den Verein – aber mich. Es ist gut, auch mal sagen zu können: Ich habe diese Woche schon 60 Stunden gearbeitet.»
Das Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Laut Meier ist es während der Saison die Untergrenze.
Wobei sein Job nicht nur auf Wochentage beschränkt ist. Am Wochenende stehen neben den Spielen mit dem UHC Uster auch Matchbesuche in der Funktion des U19-Nationaltrainers. Meier ist es wichtig, vor Ort präsent zu sein und nicht nur Livestreams anzuschauen. Nicht, um selber aufzufallen – deswegen zieht er auch nicht die Trainerjacke des Nationalteams an. «Auffallen will ich nicht. Aber die, die mich kennen, dürfen durchaus wahrnehmen, dass ich da bin.»
In seinem Berufsalltag setzt er sonst aber bewusst darauf, die Trainerjacke des UHC zu tragen – und sich nach Feierabend wieder umzuziehen. Er tut das auch, wenn er einmal zu Hause arbeitet, um Distanz zum Job zu bekommen und abschalten zu können. Das Hobby zum Beruf zu machen, ist auch ein Risiko. Meier verhehlt nicht, dass er lernen musste, Dinge abzugeben, nein zu sagen, mal 24 Stunden lang keine Nachrichten zu beantworten.
«Es gab Zeiten, in denen es mir zu viel war. Es ist mir aber gelungen, zu reagieren, bevor der Dampfkochtopf gepfiffen hat.» Erholung findet er bei Spaziergängen mit dem Hund (und ohne Handy) oder auf dem Tennisplatz. Und natürlich im Kreise der Familie. Dort ist Unihockey zwar auch nicht weit entfernt: Die Tochter spielt im Nachwuchs der Red Ants Winterthur – und der Sohn spielt im Fanionteam in Uster. «Im privaten Rahmen geht es zwischen ihm und mir aber mehr über den FC St. Gallen. Über Unihockey reden wir, wenn wir hier im Buchholz sind.»
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