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«Er ist die loyalste Person, die man sich vorstellen kann»

Seit 25 Jahren steht der Illnauer Beat Zehnder bei Sauber als Teammanager an der Boxenmauer.

Anfangs interessierte er sich nicht für Rennsport: Beat Zehnder kam 1987 zu Sauber – und blieb., Zehnder mit Teamchef Vasseur: «Niemand verkörpert den Geist des Teams so sehr wie Beat», sagt der Franzose.

Sauber Motorsport AG

«Er ist die loyalste Person, die man sich vorstellen kann»

Alles begann mit einem Inserat im «Zürcher Oberländer» – und mit einer Absage. Als sich Beat Zehnder 1987 auf eine ausgeschriebene Stelle als Sportwagen-Mechaniker bei Peter Sauber bewarb, war er weder interessiert am Rennsport noch erfahren darin. «Ich hatte keine Ahnung, was die Firma Sauber macht. Und ich konnte nicht nachvollziehen, weshalb Leute am Sonntagnachmittag am TV zuschauen, wie Autos im Kreis herumfahren», sagte der Illnauer vor einigen Jahren zum «ZO».

Entsprechend kurz war das erste Gespräch. Einen Monat später meldete er sich per Telefon doch noch einmal – und wurde tatsächlich eingestellt, weil Peter Sauber schlicht verzweifelt auf der Suche nach Personal war. «Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte», sagt der ehemalige Patron heute.

Rennautos statt Weltmeere

Zehnder wollte sich ursprünglich eigentlich gar nicht um Rennautos kümmern, sondern um Schiffsdiesel. In die Welt hinaus zog es ihn nach der Lehre, auf die Weltmeere – bis sein Lehrbetrieb Sulzer Zehnders Pläne durchkreuzte und die Produktion einstellte. Also begab er sich doch zu Sauber, in diese für ihn unbekannte Welt – für «vielleicht ein, zwei Jahre», wie er glaubte.
 

Es sind viel, viel mehr daraus geworden. Seit 32 Jahren arbeitet Zehnder für den Rennstall, ob dieser nun Sauber, BMW-Sauber oder Alfa Romeo hiess. Zuerst als Mechaniker, dann als Chefmechaniker, bei Saubers Formel-1-Einstieg 1993 war er zudem für die Logistik zuständig. Und vor 25 Jahren, am 31. Juli 1994, erlebte er seine Feuertaufe als Sauber-Teammanager in Hockenheim. Dort, wo die Formel 1 auch an diesem Wochenende gastiert.

Für Zehnder war die Loyalität wichtiger als die Karriere – auch 2015 und 2016, in den schwierigsten Jahren der Sauber-Geschichte.

Sein Debüt endete sportlich desaströs. Beide Fahrer überstanden nicht einmal die Startrunde, weil sie in Karambolagen verwickelt wurden. Doch dafür konnte Zehnder nichts. Für ihn markierte der 31. Juli 1994 den Auftakt einer Karriere, die im Haifischbecken Formel 1 ihresgleichen sucht. Selber gesucht hatte er diese Position nicht. Peter Sauber stellte den Illnauer mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen. «Du bist es jetzt», sagte der Teamchef zu Zehnder, der dann doch noch um etwas Bedenkzeit bat.

Unterdessen ist er nicht nur der amtsälteste Teammanager, sondern hat sich in Formel-1-Kreisen den Ruf eines «lebenden Regelwerks» verdient. Und wenn das Team in der Medienmitteilung schreibt, Zehnder sei eine Legende des Sports, ist das nicht übertrieben. «Man kann sich Sauber Motorsport nicht ohne Beat Zehnder vorstellen», sagt Peter Sauber.

Geblieben ist er immer. Als Sauber die Firma 2006 an BMW verkaufte, nach dem Rückkauf 2010 und auch in den schlimmen letzten Jahren, als das Ende nah schien, das Geld äusserst knapp war und phasenweise gar die Löhne nicht mehr pünktlich bezahlt werden konnten. Angebote von anderen Teams gab es zwar immer wieder, darunter lukrative von namhaften Rennställen. Doch für Zehnder war die Loyalität wichtiger als die Karriere – auch 2015 und 2016, in den schwierigsten Jahren der Sauber-Geschichte.

«Eher wäre ich mit der Firma untergegangen.»
Beat Zehnder

Zwar hatte auch der Illnauer Momente, in denen alles zuviel wurde. Aber: «Ich war nie so weit, dass ich wirklich dachte, ich müsse aufhören. Ich wäre mit mir selber nicht klargekommen, wenn ich den Bettel hingeschmissen hätte. Eher wäre ich noch mit der Firma untergegangen.»

Zum Schwindler sei er damals geworden, sagte er letztes Jahr in einem Interview, «manchmal beabsichtigt, manchmal unbeabsichtigt. Es war ein schmaler Grat zwischen dem, was wir sagen konnten, und dem, was wir verheimlichen mussten.» Ausgerechnet in heiklen Momenten musste er an Pressekonferenzen teilnehmen und mit schönen Worten möglichst wenig Heikles sagen. Wie etwa im Sommer 2016, kurz bevor der aktuelle Besitzer Longbow einstieg: «Das Licht am Ende des Tunnels war immer da, aber der Tunnel war massiv lang. Nun wird er kürzer.»

«Niemand verkörpert den Geist unseres Teams so sehr wie Beat.»
Frédéric Vasseur, Teamchef

Dass Zehnder an offiziellen Medienkonferenzen auftreten muss, ist selten. Das dürfte dem Illnauer ganz recht sein. Zwar ist er gegen aussen längst zu einem Gesicht der Firma geworden – er sieht aber lieber das Team als sich selber im Vordergrund. In die extrovertierte Formel-1-Welt mag er auf den ersten Blick damit zwar nicht passen, zu Sauber hingegen passt er wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf.

«Niemand verkörpert den Geist unseres Teams so sehr wie Beat», findet Frédéric Vasseur, der seit zwei Jahren Teamchef ist. Als seine Vorgängerin Monisha Kaltenborn im Sommer 2017 gehen musste, gab es gar Spekulationen, Zehnder könnte die Rolle als Teamchef übernehmen. Er dementierte aber umgehend.

Firmenintern geniesst der 53-Jährige einen hervorragenden Ruf als direkte, ehrliche Person mit viel Empathie – und eben vor allem unendlich grosser Loyalität. «Er ist die loyalste Person, die man sich vorstellen kann», sagt Peter Sauber, «er stand in guten und schlechten Zeiten zum Team und zauderte nie.»

Am Sonntag in Hockenheim steht für Zehnder der 476. Formel-1-GP an, der 452. als Teammanager. 30 verschiedene Piloten sind in dieser Zeit für das Hinwiler Team Rennen gefahren und haben 913 WM-Punkte gesammelt.

Zu einem von ihnen hat Zehnder eine spezielle Beziehung: Mit Kimi Räikkönen pflegt er eine Freundschaft, seit der Finne 2001 für Sauber in der Formel 1 debütierte. Und bei der Rückkehr Räikkönens auf diese Saison hin dürfte auch Zehnder eine Rolle gespielt haben. Vielleicht ist ja das der Grund, weshalb es über den Illnauer keinen Wikipedia-Eintrag auf Deutsch oder Englisch gibt – sondern nur einen auf Finnisch.

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