Politik

Eine Oberländerin wird erste Stadtpräsidentin von Rapperswil-Jona

Die Fischenthalerin Barbara Dillier schreibt als neue Stadtpräsidentin von Rapperswil-Jona Geschichte.

Die Gemeinde Fischenthal muss sich ein neues Oberhaupt suchen. Die bisherige Gemeindepräsidentin Barbara Dillier wird Stadtpräsidentin in Rapperswil-Jona.

Foto: Urs Jaudas

Eine Oberländerin wird erste Stadtpräsidentin von Rapperswil-Jona

Neues Oberhaupt

Die Stimmbevölkerung von Rapperswil-Jona hat den bisherigen «Stapi» abgewählt. Neu im Amt ist die Fischenthaler Gemeindepräsidentin Barbara Dillier. Ihre Wahl ist in vielerlei Hinsicht geschichtsträchtig.

Fabienne Sennhauser

Die zweitgrösste Stadt des Kantons St. Gallen wird künftig von einer Frau aus dem Kanton Zürich regiert. Die Stimmbevölkerung der Stadt Rapperswil-Jona hat am Sonntag die Parteilose Barbara Dillier zu ihrer Stadtpräsidentin gewählt. Über 5600 Personen schrieben Dilliers Namen auf den Wahlzettel. Die Wahlbeteiligung lag bei 53 Prozent. 

Die Neo-Stadtpräsidentin bedankte sich unmittelbar nach der Verkündung des Resultats bei ihrer Familie, ihrem Unterestützungskomitee sowie der Gemeinde Fischenthal, wo sie aktuell als Gemeindepräsidentin amtet.

Ausserdem richtete sie ihre Worte an die 3500 Stimmberechtigten, die nicht sie, sondern den bisherigen Amtsträger Martin Stöckling (FDP) gewählt haben. «Ich strecke die Hände aus», sagte Dillier. «Es geht nur gemeinsam.» Sie sehe ihre Wahl als Wunsch nach Wandel. «Diese Chance gilt es nun, gemeinsam zu packen.» Denn: Es gehe nur mit Teamwork. Die Wahl von Dillier ist aus verschiedenen Gründen historisch.

Mehrheit Parteilose

Es ist das erste Mal, seit die beiden Gemeinden Rapperswil und Jona 2007 zur Stadt fusioniert haben, dass eine Frau Chefin im Stadthaus sein wird. Bisher war das Stadtpräsidium überdies stets in der Hand der FDP oder der Mitte-Partei.

Mit der Abwahl des amtierenden Stadtpräsidenten Martin Stöckling sind die Freisinnigen gar erstmals überhaupt nicht mehr im Stadtrat vertreten. Stattdessen wird es in der neuen Legislatur eine Mehrheit an Parteilosen im Führungsgremium geben. Nur gerade zwei von fünf Stadtratsmitgliedern haben noch ein Parteibuch.

Die Stadt am Obersee bestätigt damit allerdings einen schweizweiten Trend. Gemäss dem nationalen Gemeindemonitoring gehören schweizweit nur noch 54 Prozent der Exekutivmitglieder einer politischen Partei an, 46 Prozent sind entsprechend parteilos. 

So auch die 52-jährige Barbara Dillier. Gegenwärtig amtet sie als Gemeindepräsidentin von Fischenthal im Zürcher Oberland, wohnt also nicht in Rapperswil-Jona. Anders als im Kanton Zürich schliesst das im Kanton St. Gallen eine Kandidatur jedoch nicht aus. Dillier hat bereits bekannt gegeben, dass sie das Amt in der 2600-Seelen-Gemeinde im Zürcher Oberland per Ende Jahr abgeben und an den Obersee ziehen wird.

Klare politische Themen brachte Dillier im Wahlkampf nicht auf. Dafür betonte sie stets, wie «unbelastet» sie an das Amt und die Geschäfte herangehen könne. Das Gegenteil von unbelastet im Wahlkampf war ihr Widersacher, der bisherige Amtsträger Martin Stöckling. Ernüchternd war für ihn bereits das Resultat im ersten Wahlgang.

Nach starker Kritik an seiner Amtsführung landete der Freisinnige im September 1500 Stimmen hinter seiner parteilosen Herausforderin. Dillier verfehlte das absolute Mehr damals nur um rund 550 Stimmen. Trotzdem hielt Stöckling an seiner Kandidatur fest.

Rapperswil-Jona wurde seither von einem ungewöhnlich heftigen Wahlkampf in Atem gehalten. Dabei waren es nicht einmal so sehr die beiden Kandidierenden, die sich ein erbittertes Duell lieferten. Für Wahlkampfgetöse sorgten vielmehr ein umstrittener Medienunternehmer und eine Gruppe «besorgter Bürgerinnen und Bürger».

Flyerkampagne für Stöckling

Zu den lautesten Gegnern von Martin Stöckling gehört der Verleger des Onlineportals «Linth24», Bruno Hug. Er hat den Amtsinhaber in den letzten vier Jahren immer wieder angegriffen und in Artikeln scharf kritisiert. Er kreidet dem Stadtpräsidenten Verfehlungen in diversen Projekten an und wirft ihm Intransparenz und Unehrlichkeit vor. Hug war es auch, der die Sprengkandidatin Barbara Dillier gegen Stöckling lanciert hat.

Das stiess einigen «besorgten Bürgerinnen und Bürgern von Rapperswil-Jona» sauer auf. Ende Oktober lancierten sie darum eine Flyerkampagne. «Ist das Stadtpräsidium für die ‘Fischenthalerin’ nicht eine Nummer zu gross?», prangte als Überschrift auf den Flugblättern. Als Oberhaupt von Rapperswil-Jona brauche es «politische Erfahrung», war weiter zu lesen. Und: «Wir sind überzeugt, dass Martin Stöckling hierfür die geeignetere Person ist!»

Die Kampagne, hinter der rund 25 zumeist FDP-Wählerinnen und -Wähler standen, dürfte Stöckling jedoch mehr Schaden als Nutzen zugefügt haben. Dem 50-Jährigen wurde zudem vorgeworfen, im zweiten Wahlgang nur wegen der sogenannten Abwahlversicherung wieder anzutreten. Diese sieht vor, dass in Rapperswil-Jona abgewählte Stadtpräsidenten eine Entschädigung erhalten. Stöckling hat demnach im nächsten Jahr noch Anrecht auf 90 Prozent seines Bruttogehalts von rund 250’000 Franken, in den drei Folgejahren werden es kontinuierlich weniger.

Rückzug aus Lokalpolitik

Nur zu gerne hätte Martin Stöckling auf die Abwahlversicherung verzichtet und den Job als Stadtpräsident noch einmal vier weitere Jahre gemacht, wie er selber sagt. Ganz vom Politparkett verschwinden wird der 50-Jährige aber nicht. So sitzt er seit 2019 für die FDP im St. Galler Kantonsrat. Vor seiner Wahl zum Stadtpräsidenten stand er der örtlichen FDP vor. Wäre hier ein Comeback denkbar?

«Das wäre nicht fair. Ich werde mich künftig aus der Lokalpolitik raushalten», sagt ein sichtlich enttäuschter Martin Stöckling.

Eine Stadt ohne Parlament

Ganz anders sieht die Situation für die neu gewählte Stadtpräsidentin Dillier aus. Sie muss sich nun schnellstmöglich in sämtliche Dossiers einarbeiten. «Der Wahlkampf wurde mit harten Bandagen geführt. Das ist nun vorbei», sagte Dillier am Sonntag vor den Medien und sprach dann direkt ihren Kontrahenten Martin Stöckling an. «Ich reiche auch dir die Hand.» Es sei ihr wichtig, dass ein guter Übergang gelinge. Ausserdem werde Martin Stöckling als Kantonsrat weiter wichtig für Rapperswil-Jona sein.

Die Parteilose bezeichnet sich selbst als bürgerlich-liberal. Ihre Politik dürfte sich daher nicht allzu stark von jener Stöcklings unterscheiden. Ob sie ihre Versprechen für mehr Dialog und Transparenz wahr machen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Am politisch vergrämten Klima in der Stadt dürfte sich so schnell aber nichts ändern. Denn nach wie vor ist Rapperswil-Jona die grösste Stadt in der Schweiz ohne Parlament. 2023 lehnten die Stimmbürger die Einführung eines Parlaments mit 51,7 Prozent Nein-Stimmen bereits zum zweiten Mal innert weniger Jahre ab. Auch wegen Bruno Hug, der das Nein-Lager finanziell unterstützte und publizistisch mit «Linth24» Stimmung machte.

Die letzten Jahre haben deutlich gezeigt, dass es für die Stadtführung zunehmend schwierig wird, Generationenprojekte und Themen, die in der Bevölkerung kontrovers beurteilt werden, mehrheitsfähig zu gestalten. So lehnten die Stimmbürger erst im September den Projektierungskredit für ein neues Hallen- und Freibad im Lido ab. Sämtliche Parteien hatten sich für die Vorlage ausgesprochen. Und nun wurde also der amtierende Stadtpräsident abgewählt.

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