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Eine Kino-Dynastie aus Wetzikon, die sich immer wieder neu erfindet

Das Kino Palace in Wetzikon trotzt dem Zeitgeist und der Konkurrenz. Das funktioniert dank eines Geschäftsmodells, in dem Filme nur noch die Nebenrolle haben.

Die dritte Generation übergibt an die vierte: Marco Brenner (links) mit Sohn und Geschäftsführer Severin und Zwergpudel Floyd.

Foto: Simon Grässle

Eine Kino-Dynastie aus Wetzikon, die sich immer wieder neu erfindet

Kino Palace

Seit mehr als 100 Jahren flimmern Blockbuster über die Leinwände des Kinos Palace in Wetzikon. Jetzt übernimmt die vierte Generation.

Rio, Central, Rex, Scala oder Orion. So klangvoll hiessen die Landkinos im Zürcher Oberland. Hier entflohen die Menschen ihrem Alltag, indem sie in exotische Welten eintauchten, mit ihren Helden auf der Leinwand mitfieberten oder beim romantischen Happy End eine Träne verdrückten.

Doch die goldenen Zeiten des Kinos sind längst vorbei. Riesige Multiplex-Häuser, vor allem aber die Pandemie in Verbindung mit dem Aufkommen von Streamingdiensten machen den Kinos das Leben schwer. Nicht nur auf dem Land, auch in der Stadt Zürich verschwinden die Lichtspielhäuser und werden ersetzt durch austauschbare Restaurants, Läden oder Büros.

Zwischen Dübendorf und Wald existierten einst acht Kinos. Heute gibt es nur noch an der Bahnhofstrasse 70 in Wetzikon Blockbuster zu sehen. Das Kino Palace trotzt dem Zeitgeist und den Widrigkeiten der letzten Jahre.

Seit der Corona-Pandemie haben sich die Eintrittszahlen des Duplex-Kinos im Besitz von Priska und Marco Brenner praktisch halbiert. Das Ehepaar ist die mittlerweile dritte Generation einer eigentlichen Kino-Dynastie in Wetzikon.

Natürlich sind die Zuschauerzahlen immer auch abhängig vom Angebot. Der Streik der Hollywood-Schauspieler im Jahr 2023 führte zu einer weiteren Delle in den Eintritts- und Geschäftszahlen.

Es sei schwierig geworden, die Menschen in die Kinos zu locken, sagt Geschäftsführer Severin Brenner (Lieblingsfilm «Der Morgen stirbt nie»), der gemeinsam mit seiner Schwester Saskia die vierte Generation verkörpert. «Die Hollywood-Studios setzen immer mehr auf Fortsetzungen.» Getreu dem Motto: Was früher funktioniert hat, das bringt auch heute wieder Geld. «Aber nicht alle diese Fortsetzungen sind einen Kinoeintritt wert», stellt er trocken fest.

Der Vorspann

Im Jahr 1923 wurde das Kino Palace vom Oberländer Kino-Pionier Silvano Wacker eröffnet. 1955 wechselte es in den Besitz von Stefan Hasenfratz, dem Grossvater von Priska Brenner. Wenig später erneuerte dieser den 20 Meter langen, knapp 15 Meter breiten und sieben Meter hohen Saal und liess einen Balkon einbauen.

Die Estrade hatte 20 Jahre lang Bestand, ehe sie von Ruth Forrer-Hasenfratz (zweite Generation) in einen zweiten, kleineren Saal umgebaut wurde.

Der «Heimatspiegel» des ZO widmete sich im August 1985 den Landkinos in der Region. Ein Satz sticht dabei ins Auge: «Ruth Forrer ist davon überzeugt, dass es Investitionen braucht, um à jour zu bleiben.»

Heute fasst der grosse Saal 300 Menschen, im kleineren Palace 2 finden 100 Leute Platz. «Was wir verdienen, investieren wir ins Haus», sagt Marco Brenner (Lieblingsfilme «Pretty Women» und «Lion King»). Und setzt dabei diese Familientradition fort. Das Haus an der Bahnhofstrasse 70 befindet sich im Besitz der Familie, ein entscheidender Punkt für die Erfolgsgeschichte des Palace.

So können die Brenners selbst über bauliche Veränderungen entscheiden, ohne zuerst einen Vermieter überzeugen zu müssen. Und sie können ohne Mietkosten kalkulieren.

Nachdem Priska und Marco Brenner 1997 das Kino von ihrer Mutter und Schwiegermutter übernommen hatten, folgte im Jahr 2000 die nächste grosse Investition: die Anschaffung eines Digitalprojektors. 250’000 Franken kostete die topmoderne Maschine, die den alten 35-mm-Film-Projektor ablöste.

Damit war der technische Grundstein gelegt, um Filme in 3D zu zeigen, beispielsweise den Blockbuster «Avatar» im Jahr 2009. «Wir waren damals eines von nur zehn Kinos der Schweiz, die das konnten», erinnert sich Marco Brenner. «Wir wurden förmlich überrannt.»

Der Plot

Mittlerweile werden die grössten Blockbuster im Palace im HFR-Format gezeigt. HFR steht für «High Frame Rate» oder 60 Bilder pro Sekunde. «Wir schauen immer, was für technische Neuigkeiten auf den Markt kommen», sagt Severin Brenner.

Der Konkurrenzkampf im Kino-Business war immer hart und ist es bis heute. Früher kämpfte das Palace mit dem Kino Rio, nur rund 100 Meter vom Palace entfernt. Oder mit dem Rex in Pfäffikon. Oder dem Central in Uster.

Heute befindet sich die Konkurrenz in Dietlikon und Zürich, beides mit einer kurzen S-Bahn-Fahrt zu erreichen.

Noch immer ist das Palace mit Kino angeschrieben, aber das ist nicht einmal mehr die halbe Wahrheit. «Wir generieren heute 60 Prozent unseres Umsatzes mit der Gastronomie», rechnet Severin Brenner vor. Entsprechend steht heute nicht nur Kino, sondern auch Bistro an der Holzfassade.

Die Gelegenheit zum Aus- und Umbau hatte sich 2016 ergeben: Damals schloss ein Coiffeurgeschäft, das seit 1972 im Kino eingemietet war. Für die Brenners die Gelegenheit, erneut zu investieren.

Ein Restaurant mit 32 Sitzplätzen und eine Cocktailbar entstanden in wenigen Wochen Bauzeit. Das Holz des rustikalen Baus stammt aus Hittnau, der Granit der Bar vom San Bernardino. «Der lokale Bezug war uns wichtig», erklärt Marco Brenner.

Seine Frau Priska hat ein Diplom als Barkeeperin erworben, er selbst – gelernter Konditor/Confiseur – steht in der Küche. Seine Hausspezialität sind Spareribs. Mittlerweile wird er unterstützt von Sohn Severin, der eigentlich Systemtechniker ist, und sich in der Küche mit der Kreation von neuen Burgern beschäftigt.

Die US-amerikanisch angehauchte Küche ist kein Zufall. Die Brenners sind grosse Fans der USA, die Familie hat dort regelmässig ihre Ferien verbracht.

Obwohl erst Anfang 50, wollen Priska und Marco Brenner ihre Nachfolge rechtzeitig aufgleisen. «Wir treten die operative Verantwortung nach und nach an Severin ab», sagt Vater Marco.

35 Mitarbeitende beschäftigen die Familie, unter anderen auch Tochter Saskia. Die junge Mutter arbeitet an der Bar.

Das Sequel

Vier Generationen stehen mittlerweile für Kino und vor allem für Blockbuster in Wetzikon. «Wir waren das erste Landkino in der Region, und wir werden das letzte Landkino im Kanton sein», ist Marco Brenner überzeugt und liefert die Gründe gleich nach: «Die Lage ist gut, das Einzugsgebiet ausreichend. Und wir investieren laufend in den Betrieb.»

Und dann deutet er mit dem Zeigefinger nach oben: Auf dem Dach verrichtet seit einigen Monaten eine Photovoltaikanlage ihren Dienst. Die Stromkosten in Wetzikon haben sich in den letzten Jahren verdoppelt, und ein Kino mit Restaurant benötigt viel Strom. Die Hälfte produzieren die Brenners jetzt selbst.

Kinos in der Region

Die Stadt Zürich hat dieses Jahr ihr ältestes Kino verloren, das 1927 gegründete Kino Uto. Das Palace in Wetzikon existiert schon vier Jahre länger und ist nicht nur das letzte traditionelle Kino in der Region, sondern das älteste kommerziell betriebene Kino im Kanton.

Das unterscheidet es von Kinos, die sich, getragen durch Vereine und unterstützt durch die öffentliche Hand, vor allem auf Studiofilme konzentrieren und die auf diese Weise überleben: So gibt es in Uster das Qtopia und in Dübendorf das Orion. In Pfäffikon ist das alte Kino Rex ins Chesselhuus gezogen. Dazu kommen im Sommer das Kino am See in Pfäffikon und das Autokino im Betzholzkreisel.

Auch das Schloss Cinema in Wädenswil, das sogar noch ein Jahr älter ist als das Palace, wird heute von einem Verein getragen.

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