Politik

Ein Stausee im Tösstal?

Das Tössbergland hortet viele Geschichten. Traurige ebenso wie utopische. Zwei Beispiele.

Vor hundert Jahren war in der Tössstock-Landschaft eine 50 Meter hohe Staumauer geplant.

Archivfoto: züriost

Ein Stausee im Tösstal?

Kann sich jemand einen Stausee im Tössbergland vorstellen? Klingt irgendwie utopisch. Aber vor 100 Jahren gab es offenbar tatsächlich ein Projekt, das darauf abzielte. Beschrieben ist dies im Buch «Tössbergheimat. Freie Höhen – Wilde Tobel – Begegnungen» von Herbert Squindo.

Da heisst es im Kapitel über die häufigen Überschwemmungen: «Erwähnenswert hierzu noch das im Jahr 1920 ausgearbeitete Projekt für einen Stausee beim Tössstock (Tössscheidesee) und mehrere Kraftwerkstufen. Das Projekt wurde erst vor kurzem zu den Akten gelegt. Die launische Wasserführung der Töss im Quellgebiet hatte zu grosse wirtschaftliche Risiken ergeben; überdies hätte man für Speicherreserven den Grundwasserstrom der Töss anzapfen müssen, wäre damit aber der Stadt Winterthur in die Quere gekommen, die aufs Grundwasser aus dem oberen Tösstal angewiesen ist.»

Eine Kraftwerkzentrale im Beichertobel

Etwas mehr Details verriet der verstorbene «Tößthaler»-Korrespondent Peter Arnold 2016 in einem Artikel. Demnach hätte ein 48 Meter hoher Staudamm in der Tössscheidi rund 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten. Im Beichertobel wäre eine erste Kraftwerkzentrale mit Turbinenhaus zu stehen gekommen. Eine zweite Zentrale war in Steg vorgesehen, wo der Fuchslochbach in die Töss mündet.

In diesem Projekt war ein zweiter Stausee beim Kehlhof, Turbenthal, vorgesehen. Ein 22 Meter hoher Staudamm beim Weiler Kehlhof sollte das Neubrunnental unter Wasser setzen. Vor allem der rasante Ausbau der Industrie aber auch der Anstieg privater Haushalte verlangten damals nach immer mehr Energie.
 

Schliesslich waren es in erster Linie finanzielle Überlegungen, die das Projekt scheitern liessen. Aufgrund der geographischen Verhältnisse wäre das Tösswerk gegenüber den grossen Flusskraftwerken nicht konkurrenzfähig gewesen.

Vermisstes Kind im Tierhag

Am 19. Juli wird sich zum 90. Mal ein tragisches Ereignis im Tössbergland jähren. Die erst zweieinhalbjährige Elisabeth Beutler war im Tierhag durch Weidezäune geschlüpft und immer weiter gelaufen, ohne eine Spur zu hinterlassen.

In Squindos Buch steht dazu geschrieben: «Alle Abhänge und Wälder rund um den Tierhag waren abgesucht worden. Auch die Stralegger Schulkinder und die ‹Naturfreunde› hatten mitgeholfen, die ganze Nacht hindurch. Ein scheussliches Hagelwetter hatte die Suche erschwert. Der Landjäger (Polizist, Anmerkung der Redaktion) von Mosnang, der Richtung Hirzegg heraufgestiegen war, hatte dann die Kleine gefunden. Tot! Weit weg von daheim. Bei der grossen Buche, über den Rotengübeln. Es war eine traurige Kunde, die er, mit dem toten Kind auf dem Arm, in den Tierhag zu bringen hatte.»

Ein schlichtes Holzkreuz mit einer Inschrift zwischen Hirzegg und Roten habe noch jahrzehntelang an dieses traurige Ereignis erinnert, schreibt Herbert Squindo. Zudem hält er fest: «Wo man wandert im Oberland: auf Schritt und Tritt begegnet einem Schicksalsgeschichte.» (Albert Büchi)
 

Angaben zum Buch

Das im Artikel erwähnte Buch «Tössbergheimat. Freie Höhen – Wilde Tobel – Begegnungen» von Herbert Squindo ist 1995 im Buchverlag der Druckerei Wetzikon AG erschienen.

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.