Ein Hinwiler will den Schatz von Uster heben
Untersuchung zum Ustertag
Der Ustertag legte die Grundlage für den modernen Kanton Zürich. Doch wer begehrte 1830 gegen die Obrigkeit auf? Ein Journalist geht auf Spurensuche.
«Allgemein ist in unserem Kanton der Wunsch und das Begehren nach Verfassungs-Aenderung und Erleichterungen.» So steht es in der Einleitung des «Uster-Memorials». Um diesem Begehren Nachdruck zu verleihen, hatten sich am 22. November 1830 nach Angaben der Veranstalter «wenigstens zwölf tausend Männer» auf dem Ustermer Zimikerhügel versammelt.
Sie forderten nicht nur eine angemessene Berücksichtigung der Landbevölkerung im Grossen Rat, dem Vorläufer des Kantonsrats, samt einer neuen Verfassung. Die Bürger verlangten auch, eine ganze Reihe von Gesetzen anzupassen.
Auf der Spur der Unterzeichner
Dieses Memorial wurde von rund 2500 Männern unterzeichnet. «Als ich diese Liste gesehen habe, dachte ich mir sofort, dass das ein Schatz ist, der gehoben werden müsste», meint Lukas Leuzinger. Der 37-jährige Journalist will der Frage nachgehen, wer eigentlich dieses «Uster-Memorial» unterschrieben hat. «Immerhin ist das ein bedeutendes Ereignis für den Kanton Zürich und auch wichtig für die Entwicklung der liberalen Demokratie der ganzen Schweiz», meint der Hinwiler, der in Uster geboren, in Pfäffikon aufgewachsen und in Wetzikon in die Kantonsschule gegangen ist.
Der studierte Politologe und Volkswirtschafter interessiert sich für historische Themen. So hat er sich in einem Buch auch schon der Glarner Landsgemeinde angenommen. An der Geschichte des Ustertags reizt ihn, dass es über diesen Anlass vorwiegend ältere Publikationen und insgesamt wenig Literatur gibt. «Hier könnte eine Lücke gefüllt werden», betont der stellvertretende Chefredaktor des Debattenmagazins «Schweizer Monat».
Wo waren die Ustermer?
In einem ersten Schritt hat er eine Liste aller Unterzeichner erstellt und diese auf der Website lukasleuzinger.substack.com publiziert. Von den meisten Unterzeichnern sind Vor- und Nachname sowie der Wohnort aufgeführt.
Bereits hat Leuzinger auch eine erste Auswertung vorgenommen. Abgesehen von den 275 Männern, zu denen es keine Ortsangabe gibt, schwingen die beiden Seegemeinden Stäfa mit 213 und Wädenswil mit 172 Einträgen obenaus.
Dann folgen die ersten Oberländer. 131 Walder, 111 Pfäffiker, 94 Wetziker und 91 Hombrechtiker liessen ihren Namen unter das wegweisende Dokument setzen. Jeweils noch 40 und mehr Unterzeichner stammten aus den Oberländer Gemeinden Bäretswil, Bubikon, Gossau, Hittnau, Dürnten, Bauma, Mönchaltorf Volketswil und Hinwil.
Dabei fällt auf, dass nur vergleichsweise wenige Ustermer das Memorial unterschrieben haben. Gerade einmal 36 waren es nachweislich. Dabei gehörte Uster mit über 4000 Einwohnern schon damals zu den grösseren Ortschaften in der Region.
Offenbar haderten viele Ustermer mit dem Umstand, dass ihre Gemeinde als Versammlungsort ausgesucht worden war. Tatsächlich hatte gemäss zeitgenössischen Quellen die gute Erreichbarkeit für die vielen zu Fuss angereisten Männer aus der Zürcher Landschaft den Ausschlag gegeben. Zudem besass Uster eine grosse Kirche. Diese sollte ursprünglich als Treffpunkt dienen. Angesichts des für damalige Verhältnisse gewaltigen Aufmarschs war diese aber auch viel zu klein, weshalb auf den nahe gelegenen Zimikerhügel ins Freie ausgewichen wurde.
Einen Brandstifter aufgedeckt
Leuzinger hofft nun, dass er noch mehr zu den Unterzeichnern herausfinden kann, etwa deren Beruf und soziale Stellung. Helfen sollen ihm dabei nicht nur die Ortschroniken, Museen und Antiquarischen Gesellschaften, die er bereits angeschrieben hat, sondern alle, die sich für Ortsgeschichte interessieren. Deshalb macht er die Liste online frei zugänglich. Auf vorherige Anfrage kann man sie auch editieren und mit weiteren Informationen ergänzen.
Bereits hat Leuzinger interessante Hinweise erhalten. So stiess er bei den Memorial-Unterzeichnern auch auf einen der Rädelsführer, die 1832, am zweiten Gedenken zum Ustertag, die mechanische Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister in Oberuster zerstörten. Die Kleinfabrikanten und Heimarbeiter aus dem Zürcher Oberland taten dies aus Existenzängsten – und Enttäuschung. So war der neue liberale Grosse Rat ihrer im «Uster-Memorial» erwähnten Forderung nach einem Verbot der Webmaschinen nicht nachgekommen.
Nach dem «Usterbrand» wurde der Bäretswiler Felix Egli verhaftet. Angezeigt hatte ihn der ehemalige Gemeindeammann David Bürgi aus Adetswil. Auch dieser hatte zu den Memorial-Unterzeichnern gehört.
Leuzinger hofft, dass er den Artikel auf den Ustertag 2025 hin fertigstellen kann. Publizieren möchte er den Aufsatz in einer historischen Zeitschrift. Und er hofft, dass er für die aufwendige Arbeit auch noch finanzielle Unterstützung von Organisationen und Privaten erhält.
Ein Roman zum Jubiläum
Doch der Journalist blickt auch noch etwas weiter hinaus. Auf 2030 hin, zum 200-Jahr-Jubiläum des «Uster-Memorials», will er einen historischen Roman rund um den Ustertag verfassen. «Ich möchte eine reale Person von der Liste herausgreifen und diese dann auf dem Weg nach Uster begleiten», erzählt Leuzinger. Es soll allerdings nicht eine der prägenden Personen jenes Anlasses sein. Ob es dann aber Felix Egli ist, der zwei Jahre nach der Versammlung als Brandstifter gefasst wurde, lässt Leuzinger offen.
Für den Journalisten ist es der erste Roman, den er in Angriff nehmen will. «Die Herausforderung für mich wird sein, die Geschichte so zu erzählen, dass sie ein breites Publikum anspricht. Und dass sie zugleich spannend und lehrreich ist.» Der Schriftsteller Emil Zopfi, der aus Wald stammt, ist dabei eines von Leuzingers literarischen Vorbildern. Damit der Rahmen stimmig ist, wird er das Gespräch mit Historikern suchen.
Die Romanidee hat er schon länger mit sich herumgetragen. Den Ausschlag dafür, dass der Ustertag ins Zentrum gerückt werden soll, gab ein Gespräch mit dem Ustertag-Obmann Christoph Keller am Rand der letztjährigen Gedenkfeier.
Doch bevor er in den Roman eintaucht, will er zunächst seine historische Arbeit zu den Memorial-Unterzeichnern verfassen. Noch bleibt ihm ein Jahr bis zum angepeilten Datum im November 2025.
Chef der Armee als Hauptredner am Ustertag
Am 24. November steigt dieses Jahr die Ustertagfeier. Um 14 Uhr beginnt die Feier in der reformierten Kirche. Hauptredner ist dieses Jahr der Chef der Armee, Korpskommandant Thomas Süssli. Der bald 58-jährige Süssli trat erst 2015 ins Berufsoffizierskorps ein und übernahm das Kommando der Logistikbrigade. Zuvor war er in der Privatwirtschaft tätig, zuletzt als CEO von Vontobel Financial Products. Die Vorrede hält die Ustermerin Rita Famos. Sie ist Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Zur Einstimmung auf den Ustertag wird am 20. November um 18.30 Uhr im Gemeinderatssaal (Stadthaus Uster) der Historiker und frühere Berufsoffizier Daniel Lätsch ein Referat zu den Zürcher Milizen um 1830 halten. Im «Uster-Memorial» von 1830 formulierten die Unterzeichner auch Wünsche zur Umgestaltung des Wehrwesens. Diese Anregungen warfen laut Lätsch, zuletzt Direktor der Militärakademie an der ETH Zürich, das damalige Wehrwesen um Jahre zurück.