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Vom Zirkus zum Jahrmarkt

«Ein Glücksfall!» – Confiseriewaren Käthi und Walti Hanselmann in Wald geht in neue Hände über

Eigentlich wollte Jasmin Bischofberger nur eine Zuckerwattenmaschine ausleihen. Mit der Folge, dass sie jetzt als Marktfahrerin durch die Region tourt.

Walti und Käthi Hanselmann mit ihrer Nachfolgerin Jasmin Bischofberger (Mitte).

Foto: Simon Grässle

«Ein Glücksfall!» – Confiseriewaren Käthi und Walti Hanselmann in Wald geht in neue Hände über

Vom Zirkus zum Jahrmarkt

Eigentlich wollte Jasmin Bischofberger nur eine Zuckerwattenmaschine ausleihen. Mit der Folge, dass sie jetzt als Marktfahrerin durch die Region tourt.

«Marktfahren ist mehr als ein Beruf. Es ist ein Lebensstil», sagt Walti Hanselmann, während er an diesem nasskalten Freitagmorgen in Bauma ein Blech voll mit gebrannten Mandeln in den Händen hält und sacht schüttelt. Damit verhindert er, dass die mit karamellisiertem Zucker überzogenen Mandeln aneinanderkleben.

Er und seine Frau Käthi sind schon seit Stunden vor Ort und richten am Standplatz an der Hörnlistrasse ihren Verkaufswagen ein. Magenbrot, Nideltäfeli, Biberfladen, Birnbrot und allerlei weitere kleine, bunte Sünden warten auf die Naschkatzen am traditionellen Baumer Märt.

Seit 1984 führten Walti und Käthi Hanselmann ein Leben als Marktfahrer. Begonnen hatte die Tradition einst Hanselmanns Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Bauchladen die Märkte und Chilbenen der Region abklapperte.

Weil das Ehepaar aus Wald mittlerweile das Pensionsalter erreicht hat, streckte es bereits vor einigen Jahren die Fühler nach einer möglichen Nachfolge für den Familienbetrieb aus – vorerst ohne Fortüne. Sohn Loris hatte kein Interesse, in die elterlichen Fussstapfen zu treten, er ist Gartenbauer und liebt seinen Beruf. «Später winkten die Nichten und Neffen nach und nach ab», erzählt Walti Hanselmann. Er hätte sich daher vorstellen können, auch an einen Konkurrenten zu verkaufen; aber es habe sich nichts Konkretes ergeben.

Die Artistikschule und die Zuckerwatte

Hier kommt Jasmin Bischofberger ins Spiel: Sie ist wie die Hanselmanns in Wald wohnhaft, arbeitete bis vor Kurzem als kaufmännische Angestellte und führt nebenbei eine Artistikschule im Studio 13. Die heute 52-Jährige stammt aus einer Artistenfamilie, ihre Mutter war Trapezkünstlerin, ihr Vater arbeitete als Chefrequisiteur und Sprechstallmeister im Circus Knie. (Und bevor Sie jetzt googeln: Das ist der Moderator oder Ansager, der durch das Zirkusprogramm führt.)

Auch Jasmin Bischofberger liess sich zur Artistin ausbilden und trat als Trapezkünstlerin im Circus Knie auf. Heute führt sie nebenbei Kinder aus der Region ins Zirkushandwerk ein. Für eine kleine Feier in ihrer Schule wollte sie im Sommer 2024 Zuckerwatte produzieren und fragte bei Walti Hanselmann nach, ob sie seine Zuckerwattenmaschine ausleihen könne. «Wenn du sie einmal verkaufen willst, hätte ich Interesse daran», liess sie Hanselmann wissen, als sie die Maschine nach dem Fest zurückbrachte.

Der spontane Vorschlag

«Wenn du magst, kannst du gleich das ganze Geschäft kaufen», entgegnete der Marktfahrer spontan. Man lachte über den Spruch und ging auseinander. Doch die Idee war gesät, und der Gedanke begann zu keimen. Langsam zwar, aber unaufhaltsam. «Ich habe ein Jahr lang hin und her überlegt», erinnert sich Jasmin Bischofberger.

Im vergangenen Sommer hatte sie sich selbst und auch ihren – zunächst skeptischen – Ehemann überzeugt und sagte zu. Seit Anfang April firmiert das Einzelunternehmen unter dem Namen «Käthi & Walti Hanselmann, Inh. Jasmin Bischofberger».

«Jasmin ist ein Glücksfall», sagt Walti Hanselmann. Die neue Besitzerin will das Geschäft vorerst unverändert in der Tradition des Ehepaars Hanselmann weiterführen: Wie ihre Vorgänger wird sie Zuckerwatte und gebrannte Mandeln vor Ort herstellen, das übrige Sortiment wird sie von den langjährigen Lieferanten beziehen. Während Jasmin Bischofberger an die Märkte und Chilbenen fährt, kümmert sich ihr Mann Michael im Hintergrund um die Finanzen.

Über Geld sprechen die Marktfahrer nicht, weder über den Verkaufspreis noch über den Umsatz. «Wenn man es richtig macht, kann man gut davon leben», sagt Walti Hanselmann. Mit «richtig machen» meint er nicht nur die Qualität der Produkte, sondern vor allem den Umgang mit der Kundschaft.

Der persönliche Kontakt sei entscheidend für den Geschäftserfolg: «In einer Welt, die immer anonymer und unpersönlicher wird, suchen viele Menschen das Persönliche und Familiäre. Sie wollen sich austauschen, und wir als Marktfahrer sind für sie da. Mal plaudern wir übers Wetter, mal werden auch sehr persönliche Geschichten an uns herangetragen.»

Der Anteil Stammkundinnen und Stammkunden liege bei rund 80 Prozent, schätzt der Marktfahrer. Das Oberland ist überschaubar, man kennt sich nach all den Jahren. Die Hanselmanns sind sicher, dass ihre Nachfolgerin von der Stammkundschaft akzeptiert wird.

Aktuell begleiten sie Jasmin Bischofberger an die verschiedenen Märkte, Chilbenen und Ausstellungen in der Region. Zuletzt waren sie in Bauma und Wald, am 25. und 26. April steht der Frühlingsmarkt in Grüningen an. Danach folgen der Maimarkt in Pfäffikon (12. Mai), die Chilbi in Rüti (14. bis 17. Mai) und die Gewerbeschau Wald (29. bis 31. Mai).

«Wir wollten nie alt werden auf dem Markt»

«Wir fahren mit, bis Jasmin es allein kann», sagt Walti Hanselmann mit einem Lachen. «Aber wir werden uns früher oder später ausklinken. Wir suchen kein Hobby.» Die haben die beiden bereits. Käthi Hanselmann freut sich darauf, endlich mehr Zeit für ihren Garten zu haben. Walti Hanselmann plant im Sommer Ausflüge mit dem Motorrad und möchte im Winter wieder mehr in der Loipe stehen. Den Lebensstil als Marktfahrer werden sie nicht vermissen, da sind sie sich sicher: «Wir wollten nie alt werden auf dem Markt.»

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