Ein ganzes Dorf atmet erst einmal durch
Der Entscheid des Regierungsrates war mit Spannung erwartet worden. Hinsichtlich der Erweiterung des Zürcher S-Bahn-Netzes hatten die SBB drei Standorte für drei neue Abstellanlagen definiert, auf denen die zusätzliche Züge parkiert und neu formiert werden können.
Insbesondere in der Gemeinde Bubikon, auf dessen Weilern Brach, Fuchsbühl und Wändhüslen auf einer Landwirtschaftsfläche von total 80 Hektaren auch gleich noch eine Serviceanlage mitgeplant war, hatte sich dagegen grosser Widerstand formiert. Die allesentscheidende Frage der einberaumten Pressekonferenz lautete nun ganz unbescheiden: Nimmt der Kanton den Standort in die Teilrevision des Richtplans 2020 auf?
Den Variantenfächer öffnen
Die Antwort darauf gab Baudirektor Martin Neukom (Grüne) nach zehn, für die Direktbetroffenen quälend langen Minuten: «Wir werden die Abstellanlagen neu aufgleisen, die drei Abstellanalgen aus der Teilrevision des Richtplans herauslösen, den Variantenfächer öffnen und die Gemeinden und die Bevölkerung miteinbeziehen.»
«Wir werden den Variantenfächer öffnen und die Gemeinden und die Bevölkerung miteinbeziehen.»
Martin Neukom (Grüne), Regierungsrat
Nach der öffentlichen Auflage im Frühjahr seien rund 2300 Rückmeldungen bezüglich der drei Standorte eingegangen, viele davon hätten die falsche Interessensabwägung zwischen Natur und Wirtschaft und den mangelnden Miteinbezug der Standortgemeinden angeprangert. Dem wolle man nun Rechnung tragen. In den nächsten zwei Jahren soll darum eine neue, erweiterte Standortevaluation gemacht werden – ein Prozess, bei dem alle Interessensgruppen und Parteien rechtzeitig informiert und involviert werden sollen.
Das Durchatmen in den betroffenen Gemeinden war wohl quer durch den ganzen Kanton zu spüren.
Ein Zeichen für die Natur
Fast schon euphorisiert reagiert Nicole Fritschi von der IG Pro Brach Fuchsbühl, die sich Ende 2020 als Reaktion gegen die Pläne gebildet hatte. «Wir sind unglaublich erleichtert, dass der Regierungsrat uns erhört hat», sagt sie und schiebt nach: «Das ist ein Zeichen dafür, dass es nicht nur noch um Wachstum geht, sondern dass auch dem Wert der Natur und dem Schutz unserer Ernährungsgrundlage Rechnung getragen wird.»
Die IG hatte mit verschiedenen Aktionen auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht und die schieren Zahlen – 80000 Quadratmeter, 4,4 Kilometer Gleise auf fruchtbarem Boden, Servicehalle mit 150 Meter Länge – mit in den Vordergrund gerückt.
Obschon Fritschi den Entscheid des Regierungsrates vor allem als Erfolg für die Natur verbucht, ist er auch als Erfolg für das zivilgesellschaftliche Engagement zu interpretieren. Die grosse Zahl der Einwendungen, aber auch die koordinierte Arbeit zwischen den verschiedenen lokalen und überregionalen Interessensgruppen haben ihren Beitrag geleistet. Erst noch vor drei Wochen waren sie gemeinsam bei Regierungsrat Neukom vorstellig geworden.
Bubikon weiter im Rennen
Die Sache ist aber freilich noch nicht vom Tisch – dem ist man sich bei der IG bewusst. In ihren Erläuterungen haben Martin Neukom und SBB-Vertreter Linus Looser aufgezeigt, dass der Standort Zürcher Oberland auch in der neuen Evaluation zentral sein wird und die bisherigen Standorte weiterhin im Rennen sind.
«Wir werden weiter gegen eine Gleiswüste in der Natur kämpfen»
Nicole Fritschi, IG Pro Brach Fuchsbühl
Dennoch überwiegt bei Nicole Fritschi der Optimismus. «Von nun an können versiegelte Böden mit in die Standortsuche eingebunden werden. Da gibt es viele Alternativen», zeigt sie sich überzeugt. Und klar sei auch: «Wir werden weiter gegen eine Gleiswüste in der Natur kämpfen.»
Endlich eine «seriöse» Planung
Ebenfalls erfreut, wenn auch etwas temperierter, zeigt sich Bubikons Exekutive. Hochbauvorsteher Hans-Christian Angele (FDP) ist «sehr froh» über den Entscheid, lobt die «tolle Arbeit» der IG Pro Brach Fuchsbühl und gibt sich «beeindruckt» von den vielen Einwendungen, die beim Kanton eingegangen sind. Es sei wichtig, dass es Bubikon in der Vernehmlassung noch gelungen sei, aufzuzeigen, welche Folgen dieses Projekt für die Gemeinde hat, etwa bei der Grundwasserversorgung, die durch den Bau gefährdet würde.
Vor allem aber, so Angele weiter, sei er erleichtert, dass es jetzt endlich zu einer «seriösen» Planung kommt und der Variantenfächer geöffnet wird.
Mit dem ersten Versuch sei die Gemeinde quasi vor vollendete Tatsachen gestellt worden, das sei mit dem neuen Verfahren nicht mehr möglich. «Wir fordern von den SBB, dass keine bereits genutzten Standorte mehr ausgeschlossen werden und die Beurteilung auch konkrete Analysen vor Ort umfasst. Einen reinen Kartenentscheid, bei dem man nur aufgrund von einfachen Ausschlusskriterien entscheidet, darf es nicht mehr geben.»