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Ein Dorfladen überlebt dank Lehrlingen

Ein Verein, eine Stiftung und eine Dorfgemeinschaft: Was es braucht, um einen kleinen Laden erfolgreich betreiben zu können.

Sie halten den Seegräbner Dorfladen in Schuss (von links): Lehrling Aleyna Adiyamanlier, Eva Raths, die über dem Laden wohnt, Betriebsleiterin Katja Harlacher, Andreas Ott, Präsident des Vereins Dorfladen, sowie eine junge Kundin.

Foto: Christian Brändli

Ein Dorfladen überlebt dank Lehrlingen

In Seegräben wird gefeiert

Was Volg nicht mehr schaffte, gelingt der Stiftung Netzwerk: den kleinen Seegräbner Dorfladen am Leben zu erhalten. Und ein Verein leistet Schützenhilfe.

Ein Virus verschaffte manchen Quartierläden unverhofft Luft. Doch mit dem Abflauen der Corona-Pandemie fielen die kleinen Detailhändler zurück in ihren schon lange anhaltenden Kampf um Kundschaft. Und für etliche Lädeli wurde die Luft zu dünn. Sie mussten schliessen.

Wo der Verkehr nach Wetzikon, Pfäffikon und Uster rollt, mitten in Seegräben, steht ein Dorfladen. Dieser hat zwar auch schon manche Krisen erlebt, zeigt sich heute aber sehr vital. Zu verdanken hat er sein Weiterleben Schulabgängern. Und der Stiftung Netzwerk, die den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit erschwertem Zugang zum ersten Arbeitsmarkt begleitete Ausbildungsplätze bietet.

Kundenkontakt wichtig

«Ohne diese finanzierten Ausbildungsplätze liesse sich der Laden nicht betreiben», stellt die Betriebsleiterin Katja Harlacher klar. Beiträge leistet etwa die Invalidenversicherung. Zusammen mit einer Kollegin – und fünf Aushilfen – bildet die Sozialarbeiterin insgesamt neun Lernende aus. Eine von diesen ist die 18-jährige Aleyna Adiyamanlier. Dem Dorfladen kehrt sie allerdings bald den Rücken, denn sie steht am Ende ihrer fast dreijährigen Ausbildung zur Detailhandelsassistentin.        

«Ich schätze hier vor allem den Kontakt mit den Kunden», betont Adiyamanlier. Der Laden sei klein, und es sei ruhig hier. Für sie dürfte er grösser sein – und sie möchte mehr zu tun haben. «Ich fühle mich schon unterfordert», meint die Bäretswilerin.

Insofern freut sie sich, wenn sie nun die Lehre abschliessen und etwas Neues sehen kann. Damit wird sie auch in den regulären Arbeitsmarkt eintreten. Dem Detailhandel will sie treu bleiben. Ein Wechsel in die ursprünglich angepeilte Pflege kommt nicht mehr infrage. Doch statt mit Lebensmitteln möchte sie sich künftig mehr mit Kosmetika beschäftigen können.  

«Es muss hier weitergehen»

Bevor die Stiftung Netzwerk hier in Seegräben 2010 einstieg, machte der kleine Laden schon einmal eine kritische Phase durch. So hatte 2003 die Landwirtschaftliche Genossenschaft – sie hatte 1947 die dort seit 1885 bestehende Lebensmittelhandlung übernommen – entschieden, ihre Volg-Filiale zu schliessen. Das wollte Toni Hagnauer, in dessen Haus sich der Laden befand, nicht einfach hinnehmen. «Toni hatte die klare Vorstellung, dass es weitergehen musste», erinnert sich Andreas Ott, der damals als Sozialvorstand in der Gemeinde wirkte.

Zusammen gründeten sie den Verein Dorfladen Seegräben, der nun sein 20-jähriges Bestehen feiert. «Unser Ziel war es, etwas fürs Dorfleben zu machen», hält Eva Raths-Hagnauer fest. Die Tochter von Toni Hagnauer hatte zuvor die Volg-Filiale geführt. Und ihre Familie legte mit einem günstigen Mietzins die Basis für die Weiterexistenz.

Dank dem Verein, dessen Mitglieder rund 80'000 Franken einschossen, meisterte der kleine Laden diese Klippe. «Der nahtlose Übergang vom Volg zum neuen Laden war entscheidend», unterstreicht Ott.

Unter seiner Federführung wurde auch ein Arbeitsintegrationsprojekt lanciert. Über den Laden sollten Arbeitslose aus der Gemeinde wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. «Das war allerdings nicht ganz einfach für die Verkäuferinnen, diesen sozialen Aufgaben gerecht zu werden», hält Eva Raths fest. «Oft mussten Vereinsvorstandsmitglieder schlichtend eingreifen.»

Ein Verein im Hintergrund

Doch auch der junge Verein hatte mit anhaltenden Finanzproblemen zu kämpfen. Deshalb liess Andreas Ott seine Beziehungen spielen. Über diese verfügte er als langjähriger Leiter des nahe gelegenen Hofs Wagenburg, wo geistig behinderte Menschen in die bäuerliche Welt eingegliedert werden. Ott musste jedoch «einige Überzeugungsarbeit» leisten, bis die Stiftung Netzwerk sich hier ab 2010 engagierte. Diese Verbindung mit einem Sozialwerk ist für Ott matchentscheidend gewesen.

Seither hat der Verein Dorfladen allerdings keine grosse Aufgabe mehr zu erfüllen. «Wir stellen uns auch ein-, zweimal pro Jahr die Sinnfrage», meint Eva Raths. Doch die rund 50 Mitglieder hätten sich klar dafür ausgesprochen, diesen weiter bestehen zu lassen.

So konzentriert sich der Verein darauf, jeweils den Lehrlingen, die ihre Ausbildung abschliessen, ein Geschenk zu überreichen. Und seinen Mitgliedern gibt er Gutscheine ab, um den Ladenumsatz anzukurbeln. Auch wenn der Verein keine tragende Rolle mehr hat, ist Betriebsleiterin Katja Harlacher froh um dessen moralische Unterstützung und den offenen Austausch.  

Innovation ist wichtig

Wie Harlacher aber festhält, bleibt das Wirtschaften anspruchsvoll. «Unsere Kundschaft stammt vor allem aus dem kleinen Dorf. Wir haben nur wenige Passanten, die hereinschauen.» Insofern wünscht sich die Stiftung, dass sich auch die Gemeinde am Betrieb finanziell beteiligen würde, hat diese doch auch ein Interesse am Weiterbestehen des Dorfladens.

Die Margen seien im Detailhandel ohnehin schon sehr tief. Eine besondere Herausforderung bei einem so kleinen Laden sei es, die Fehlverkäufe tief zu halten. «Es ist oft sehr schwierig abzuschätzen, wie viele Frischprodukte gerade gefragt sind. Vor allem beim Brot kann es vorkommen, dass wir am Abend noch einiges im Regal haben», meint die Betriebsleiterin. Da sei es von Vorteil, wenn solche nicht verkauften Produkte in der Netzwerk-Wohngruppe in Wetzikon abgegeben werden könnten.

«Auch wenn wir einen familiären Betrieb hier pflegen, haben wir hohe Qualitätsansprüche», sagt Harlacher. So führt der Laden ein breites Sortiment an lokalen Spezialitäten und Frischprodukten. Dazu gehört auch Bio-Gemüse aus dem eigenen Anbau in Seegräben.

Zum Service zählt zudem ein Hauslieferdienst. «Kundenorientierung wird bei uns grossgeschrieben», hält die Sozialarbeiterin fest. In dieses Kapitel gehört die jüngste Innovation: Der Dorfladen ist jetzt auch ein Bistro. Drinnen und draussen auf der schönen Terrasse stehen insgesamt knapp 30 Sitzplätze zur Verfügung.

Von der Terrasse des Dorfladens Seegräben, der neuerdings auch ein Bistro ist, bietet sich ein schöner Blick in die Alpen.
Von der Terrasse des Dorfladens Seegräben, der neuerdings auch ein Bistro ist, bietet sich ein schöner Blick in die Alpen.

Zu essen gibt es frische Sandwiches, Suppen, Hotdogs, Salate oder Wähen. Und die Lernenden können sich nun zusätzlich in der Bedienung der Gäste üben.  

«Für dieses neue Angebot haben wir sehr positive Rückmeldungen erhalten», betont Harlacher. Und Eva Raths ist froh, dass der Laden damit seine Rolle als Dorftreffpunkt nochmals stärkt.        

Ein Fest zum 20-jährigen Bestehen

Der Seegräbner Verein Dorfladen feiert am Samstag, 1. Juni, beim Dorfladen an der Usterstrasse 1 sein 20-jähriges Bestehen mit einem Fest. Zwischen 12 und 14 Uhr gibt es Gulasch für alle. Und bis 16 Uhr dauert der Barbetrieb. Dazwischen gibt es Clown-Einlagen, Musik, Geschicklichkeitsspiele und natürlich auch einen Wettbewerb.  

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