Ein Clown aus dem Dorf bleibt ein Clown aus dem Dorf
Wildberger Künstler
Martin Zimmermann ist Theaterchoreograf und hat es weit gebracht. Auch wenn er sich auf grossen Bühnen verwirklicht hat, ist er eines mit Stolz: aus Wildberg.
Wenn man einen Wildberger interviewt, der es vom Dorf auf die grosse, internationale Bühne geschafft hat, fragt man sich: Will er überhaupt über seine Heimat sprechen oder sieht er sich lieber als Zürcher?
Martin Zimmermann ist Choreograf, Bühnenbildner, Clown, mehrfacher Kulturpreisträger und noch ganz viele andere Dinge. Aber eben auch Wildberger. Und das mit Stolz.
Beim Treffen im Café mitten in der Stadt Zürich ist seine erste Frage deswegen, ob der Artikel auch im «Tössthaler» erscheinen werde. Über die Zustimmung freut er sich wie ein Kind auf Weihnachten: «Meine Familie wird so stolz sein.»
Ich insistiere, dass man mich als Wildberger kennt.
Martin Zimmermann, Choreograf
Gleich zu Beginn des Gesprächs wird also klar, Wildberg ist noch immer ein Thema. «Ja selbstverständlich. Ich insistiere auch immer, dass man mich als Wildberger kennt und nicht als Zürcher.»
Obwohl Zürich seine Karriere prägte. Zimmermann absolvierte seine Lehre als Dekorationsgestalter. Im ehemaligen Kaufhaus Jelmoli gestaltete er die Schaufenster – und arbeitete dort unter anderem mit dem Künstler und Bildhauer Jean Tinguely zusammen.
Schon diese Lehre stellte Weichen für sein späteres Schaffen. Denn das Bühnenbild spielt in Zimmermanns Theaterstücken immer eine zentrale Rolle und verschmilzt mit der gezeigten Choreografie.
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Nach der Zeit bei Jelmoli besuchte Zimmermann die Zirkushochschule Centre National des Arts du Cirque (CNAC) in Paris, was seinem Künstler-Dasein die richtige Würze verlieh: Er erfand seine eigene Theatersprache – ein textloses Theater, mit einer Mischung aus Zirkus, Tanz und spektakulären Bühneninstallationen. Aber eigentlich hatte auch das seinen Ursprung in Wildberg.
Ein Show-Kind
Als Kind entwickelte Zimmermann eine Faszination für den Zirkus. Das Kulturangebot im Dorf war in den Siebzigern etwas spärlich. Doch auf reisende Artistengruppen war stets Verlass. Sie inspirierten den Buben Zimmermann, sodass er sich selbst in Kunststücken übte und eigene Shows zusammenstellte.
«Die Menschen im Dorf wussten, ‹der will irgendetwas aufführen, gebt ihm eine Bühne›», erinnert sich der Wildberger. Darbietungen liessen nicht lange auf sich warten, und Zimmermann wurde für Vereinsveranstaltungen oder festliche Anlässe engagiert.
Eigentlich nichts Ungewöhnliches für Kinder. Sie wollen zeigen, was sie alles aus dem Ärmel schütteln können – oft bleibt es jedoch beim «Stofftier aus Opas Hut ziehen». Zimmermanns Initiative kannte jedoch keine Grenzen. Er befasste sich mit allem, was man im Zirkus so antrifft: mit Clownerie, Akrobatik und Jonglage.
Mit dem Velo zum Jongleur
Eines Tags, er musste etwa 12 gewesen sein, radelte er mit seinem Velo ins Nachbardorf Weisslingen zum Haus von Jacky Lupescu. Denn er hatte im «Tössthaler» gelesen, dass der berühmte Jongleur – der in die Knie-Dynastie eingeheiratet hatte – in Weisslingen wohnte.
Zimmermann klingelte an der Tür und bat den Artisten, ihm das Jonglieren beizubringen. «Er verstand natürlich überhaupt nicht, was ich von ihm wollte», erzählt der Choreograf amüsiert.
Er habe sich auch keine Gedanken darüber gemacht, dass er bei einem fremden Mann vor dem Haus stehe. «Meine Naivität hat mich eigentlich weit gebracht.» So nahm Zimmermann dann Jonglierunterricht beim Meister – oder dem «Stern der Jongleure», wie ihn der «Zürcher Oberländer» 1942 nannte.
Tradition der Zirkusleute
Anekdoten über die Wohnung von Eliane Knie und Jacky Lupescu sprudeln nur so aus Zimmermann heraus. Von Papageien im Haus und einem heimeligen Wohnraum. «So stellt man sich eine Zirkusfamilie vor, die eben nicht mehr im Zirkuswagen wohnt.»
Lupescu habe für eine Lektion etwa 30 Franken verlangt, meint Zimmermann. Sicher ist er sich aber nicht mehr. Darauf sah sich seine Mutter gezwungen, einzugreifen. Zu teuer. Der Junge ging dann zum Jongleur und erklärte ihm, dass er sich die Stunden nicht mehr leisten könne.
Darauf zückte Lupescu sein Portemonnaie und gab ihm zurück, was er bisher verlangt hatte. «Er sagte zu mir, er merke, dass ich es wirklich wollte.» Und trainierte ihn dann einige Jahre weiter – denn das Vermächtnis auf diese Weise weiterzugeben, sei Zirkustradition.
Von der Käserei auf die Bühne
Zimmermanns Mutter unterstützte ihn immer, ohne dem Ganzen eine grosse Bedeutung zu geben. «Sie hat mich nie vorgeführt, aber sie liess mir diese Freiheit und beantwortete auch meine Auftrittsanfragen.»
Sie ist Tochter eines Käsers, und die Familie führte den Betrieb mit Leidenschaft. Der Onkel besass eine Molkerei in Turbenthal. Zimmermann ist der festen Überzeugung, dass der Trubel in der Käserfamilie seine Arbeit geprägt hat. «Meine Familie wollte schon immer etwas Gutes für die Menschen machen, mit viel Liebe, und dafür war ein Austausch in der Gemeinschaft essenziell.»
Von dieser Haltung hat sich der Wildberger eine Scheibe abgeschnitten und in sein Theaterschaffen einfliessen lassen. «In den Laden meiner Familie kamen so viele verschiedene Menschen und wollten alle das Gleiche: Käse.» Dasselbe will er mit seiner Kunst erreichen. «Ich versuche, eine Vielfalt an Menschen anzusprechen, auch wenn sie mit Theater nicht viel am Hut haben. Aber sie wollen alle dasselbe: unterhalten werden.»
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Frauen: Mit oder ohne Humor?
Das Zusammensein spielte in der Familie eine grosse Rolle. Und vor allem auch der Humor. «Meine Mutter ist der lustigste Mensch, den ich kenne», erzählt der Choreograf.
Sie war die erste Person, die er als Performer imitierte. «Meine Clownfigur, die ich heute auf der Bühne spiele, ist extrem meiner Mutter nachempfunden.»
Frauen haben ihn sowieso gänzlich geprägt. Es waren die Frauen in der Familie, die sich um die Erziehung gekümmert hätten, Männer waren nur selten anwesend. Als Dekorationsgestalter fand er sich auch in einem Betrieb mit hauptsächlich weiblichen Angestellten wieder.
Bei so viel weiblicher Präsenz in seinem Umfeld merkte er schon früh, dass sich die Gesellschaft in einem täuschte: «Es gilt, dass Frauen nicht lustig seien», erklärt er. «Aber ich habe so viele Frauen in meinem Leben getroffen, die das Gegenteil sind.»
Neues Stück: Louise
Rollenbilder seien für ihn sowieso kalter Kaffee. «Ich kann es kaum glauben, dass man heute noch immer über Gleichstellung sprechen muss.» Er sei in der Theaterszene stets etwas aus der Reihe getanzt: interessante weibliche Figuren für die Bühne und möglichst flache Hierarchien hinter den Kulissen.
Dafür steht auch sein neustes Theaterstück «Louise», das am 30. November Premiere im Schauspielhaus Zürich feiert. Grundsätzlich geht es darin um Tyrannei und Resistenz.
In einem Labor werden Versuche mit vier Figuren gemacht. Diese spielen Menschen, Tiere oder auch Objekte. Und die Hierarchie zwischen ihnen wird immer wieder auf den Kopf gestellt. Die Figuren werden von den Tänzerinnen Bérengère Bodin, Marianna de Sanctis, Rosalba Torres Guerrero und Methinee Wongtrakoon dargestellt, die mit dem konstanten Rollentausch den Widerstand widerspiegeln.
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Jede Frau auf der Bühne hat einen ausgeprägten Charakter, der zwischendurch von einer anderen Performerin gespielt wird. «Vielleicht sind es ja nicht vier Frauen, sondern eine einzige Person mit all ihren Facetten», sagt Zimmermann.
Die Spaltung der Persönlichkeiten und die transportierten Gefühle sollen die Person auf das herunterbrechen, was sie wirklich sind: ein Mensch. Und der Humor darf natürlich auch hier nicht fehlen, wie der Wildberger Clown betont. «Lachen ist das, was uns alle noch retten wird.»
«Louise» von Martin Zimmermann
Louise feiert am 30. November Premiere im Schauspielhaus in Zürich. Das Stück wird dann bis am 15. Dezember 2024 dort aufgeführt. Mehr Informationen und Tickets finden Sie hier.