Gesellschaft

Druckerinnen und Drucker prägen die Zeitung – persönlich

Ein Farbgefühl, eine Handbewegung und ein geschultes Auge. Hier trifft der Mensch auf rohes Material - und hinterlässt seine individuelle Note.

Mitten in der Nacht wird der «Zürcher Oberländer» gedruckt.

Foto: Mel Giese Pérez

Druckerinnen und Drucker prägen die Zeitung – persönlich

Hinter den Schlagzeilen

Mitten in der Nacht ist der «Zürcher Oberländer» auf Druckmaschinen gespannt. Es braucht Papier, Tinte und die Hände der Mitarbeitenden – die genau wissen, wie die Dinge laufen.

«Die Nacht hat begonnen», sagt Stefan Abbt, Betriebsleiter des DZZ Druckzentrums in Zürich. Er steht auf dem Lieferplatz, wo sich um die 15 Autos befinden, die bereit sind, Zeitungen aufzuladen. Es ist warm um Mitternacht, die sonnige Jahreszeit hat endlich ihre Wirkung gezeigt.

Das moderne Äquivalent zu Weihnachtselfen am Nordpol ist bestimmt diese Zeitungsdruckerei – eine Produktionsstätte auf Hochtouren. Nur, dass sie 365 Tage im Jahr in Betrieb ist. Mitarbeitende schwirren umher, betätigen Maschinen, schieben Karren vor sich hin, beladen die Autos. Alles bewegt sich.

Die Redaktion gibt ab

Gleichzeitig, um Mitternacht, hat der «Zürcher Oberländer» seine Deadline. Die komplette Zeitung muss fertig abgegeben sein – geschrieben und gelayoutet. In einem Büro in der Druckerei, mit Blick auf das maschinelle Druckverfahren, werden die als PDF geschickten Daten verarbeitet.

Ein Bildschirm mit der Titelseite des «Zürcher Oberländers».
In der Datenverarbeitung wird die Zeitung nicht auf Rechtschreibung analysiert, sondern auf Farbe.

Die Seiten werden auf Farbanteile analysiert, damit sie dann in vier verschiedene Töne unterteilt und umgerechnet werden können: Gelb, Magenta, Cyan und Schwarz. Jede Farbe könnte theoretisch zu 100 Prozent aufgetragen werden. Aber man könnte dann kaum etwas erkennen. Die Farben wären viel zu satt.

Darum dürfen die vier Farben höchstens mit einem Gesamtwert von 260 Prozent aufgetragen werden. Die jeweiligen Farbmuster, die aus Schrift, Bildern oder Anzeigen bestehen, werden auf Aluplatten belichtet. Pro Zeitungsseite braucht es vier verschiedene Farbplatten. Für die 20-seitige Zeitung des 18. Juli bedeutet das gesamthaft 80 Aluplatten.

30 Kilometer Papier

Die Platten werden auf die Rollen der Druckmaschine gespannt. Das Papier rollt durch die Maschinen und wird von den Mustern auf den Aluplatten bedruckt – von vorne und von hinten. Eine solche Papierrolle ist etwa 30 Kilometer lang. Ein Kran stellt sie in die Startlöcher. Muss eine ausgewechselt werden, steht die nächste gleich bereit und wird an die fertige Rolle geklebt. Die Maschine bewegt sich weiter, bedruckt Zeitungen. Ohne Unterbruch. Für die Zeitung des 18. Juli brauchte es etwa eine Rolle. Rund 300’000 Seiten druckt das Druckzentrum jährlich.

Das Papier bestehe fast zu 100 Prozent aus recyceltem Zeitungspapier. «Es braucht einen kleinen Anteil an neuen Fasern, also Rohmaterial, oder auch neues Papier, sonst zerfällt das Produkt mit der Zeit», erklärt Stefan Abbt.

Betritt man die Maschinenhalle der Druckerei, befindet man sich in einer bildlichen Widerspiegelung des Betriebs: So fleissig wie sich die Mitarbeitenden bewegen, so beständig rattern auch die Maschinen. An der Decke entlang fliegen Zeitungen wie von Tausendfüsslern getragen. Mitarbeitende hantieren an riesigen Papierrollen und noch grösseren Druckmaschinen. Es ist laut.

Keine Schicht ist wie die andere. «Die Zeitungen haben nicht immer denselben Umfang oder Bildanteil», sagt der Betriebsleiter. Wie viel Tinte oder Papier nötig sei, hänge von der Tagesauflage ab. Um zehn vor eins geht der Druck des «Zürcher Oberländers» los.

Die Druckenden und ihre Maschinen

Wäre die Druckhalle ein Spielfeld, dann müsste das Steuerpult die VIP-Tribüne sein. Mit Aussicht auf die Druckmaschinen, getrennt durch grosse Glasfenster. Hier steuern die Druckerinnen und Drucker den Prozess. Zu Beginn sind die Maschinen etwas langsamer eingestellt, 6000 Zylinderumdrehungen pro Stunde.

Durch Klappfenster können die Mitarbeitenden fixfertig gedruckte und gebündelte Zeitungen gleich von der Tribüne aus herausfischen – die Maschinen drehen einfach weiter. Denn die ersten Ergebnisse des Drucks müssen justiert werden. Stimmt die Farbe? Ist die Zeitung schön gebündelt? «Niemand will eine Zeitung in der Hand halten, die aussieht, als hätte man sie bereits gelesen», sagt Ingo Frommer, der Teamleiter in der Druckerei.

Nicht zu vergessen, auch die Zeitungsverlage haben Wünsche. Das Druckzentrum stellt neben dem «Zürcher Oberländer» auch den «Landboten», den «Tages-Anzeiger», die «Neue Zürcher Zeitung», den «Blick» und noch viele weitere Zeitungen in der ganzen Schweiz her. Jede Zeitung hat ihre eigenen Farb- und Sättigungsmerkmale.

Es sind oft feine Nuancen, die ein solches Merkmal ausmachen. Dafür braucht es professionelle Hände mit einem Gespür für das Produkt. Jede Druckerin, jeder Drucker habe ihre beziehungsweise seine Expertise, die entsprechend eingesetzt werde, so der Teamleiter. «Es gibt solche, die drucken satter, andere drucken lieber heller, und so hat jede Person ein anderes Farbgefühl.»

Deshalb arbeiten jede und jeder stets an derselben Maschine und drucken dieselben Zeitungen. «Das ist wichtig. Wir kennen die Zeitung und wissen genau, wie sie aussehen muss», betont Frommer. Würden sich die Druckerinnen und Drucker ständig abwechseln, so sähe der «Zürcher Oberländer» jeden Tag anders aus. «Es kann auch mal sein, dass man einen schlechten Tag hat. Das sieht man der Zeitung an», sagt er schmunzelnd.

Eine Zeitung nach der anderen wird aus dem Druckstrom genommen. Durchblättern, wegwerfen. Ein Drucker gelangt durch eine Tür von der Tribüne zu den Maschinen. Justieren. Zurück ans Pult. Zeitung herausfischen, durchblättern, wegwerfen. Maschine justieren.

Sobald die Zeitung ihre Endform erreicht hat, wird die Geschwindigkeit erst auf 16’000, dann auf 32’000 Zylinderumdrehungen erhöht. Immer mal wieder wird eine Zeitung herausgefischt und durchgeblättert. Nicht mal 20 Minuten später sind die rund 12’000 Exemplare des «Zürcher Oberländers» fertig gedruckt. Die Druckerinnen und Drucker bereiten sich auf ihre nächste Zeitung vor.

«Sie ist erst fertig, wenn sie der Leser in der Hand hält», sagt Betriebsleiter Abbt. Jede Person fokussiert sich auf ihren Aufgabenbereich. Das andere habe sie nicht zu kümmern. Doch wenn jemandem ein Fehler unterlaufe, entstehe daraus schnell eine Kettenreaktion. «Deshalb würde ich nie um ein Uhr bereits sagen, dass die Nacht gut läuft. Man weiss nie, was noch passieren kann», glaubt Ingo Frommer.

Und tschüss

Bis hierhin gehörten die Arbeitsschritte zum Prozess der Rotation. Danach beginnt die nächste Phase, die Spedition. Prospekte oder Kleber werden beigefügt und die Zeitungen zu grossen Rollen gebündelt. Danach werden sie adressiert und für den Postversand oder den Frühzusteller sortiert – jeder Verteiler erhält sein Päckchen.

Personen in Leuchtwesten schieben Karren mit Zeitungsbündeln und Adresskarten vor sich hin. Autos werden beladen – mit allen Zeitungen für den jeweiligen Bezirk. Auf dem Lieferplatz vor der Druckerei spürt man die Sommernacht noch immer. Es ist halb zwei Uhr in der Früh. Für die Druckerei ist die Nacht aber noch lange nicht zu Ende.

In unserer fünfteiligen Serie «Hinter den Schlagzeilen» stellen wir Ihnen den Weg eines Artikels in die gedruckte Zeitung im Briefkasten vor.
Teil 1: Wie entsteht eigentlich ein Artikel?
Teil 2: Wenn aus leeren Seiten eine Zeitung entsteht
Teil 3: Der letzte Schritt vor der Druckerei: Die Druckvorstufe
Teil 4: Druckerinnen und Drucker prägen die Zeitung – persönlich
Teil 5: Sie verteilt den «Zürcher Oberländer» früh am Morgen in die Briefkästen

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