Dieses Baby ist mit dem Po voran geboren
Sie hat sich sogar eine brennende Zigarre unter den Fuss gehalten. Doch nichts brachte den erwünschten Effekt. «Weder Akkupunktur noch die indische Brücke und eben auch der Trick aus der chinesischen Medizin mit dem Zehen erwärmen funktionierten», sagt die Greifenseerin Corinne Lässer.
Das Baby in ihrem Bauch wollte sich einfach nicht mit dem Kopf nach unten drehen.
Sie werde ihr Kind wohl per Kaiserschnitt zur Welt bringen müssen, sagte ihr Frauenarzt. Doch die Pflegefachfrau wusste, dass es noch eine andere Option gibt. «Im Spital Frauenfeld, wo ich arbeite, sind Steissgeburten möglich.» Das heisst: Das Baby kann auf natürlichem Weg geboren werden; statt kopfvoran einfach mit dem Hintern zuerst.
«Einfach ist es eben nicht», sagt die 30-Jährige. Die Spontangeburt bei Steisslage ist riskanter und wird daher nicht in allen Spitälern in der Schweiz angeboten. Lässer hatte sich aufgrund der Nähe zu ihrem Wohnort und der Familienabteilung für das Spital Uster entschieden.
Spezialist für Steissgeburten
Im Geburtsvorbereitungskurs teilte sie der Hebamme mit, dass sie – wenn irgendwie möglich – gerne spontan gebären würde. Die Frau wollte dies abklären.
«Bekannte hatten mir davon abgeraten.» Sie wolle nie wieder ein Kind, warnten sie, wenn sie sich gegen den Kaiserschnitt entscheide. «Mir aber kam es falsch vor, meinem Sohn vorzugeben, wann er zur Welt kommen muss.» Sie sei nicht grundsätzlich gegen den Kaiserschnitt, aber sie halte eine natürliche Geburt für die bessere Variante.
Becken und Baby vermessen
Die Hebamme kam mit guten Nachrichten zurück: Just seit März seien Steissgeburten im Spital Uster wieder möglich. Die Frauenklinik konnte einen Spezialisten auf dem Gebiet gewinnen (siehe Interview). « Ob ich die richtigen Voraussetzungen mitbrachte, war aber noch unklar. » Lässer traf den Chefarzt und Oberarzt zu einem ausführlichen Voruntersuch.
Spezialist: «Wenn die Frau will, beträgt die Erfolgschance 70 Prozent»
08.04.2022

Erste Steissgeburt am Spital Uster
Wenn Ungeborene sich nicht rechtzeitig drehen, wird meist ein Kaiserschnitt durchgeführt. Beitrag in Merkliste speichern « Sie haben ein MRI meines Beckens gemacht und das Baby ausgemessen, um zu sehen, ob es überhaupt Platz hat. » Zu klein dürfe das Baby aber auch nicht sein, hätten ihr die Ärzte mitgeteilt.
Die Kriterien für eine Spontangeburt waren alle erfüllt: Lässers Wunsch stand nichts mehr im Wege. « Nach dem Gespräch fühlte ich mich super. Beide Ärzte machten einen mega professionellen Eindruck auf mich. Ich war bereit. » Und ihr Baby auch.
« Ich dachte, es geht noch mindestens fünf Stunden. Nun war ich super motiviert. »
Corinne Lässer, Greifenseerin
Am 13. März platzte Lässers Fruchtblase. Die Wehen liessen aber auf sich warten. Die Greifenseerin spazierte den ganzen Tag umher. Am Abend begab sie sich ins Spital, wo am nächsten Morgen die Wehen eingeleitet werden mussten.
Erst 24 Stunden später, am Morgen des 15. März, um 5 Uhr ging es schliesslich los.
Vom Vierfüsser auf den Rücken
« Ich hatte die ganze Nacht Podcasts gehört, um mich mental vorzubereiten. Bei jeder Wehe zählte ich mit » , sagt Lässer. Weil Steissgeburten angeblich viel länger dauerten als normale, habe sie sich auf einen Marathon eingestellt.
Als der Arzt um 7 Uhr sagte, in 20 Minuten müsse das Baby auf der Welt sein, habe sie ihren Mann baff angeschaut. « Ich dachte, es geht noch mindestens fünf Stunden. Nun war ich super motiviert. »
Der Gynäkologe habe ihr klare Anweisungen gegeben: Die Position im Vierfüsser sei zwar eigentlich die optimalste. Da das Baby aber etwas Unterstützung durch den Arzt brauchte , musste Lässer rasch aufgeben und sich auf den Rücken legen . « Er sagte mir, ich solle nun meine ganze Kraft für das Pressen aufwenden . Was er und die Hebammen taten, bekam ich gar nicht recht mit. Ich hätte gerne zugeschaut. »
« Ich habe die Geburt sehr genossen. Es war ein wunderschönes Erlebnis. »
Corinne Lässer, Greifenseerin
Um 7.20 Uhr kam Maurice Po voran zur Welt. Gesund. 2920 Gramm schwer, 49 Zentimeter lang. Lässer sagt etwas, das man selten aus dem Mund einer frischgebackenen Mutter hört: « Ich habe die Geburt sehr genossen. Es war ein wunderschönes Erlebnis. »
Im Nachhinein sei sie froh, dass die Zigarre versagt habe. « Meine Geburt war etwas Spezielles und es freut mich sehr, dass die erste Steissgeburt im Spital Uster seit vielen Jahren ein Erfolg war. »