Dieser Ustermer ist ein Marathon-Mann mit Ballgefühl
Schon 275 Marathons gelaufen
Robin Lörtscher sammelt Marathons. Für den 46-Jährigen geht es nicht mehr um Bestzeiten, sondern um Erlebnisse – und manchmal auch um spezielle Rekorde.
«Willst du das tatsächlich am Greifenseelauf durchziehen? Hier kennen dich die Leute doch!» Die Worte seiner Frau gaben Robin Lörtscher zwar eine Nacht lang zu denken. Abhalten liess er sich aber nicht. Und der Greifenseelauf war nur die Hauptprobe.
Ernst galt es für den Ustermer im vergangenen November auf dem Hockenheimring in Deutschland. Auf der Autorennstrecke lief er einen Marathon und jonglierte dabei einen Ball mit einem Tischtennisschläger. Die 5:04 Stunden, die er für dieses Unterfangen benötigte, stehen nun im «Guinness-Buch der Rekorde».
Bemerkenswert daran ist nicht nur die Sache mit dem Pingpongball. Sondern auch, dass der 46-Jährige da bereits seinen 272. Marathon lief. «Manche fragten mich, ob mir ein normaler Marathon eigentlich zu langweilig sei», erzählt Lörtscher lachend. Und auf Instagram kritisierte einer, so verkomme der Marathon zur zirkushaften Veranstaltung. «Das war der einzige kritische Kommentar», sagt Lörtscher. «Vielleicht haben andere so etwas gedacht. Aber für mich ist das nicht relevant. Ich bin keiner, der wie ein Kasper rumrennt und unbedingt auffallen will.»
Grund für die Aktion waren weder Langeweile noch ein Geltungsdrang. Lörtscher war einst im Tischtennis-Junioren-Nationalkader. Aktiv in diesem Sport ist er zwar schon länger nicht mehr. «Irgendwann dachte ich aber: Es wäre cool, die beiden Leidenschaften zu kombinieren», sagt er. Die Herausforderungen waren mannigfaltig – es ist etwas anderes, ob man steht oder geht oder gar rennt, während man einen Ball jongliert. Der Wind spielte eine Rolle – und die Tatsache, dass sich Lörtscher über fünf Stunden lang auch optisch auf einen Ball und einen Pingpongschläger fokussieren musste. «Die Konzentration aufrechtzuerhalten, das war sehr anspruchsvoll», sagt er.
Es begann mit Triathlon
Anspruchsvoll dürften ganz viele Hobbyläufer nur schon die Aussicht darauf empfinden, überhaupt einmal einen Marathon zu bestreiten. Für Lörtscher gehören die 42,195 Kilometer indes gewissermassen zum Alltag. 2004 lief er diese Strecke am Zürich-Marathon erstmals, damals als Vorbereitung für seinen ersten Ironman. Wenige Jahre zuvor hatte er mit dem Triathlon begonnen, und es war seine Hauptdisziplin, bis 2010 seine zweite Tochter zur Welt kam und er den zeitlichen Aufwand nicht mehr betreiben wollte. «Ich merkte jedoch, dass Marathon laufen noch ganz gut geht», sagt Lörtscher.

26 Marathons hatte er da schon absolviert – und sich unterdessen davon verabschiedet, seine Bestzeit von 3:07:01 Stunden senken zu wollen. Seither ist für ihn die Cut-off-Zeit massgeblich – salopp gesagt will er also einfach vor dem Besenwagen ins Ziel kommen. Man könnte sagen: Quantität kommt bei ihm unterdessen vor der Qualität. Den Sport verbindet er mit Sightseeing, das Erlebnis und der Kontakt zu anderen Läufern sind ihm wichtiger als die reine sportliche Leistung. Nachdem er an seinem 40. Geburtstag seinen 100. Marathon gelaufen war, gründete er den 100 Marathon Club Schweiz, dem mittlerweile rund 140 Aktivmitglieder angehören. «Ein Ehrgeiz ist schon noch vorhanden, aber ich schaue nicht mehr auf die Minuten. Sonst müsste ich ganz anders trainieren», sagt er.
Das Lustprinzip regiert
Mit dem Training ist es bei Lörtscher so eine Sache: Er tut das nicht nach Plan, sondern nach dem Lustprinzip. «Ich mache es aus dem Bauch heraus, und wenn es in Strömen regnet, muss ich kein Training durchstieren.» Dazu muss man wissen: Lörtscher ist Fachlehrer für Sport auf Primarschulstufe – und dürfte sich damit im Alltag deutlich mehr bewegen als jemand, der täglich acht Stunden in einem Büro sitzt. Offenbar hat er den für sich richtigen Weg gefunden, denn er ist bei jedem einzelnen Start auch ins Ziel gekommen. Was bei unterdessen 275 Starts alles andere als selbstverständlich ist.
Lörtscher bringt es mit seiner Routine in Zusammenhang und mit dem Bewusstsein, wie er sich ernähren muss und wie viel Schlaf sein Körper vor einem Marathon braucht. Seine Serie dürfte aber auch damit zu tun haben, dass er sich nicht mehr bis zum Letzten verausgabt, um eine spezifische Zeit zu erreichen – und kein Problem damit hat, seinem Körper nach einem Wettkampf auch die nötige Ruhe zu gönnen. «Es ist auch eine Gefühlssache», glaubt er.
Die Frage, ob eine so hohe Kadenz an Marathons nicht ungesund sei, stellte sich ihm nie. «Wir haben im Klub Sportärzte, die noch extremer sind als ich», sagt er. «Die Freude an der Bewegung beugt Krankheiten vor. Und wenn man motiviert und positiv durchs Leben geht, kann man sich neben einem stressigen Job entspannen und wieder Energie tanken.»
Einmal waren es 42 Marathons pro Jahr
Unterdessen ist sein Rennkalender nicht mehr so dicht gefüllt wie auch schon. Bisweilen hatte er sich in der Vergangenheit verrückt anmutende Dinge auferlegt. Einmal nahm er sich 111 Marathons innert dreier Jahre vor, im Rahmen dieses Projekts lief er 2021 total 42 Rennen. 2024 waren es 27, 2025 werden es weniger sein. Bis im Sommer sind drei oder vier Starts geplant – weiter reicht die Planung noch nicht. Deshalb dürfte es 2026 werden, bis er seinen 300. Marathon absolviert.
Einen Stress macht sich Lörtscher daraus nicht. Wichtig ist ihm ohnehin, dass alles mit dem Segen der Familie passiert. «Einem Freund von mir ging die Beziehung in die Brüche, weil er unbedingt an die Ironman-WM nach Hawaii wollte. Das ist es mir dann nicht wert», sagt Lörtscher. Unter anderem deshalb hat er noch nie am New York Marathon teilgenommen, der Anfang November stattfindet. «Das ist für mich noch ein Fernziel.» Er müsste dafür unbezahlten Urlaub nehmen – «aber mir ist wichtig, dass ich nicht eine Woche ohne meine Familie reise».