Dieser Ustermer Arzt ist besser als eine Fledermaus
Völlig unscheinbar, in einem Wohnhaus am Seilerweg, liegt die Arztpraxis. Im Wartezimmer hängen – neben den üblichen Diplomen an den Wänden – Fledermaus-Figuren von der Decke. Gut sichtbar neben der Kaffeemaschine steht ein Sparschwein für Afrika-Projekte.
Eine Fledermaus ziert auch die Rücken der Mitarbeitenden. Es ist das Markenzeichen der Arztpraxis. «Was wir Menschen seit wenigen Jahrzehnten können, betreiben die Fledermäuse schon seit vier Millionen Jahren», erklärt Jan Tuma. «Ihr Ultraschall hat eine Auflösung von einem Quadratzentimeter – da sind unsere Geräte viel besser. Aber sie müssen ja nur nachts Insektenschwärme erkennen und mit offenem Maul hineinfliegen.»
Es soll nicht die einzige Anekdote des Gesprächs bleiben. Der gebürtige Tscheche erzählt rückblickend gerne und leidenschaftlich von seinem Werdegang. Obwohl seine Leidenschaft anfänglich eine ganz andere war.
Der Vater gab die Richtung vor
«Fotograf war mein erster Berufswunsch», erklärt Jan Tuma vor dem Bücherregal, in dem einige seiner Werke stehen. «Mein Vater meinte aber, das sei nichts Rechtes. Er war Chirurg und so studierte auch ich Medizin.» Zu diesem Zeitpunkt wusste Tuma noch nicht, dass er später eine andere Form der Bildgebung zu seiner Berufung machen und prägen würde.
Aufgewachsen ist Jan Tuma in der Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei. 1966 trat er das Medizinstudium an der Karls-Universität in Prag an. Zwei Jahre später erlebte der Student die Hoffnungen des Prager Frühlings. Hoffnungen eines demokratischen Aufbruchs, die in der Nacht zum 21. August durch russische Panzer blutig zerschlagen wurden.
«Der Krieg in der Ukraine bewegt das tschechische Volk sehr.»
Diese Ereignisse prägen seine Heimat bis heute, weiss der 74-Jährige: «Über 400’000 ukrainische Flüchtlinge hat Tschechien aufgenommen, der Krieg in der Ukraine bewegt das tschechische Volk sehr», erzählt der Tscheche mit seinem böhmischem Akzent.
Auch Tuma ist ein Geflohener. Sein Vater hatte schon 1948 schlechte Erfahrungen mit den Kommunisten gemacht. Als die Russen 1968 in der Tschechoslowakei einfielen, floh die Familie nach Basel.
Dürrenmatt vs. Havel
Das sei nur ein kleiner Kulturschock gewesen, meint der Arzt. «Gewiss Basel hat nur vier Theater und nicht deren 60 wie Prag», lacht der Theaterbegeisterte. «Aber am Stadt-Theater Basel war die grosse Zeit von Werner Düggelin und Dürrenmatt, der in eigenen Uraufführungen auch Regie führte.»
Wie alle Prager, so Tuma, sei auch er oft im Theater gewesen: «So lernte ich auch den Dissidenten Vaclav Havel kennen, der im ‹Theater am Geländer›, Bühnentechniker und Hausautor war.» Ihre Wege sollten sich später wieder kreuzen.
Fotografieren mit Schall
In Basel setzte Tuma sein Medizinstudium fort und spezialisierte sich auf die Niere. Um das Organ besser zu verstehen, machte er als Assistenzarzt ein Jahr Experimente mit Ratten bei der damaligen Ciba-Geigy – die Basler Chemiefirma fusionierte 1997 mit Sandoz zur Novartis.
Und er lernte jene tschechische Kollegin kennen, die später seine Frau und die Mutter zweier Töchter wurde. Von Basel führte ihn sein Weg als Assistenzarzt zum Kantonsspital Winterthur, dem Zürcher Waidspital, dem Zürcher Universitätsspital und schliesslich als Oberarzt nach St. Gallen. Hier zeigte sich dem Facharzt für Innere Medizin das Potenzial der Ultraschall-Diagnostik.
In St. Gallen gelang es, die Abstossung transplanierter Nieren von 50 auf 5 Prozent zu reduzieren. Nicht zuletzt dank der Ultraschall-Diagnostik. Jan Tuma kehrte zu seiner ersten Leidenschaft zurück und fotografierte nun mit für menschliche Ohren unhörbaren Frequenzen in den Menschen hinein. Eine Frequenz, die fortan Tumas Werdegang prägte.
Ein Trendsetter in Uster
Als er 1982 seine Praxis am Seilerweg 1 in Uster eröffnete, tat er dies als Ultraschall-Spezialist und gehörte damit zu den ersten. «Die Ustermer Kollegen waren erst skeptisch», flachst der 74-Jährige rückblickend.
Die Technik gab es schon lange. Aber erst in den 1980-er Jahren fand sie in verschiedene Disziplinen Einzug. Die Bevölkerung nahm Tumas Methode offener wahr: «Beim Coiffeur und am Stammtisch sprach es sich herum: Am Seilerweg ist einer, der schmiert dir Gel auf den Bauch und guckt mit einem Gerät in dich hinein. Manchmal findet er auch was.»
Aber auch Tuma kam an seine Grenzen. Einmal kam ein Polizist und wollte wissen, wie gross der Wurf seiner trächtigen Hündin sein werde. Tuma erkannte im Ultraschall vier Welpen – die Hündin warf ein Dutzend. «Von der Veterinärmedizin liess ich dann die Finger.»
Vom Beruf zur Berufung
Wäre es nach seiner Frau gegangen, hätte er wohl nach der Ultraschall-Diagnostik auch nicht alle Finger strecken müssen. Sie «hat es damals sehr geärgert, weil ich immer die neuesten und eben auch teuersten Geräte beschaffte», gesteht er rückblickend.
Aber: Aus dem nicht ganz freiwillig gewählten Beruf war schon eine Berufung geworden. Tuma engagierte sich in verschiedenen medizinischen Gesellschaften für die Ultraschall-Medizin und sorgte auf europäischer Ebene für eine stärkere Gewichtung von praktischen Arbeiten in der Ausbildung.
Zurück in die Heimat
Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 wurden auch Kontakte in den Osten wieder möglich. Die Tschecho-Slowakisch-Schweizerische medizinische Gesellschaft wurde gegründet und Toma deren erster Präsident. Später machte ihn der tschechische Gesundheitsminister zum Berater. So traf er auch einen ehemaligen Bekannten wieder, der damals in der Heimat zurückgeblieben war.
Vaclav Havel, Dramaturge, Essayist und Regimekritiker, ist mittlerweile Präsident der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik. In dieser Funktion lädt er Tuma zu einem Treffen mit ehemaligen und aktuellen Gesundheitsministern in den Garten der Prager Burg ein.
Der Ustermer Arzt erinnert sich an die Worte des Präsidenten: «So jetzt, Politik zur Seite. Diskutieren wir offen und wenn Diskussion gut wird, dann bekommt ihr ein Wiener Schnitzel.» Tumas Bauch hüpft vor Lachen. «Wir waren fleissig, und der Präsident hielt Wort.»
Engagement in Afrika
Tuma, der mittlerweile mit Herz und Niere an die Ultraschall-Diagnostik glaubt, wurde immer wieder auch von aussen angestupst. «Es war ein Kollege vom Waidspital, der mich 2010 fragte, ob ich ihn in das Msambweni-Spital in Kenia begleiten wollte», erklärt der Ultraschall-Spezialist seinen Einstieg in das Afrika-Engagement.
Nach einigen Projekten in Kenia führt er seit fünf Jahren in Tansania ein- bis zweimal jährlich Kurse durch. Dafür ist auch das Sparschwein in seinem Wartezimmer.
«Man lebt erst, wenn man auch ein wenig für andere lebt.» Diesen Spruch auf dem Deckblatt einer Broschüre verkörpert der Tscheche überzeugend.
Nachfolge organisiert
«Viele Ärzte, die in der Schweiz und in Afrika Ultraschall-Diagnostik betreiben, wurden von mir ausgebildet», berichtet er stolz. In fachlichen Kreisen gibt er seine berufliche Begeisterung gerne weiter. Aus diesem Bereich kommt auch seine Nachfolge für die Praxis.
Sein Nachwuchs hat andere Wege eingeschlagen: Die eine Tochter steht auf der Bühne, die andere führt in Uster eine Physiotherapie. Familiär gibt der Grossvater ein Stück Heimat weiter.
«Ja ich habe Enkel», schmunzelt Jan Tuma stolz, «und Grossvater kann – leider, leider – nur Tschechisch», scherzt er augenzwinkernd weiter. Dafür liegt ab und an ein Kindertheater mit Opa in einem Prager Divadlo drin.
Noch nicht vorbei
Das Gespräch wird kurz unterbrochen. Praxiskollege Nicolas Züllig, der seinen Patienten eben verabschiedet hat, kommt ins Zimmer. Er wird zusammen mit seinem Kollegen, Jochen Ströbel, 2023 die Praxis am Seilerweg mit ihrer Spezialisierung auf Ultraschalluntersuchungen weiterführen.
Bis dahin ist aber noch Zeit und Jan Tuma nicht müde, sein Wissen und seine Begeisterung weiterzugeben. An diesem Freitagabend erwartet er dafür noch ein Dutzend Ultraschall-Lehrlinge.