Dieser Uster Märt war der letzte für die Macher des Märt Näscht
Wegen der vielen Auflagen
Der traditionelle Standort an der Zentralstrasse wurde ihnen nicht bewilligt, am neuen konnten sie kaum Musik spielen. Jetzt schmeissen die Verantwortlichen hin.
Die wummernden Bässe sind zaghaft wahrzunehmen, wenn man von der Bahnhofstrasse langsam auf den Stadthausplatz einbiegt. Es ist Freitagabend, der Uster Märt neigt sich dem Ende zu. In der Luft liegt Katerstimmung. Diese ist beim Märt Näscht aber nicht allein auf den Vorabend zurückzuführen.
Seit gut 20 Jahren ist die Outdoor-Party mit Bar und DJ-Musik fester Bestandteil des Uster Märt. Die heutigen Macher haben das Konzept der «Spitzbuebe» vor Jahren übernommen und weiterentwickelt. Die Macher, das sind Ronny Brändle und sein Bruder Lars sowie Mike Sigrist, Ronnys Schulfreund.
Alles Ur-Ustermer, alle arbeiten ehrenamtlich. Die Einnahmen fliessen in ihren Förderverein für Regionalität und Kultur. Mit dem Geld werden regionale Kulturschaffende und -projekte unterstützt.

In diesem Jahr aber ist alles anders. Das fing schon bei der Bewilligung an. Im September teilten die Märt-Verantwortlichen den Partyveranstaltern telefonisch mit, dass sie ihnen keine Bewilligung für den angestammten Platz an der Zentralstrasse geben können.
Der Erfolg wurde zum Sicherheitsrisiko
Jahr für Jahr hat die Outdoor-Party Hunderte Tanz- und Feierwütige angelockt. So viele, dass der Platz neben der Zentralstrasse 5a, wo früher das Sportgeschäft Time Out drin war, nicht ausreichte. Die Partymeute reichte bis zur Gasse zwischen den Marktständen.
Ein Erfolg für die Macher, zu viel für die Stadtpolizei Uster, die den Uster Märt plant und veranstaltet. Sie sah im Betrieb ein Sicherheitsrisiko. Deshalb konnte sie den Partystand nicht mehr bewilligen. Die Partyveranstalter hatten sich nach einem ersten Schock und weiteren Gesprächen mit dem Marktchef auf eine Alternative geeinigt.
Den kleineren Stand durften die Verantwortlichen des Märt Näscht auf dem Stadthausplatz aufbauen. Das musikalische Angebot haben sie stark reduziert.





«Wir hatten die mündliche Zusage, dass wir Hintergrundmusik spielen dürfen», sagt Ronny Brändle. Man sei denn auch weniger laut unterwegs gewesen als in den Vorjahren. Trotzdem: Am Donnerstagabend sei die Polizei mehrmals beim Stand aufgetaucht und habe verlangt, dass die Musik leiser gestellt werde.
Lars Brändle hat während der vergangenen zwölf Jahre den musikalischen Takt vorgegeben. Für den DJ, der unter dem Künstlernamen Jack oder Asphalt als DJ in renommierten Clubs im In- und Ausland auflegt, ist das Vorgehen unverständlich. Sein Fazit: «Die Polizei zeigt sich hierbei völlig volksfremd.»
Rückenwind von einem politischen Stammgast
Die Partyveranstalter halten sich ansonsten mit Vorwürfen zurück. Nicht so Stammgast und Politiker Simon Vlk. «Es macht mich traurig und wütend, zu sehen, wie die Stadt Uster mit langjährigen Traditionen umgeht und einen für Ustermer und Ustermerinnen wichtigen Anlass kaputtgemacht hat», ärgert sich der Ustermer FDP-Kantonsrat.


Die Outdoor-Party sei wie ein Klassentreffen. «Seit je trifft sich ein Grossteil meiner Generation hinter dem ehemaligen Time Out zum jährlichen «Alte-Bekannte-wiedersehen-Fest». Dass das jetzt plötzlich ein Sicherheitsrisiko sein soll, kann er nicht nachvollziehen und kritisiert die Bewilligungspraxis der Stadt. Auch bezüglich der Musik.
Vlk sieht das Ganze in einem grösseren Kontext: «Die stete Zunahme von Auflagen führt dazu, dass immer mehr Feste sterben – bestes Beispiel ist das Züri Fäscht.» Der Kantonsrat wandte sich deshalb mit einer Protestnote an die Stadt.
Neubeurteilung der Sicherheitsrisiken
Der Kommandant der Stadtpolizei Uster, Andreas Baumgartner, bestätigt auf Anfrage die Abweisung des Gesuchs der Musikveranstaltung. Die Neubeurteilung der Sicherheitslage gehe auf einen Expertenbericht aus dem Jahr 2018 zurück. Dieser kam zum Schluss, dass die Sicherheitsvorkehrungen am Uster Märt allgemein zu verbessern sind.
Der Bericht wurde 2017 in Auftrag gegeben – im Jahr nach den folgenschweren Terroranschlägen in Nizza und am Berliner Weihnachtsmarkt. Die Stadtpolizei habe aufgrund des Expertenberichts – wie auch in Anlehnung an die Grossveranstaltungen in den Städten Zürich und Winterthur – ihr Sicherheitskonzept erneuert.

Baumgartner führt aus: «Um unseren Besuchern einen professionell organisierten Traditionsanlass mit grösstmöglicher Sicherheit zu bieten, werden bestehende Sicherheitsmassnahmen laufend intern und extern überprüft.» Dazu gehören auch zwei Sperrsysteme an den Zufahrten, die verhindern sollen, dass jemand bewusst oder unbewusst ins Marktgelände fährt.
Im vergangenen Jahr sei das neue Sicherheitskonzept zum ersten Mal zur Anwendung gekommen. Ohne Einfluss auf das Märt Näscht – vorerst.
2022 habe man die Menschenansammlung bei der Outdoor-Party nochmals beobachtet. «Da kommt eine viel zu grosse, nicht kontrollierbare Menschenmasse zusammen, was im Ereignisfall zu grossen Problemen führen könnte», sagt Baumgartner.

«Die Entfluchtung des Areals hätte im Ereignisfall nicht ansatzweise mehr kontrolliert werden können», führt Baumgartner aus. Deshalb sei man zum Schluss gekommen, dass sich das Partykonzept nicht mit dem neuen Sicherheitskonzept vertrage und damit als nicht mehr bewilligungsfähig zu taxieren sei.
Keine Bewilligung für Musik
Für die Alternativlösung auf dem Stadthausplatz hatten die Partyveranstalter zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Antrag auf einen Standplatz stellen können und kein formelles Gesuch für eine Festwirtschaft. Die Stadtpolizei hat die Partybar deshalb wie einen normalen Marktstand behandelt – und bei einem solchen ist eine Beschallung nicht vorgesehen.
Indem die Veranstalter trotzdem Lautsprecher aufgestellt hätten, hätten sie sich rechtlich nicht korrekt verhalten. «Es gab keine Bewilligung für Musik. Umliegende Standbetreiber haben sich auch darüber beschwert. Die Stadtpolizei ist mit diesen in den Dialog getreten. Daraufhin haben wir ein Auge zugedrückt und es durchgehen lassen», so Baumgartner.
Aber nur solange die Musik den Markthändlern rundherum ein Verkaufsgespräch ermöglichte. Das sei über beide Markttage der Fall gewesen.
Auch am Freitagabend lief beim Märt Näscht Musik. Video: Ljilja Mucibabic
Baumgartner geht es dabei auch um eine grösstmögliche Gleichbehandlung der Anbieter. «Wenn 20 weitere Veranstalter das Gleiche machen würden, hätten wir eine Street Parade in Uster und keinen Uster Märt mehr gemäss Marktreglement der Stadt Uster.»
Fehlendes Marktgefühl kritisiert
Das neue Sicherheitskonzept ist auch anderen Marktbesuchern aufgefallen. Die teils grossen Lücken zwischen den Ständen hätten kein richtiges Marktgefühl aufkommen lassen. Den Leuten fehlte das Gedränge. Baumgartner vermutet einen anderen Grund dafür.
«Wegen des schlechten Wetters kamen in diesem Jahr viel weniger Menschen an den Markt», konstatiert der Polizeikommandant. Ausserdem seien die Standplätze im vergangenen Jahr bereits nach dem neuen Sicherheitskonzept platziert worden. Damals war es zwar kalt, aber trocken. Daneben lockten die Public Viewings zur Fussball-WM in Katar wohl Besucher an, die sonst nicht an den Markt gegangen wären.




Das Wetter und ausserordentliche Ereignisse kann man nicht beeinflussen. Und das Sicherheitskonzept? «Die Anforderungen an die Sicherheit haben sich in den letzten Jahren verändert», stellt der Polizeikommandant fest.
Die Stadtpolizei Uster stehe als Veranstalter in der Verantwortung und müsse für verschiedene Eventualitäten – unter Berücksichtigung des aktuellen Lagebilds – bereit sein. «Dieses Ziel wurde – zugunsten der Sicherheit der Marktbesuchenden – am diesjährigen Uster Märt erreicht. Das Notfallkonzept funktionierte im konkreten Ereignisfall.»
Für Ronny Brändle ist klar: Nicht nur die Sicherheitsanforderungen haben sich geändert. In den letzten Jahren haben die Auflagen an die Veranstalter generell stetig zugenommen. Jetzt zieht er einen Schlussstrich: «Ich freue mich darauf, im nächsten Jahr den Uster Märt mal wieder als Gast geniessen zu dürfen.»