Dieser Schreiner macht in Saland Wohnträume im Kleinformat wahr
Klein, aber oho
Steffen Braun lernte Schreiner, studierte Theologie und war Jugendarbeiter. Heute fabriziert er in seiner Holzwerft GmbH in Saland sogenannte Tiny Houses.
Das erste Tiny House, das Steffen Braun baute, war 5,2 Meter lang und 2,3 Meter breit. Auf diesen knapp 12 Quadratmetern brachte der Schreiner vier Schlafplätze, einen Esstisch mit Sitzbank sowie eine voll ausgestattete Küche mit Gasherd, Kühlschrank, Spülbecken und Stauraum unter.
Braun stellte das Häuschen aus Arvenholz auf den Campingplatz in Arosa, wo es dank Bodenheizung auch im Winter bewohnt werden kann. Um diese 12 Quadratmeter in einen grösseren Zusammenhang zu stellen: Roger Federer lässt derzeit in Rapperswil-Jona sein neues Domizil bauen, auf rund 16’000 Quadratmetern.
Was ist ein Tiny House?
Das Tiny House Movement hat seinen Ursprung in den USA. Dort ist der Begriff seit 2017 gesetzlich verankert und bezeichnet ein Wohnhaus mit maximal 37 Quadratmetern Wohnfläche. Wörtlich übersetzt ist ein Tiny House nichts anderes als ein winziges Haus.
Im Zuge der Finanzkrise ab 2007, als viele amerikanische Familien ihre Hauskredite nicht mehr finanzieren konnten, wuchs die Bewegung in den USA stark an. Um Obdachlosigkeit zu vermeiden, liessen sich viele Familien eine Art Notunterkunft auf Rädern fertigen.
In der Schweiz sind die Beweggründe, sich ein Tiny House anzuschaffen, nicht die Kosten, sondern eher das Ziel eines nachhaltigen und minimalistischen Lebensstils. Tiny Houses werden als Festwohnsitz, als Wochenend- oder Gästehäuser genutzt. Mobile Häuschen bedürfen in der Schweiz einer Zulassung durch das Strassenverkehrsamt.
Dauerhaftes Campieren ist in der Schweiz grundsätzlich möglich. Allerdings haben in den letzten Jahren immer mehr Gemeinden Reglemente erlassen, die Dauercamping unterbinden oder ganz verbieten. Die Gemeinden wollen keine Trailerparks wie in den USA. (sco)
Wie viel Raum braucht ein Mensch? Es ist eine Frage, die den Schreiner aus Saland beschäftigt, gerade in Zeiten von immer knapper werdendem Bauland: «Ich finde, dass wir unseren Materialismus und Lebensstil immer wieder hinterfragen müssen.» Der 45-Jährige will nicht einfach kleine Häuser schreinern, sondern «in der Gesellschaft einen Unterschied machen».
Dieser Idealismus passt in eine Biografie, die wenig gradlinig verlaufen ist: Geboren in der Nähe von Tübingen in Baden-Württemberg, entscheidet er sich als Jugendlicher für eine Schreinerlehre.
Von St. Pauli nach Pfäffikon
Später zieht er nach Hamburg und beginnt im Stadtteil St. Pauli in einem Café für Obdachlose zu arbeiten. Gleichzeitig studiert er Sozialpädagogik und Theologie. In Hamburg lernt er seine Frau kennen, eine St. Gallerin, die eben von einer langen Auslandsreise zurückgekehrt war.
«Es war Liebe auf den ersten Blick – aber nur bei mir», erzählt er lachend. 2005 werden die beiden erstmals Eltern eines Sohns, 2007 übersiedelt das Paar in die Schweiz. Braun sucht eine Stelle im Sozialbereich und wird in einer Freikirche in Pfäffikon fündig, wo er für das Ressort Jugend zuständig wird.
Dann trafen einige schwere Schicksalsschläge die junge Familie. «Es war eine furchtbare Zeit für uns. Und ich war unter diesen Umständen schlicht nicht mehr in der Lage, mit Jugendlichen zu arbeiten», erzählt Steffen Braun.
Er erinnert sich an seinen alten Beruf und beginnt 2010 wieder zu schreinern. Das eingangs erwähnte Tiny House in Arosa, das er für sich und seine mittlerweile vierköpfige Familie zimmert, ist ein Prototyp und der Meilenstein für das, was in den nächsten Jahren kommen sollte.
Zwei Spaziergänger seien an seinem Häuschen vorbeigekommen und hätten ihn darauf angesprochen, erzählt Braun: «So etwas wollen wir auch. Kannst du eines für uns bauen?» Er konnte. Derzeit entsteht in Steffen Brauns Holzwerft GmbH in Saland bereits das 17. Tiny House.




«Jedes Hüsli, das wir bauen, ist auch eine Werbetafel für uns», sagt Braun. Drei Mitarbeitende sind in seiner Firma angestellt, alle im 80-Prozent-Pensum. Nebenbei beschäftigt er auch immer wieder Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen. Ihnen gibt Braun durch die Arbeit Hilfestellung und Struktur: «Das ist meine soziale Ader.»




Ein Zitat des irischen Literatur-Nobelpreisträgers George Bernard Shaw ist seine Leitlinie: «Ich begnüge mich nicht mit schönen Träumen. Ich will schöne Wirklichkeiten.» Er sei schon immer ein begeisterter Camper gewesen, so Braun. «Ich liebe die Natur, aber diese Wohnwagen aus Plastik haben mich immer gestört. Das Material atmet nicht, das finde ich ‹grusig›.»
«Ein Baum macht das Unsichtbare sichtbar»
Viele Zivilisationskrankheiten seien auf unsere Bauweise der letzten 50 Jahre zurückzuführen, ist der 45-Jährige überzeugt. Seine Häuser baut er deshalb mit natürlichen, nachhaltigen und wenn möglich Schweizer Rohstoffen. So hat die Holzwerft GmbH vor einigen Jahren begonnen, ihr eigenes regionales Mondholz fällen und sägen zu lassen.
Braun liefert sogleich die Erklärung, was dahintersteckt: «Mondholz wird bei abnehmendem Mond gefällt und enthält weniger Wasser. Dadurch bekommt es auch weniger Spannungsrisse und ist nicht so anfällig gegenüber Schädlingen.»

Ein Baum ist für den Schreiner viel mehr als nur ein Produzent von Baumaterial: «Ein Baum macht das Unsichtbare sichtbar.» Was er damit meint: Ein Baum besteht zu mehr als 90 Prozent aus (unsichtbarem) Kohlendioxid und Wasser und formt daraus das sichtbare Holz. Genauso ist es das Ziel der Holzwerft GmbH, Träume und Wünsche ihrer Kunden in der Werkstatt sichtbar zu machen.
Die Aussenwände der Salander Tiny Houses sind in der Regel aus Lärchenholz, da dieses einen hohen Harzgehalt hat und dadurch witterungsresistent ist. Für den Innenausbau greift der Schreiner gerne zu Arve oder auch zu Fichte. «Beide Hölzer sind leicht, das ist sehr wichtig für uns», erklärt er. Denn seine Tiny Houses stehen meist auf Rädern, müssen also mindestens die Reise zum Standplatz auf öffentlichen Strassen zurücklegen.
Häuser bis zu einem Gewicht von 3,5 Tonnen darf man in der Schweiz mit einem Auto ziehen, sofern man einen Führerschein der Kategorie BE hat. Schwerere Häuser mit einem Gewicht über 5 Tonnen stellen Braun und sein Team auf drei Achsen; um sie zu ziehen, braucht es einen Traktor.
Jedes Tiny House ist ein Unikat
Jedes Haus ist ein Unikat. Die reine Bauzeit beträgt etwa vier Monate, Vorarbeiten wie Planung oder Visualisierung nicht eingerechnet. Im Durchschnitt kostet ein Tiny House aus Saland zwischen 120’000 und 160’000 Franken. Dafür bekommt man ein komplettes Haus mit sanitärer Einrichtung, Küche und Stauraum: «Und vor allem besteht es aus Materialien, von denen die Gesundheit profitiert.»
Wer kauft solche Häuser? Braun erzählt das Beispiel einer 74-jährigen Rentnerin, die einen Teil ihrer Pensionskasse in ein Tiny House gesteckt hat und nun auf dem Campingplatz lebt: «Sie zahlt keine teure Wohnungsmiete mehr, sondern nur noch den Standplatz für ihr Eigentum. Und sie liebt die vielen sozialen Kontakte mit den anderen Campern. Sie ist total happy.»
Er wolle mit seiner Arbeit einen Unterschied machen, sagt der Schreiner mit Tiefgang. Für diese Frau hat er ihn auf jeden Fall gemacht.