Dieser Neustart gibt ihr Mumm
Triathletin Vanessa Possberg aus Fehraltorf
Vanessa Possberg hat sich nach zwei schwierigen Jahren für den Schritt nach Deutschland entschieden. Sie fühlt sich im neuen Umfeld wohl – und feierte kürzlich ihr Weltcup-Debüt.
Vor einem Jahr war Vanessa Possberg für einen Weltcup-Start in Liévin (FRA) noch nicht ganz bereit. Was bei ihr den naheliegenden Wunsch auslöste: «Aber nächste Saison will ich dabei sein.»
Nicht immer gehen Wünsche in Erfüllung, Possberg aber hat vor wenigen Tagen ihr Debüt auf höchster Stufe genau da gefeiert, wo es ihr 2024 noch verwehrt geblieben war. Die Fehraltorferin klassierte sich beim Indoor-Wettkampf in Liévin als 19. in der vorderen Ranglistenhälfte.
Auch Tage später hallt das Rennen vor über 5000 Fans noch bei ihr nach. «Auf so einer Bühne zu stehen, war unglaublich motivierend», sagt sie, und die Begeisterung darüber schwingt in ihrer Stimme deutlich mit. «Davon will ich mehr erleben.»
Mit einem solch positiven Erlebnis lässt sich eine Saison natürlich gut lancieren. Diese soll für Possberg in der zweiten Jahreshälfte den einen oder anderen weiteren Weltcup-Einsatz bringen. Ihre Hauptbühne bleibt derweil der Europacup. Da debütierte sie vor drei Jahren in der Elite und hat seither – auch verletzungsbedingt – keine zehn Wettkämpfe bestritten.
Possbergs wichtigstes Ziel ist heuer indes die Teilnahme an der U23-WM von Mitte Oktober in Australien.
Ab zum «krassen» Trainer
Nicht nur bis zum angepeilten Höhepunkt, auch bis zu Possbergs nächstem Einsatz verstreicht noch einiges an Zeit. Die Triathletin plant, Ende Mai an einem Europacup-Rennen in Polen zu starten. Bis dahin steht das Training im Fokus.
Momentan weilt sie für ein mehrwöchiges Trainingslager auf Mallorca. Die 21-Jährige meldet sich gut gelaunt von der Baleareninsel. Und blickt zuversichtlich nach vorne. Das hat ein klein wenig mit dem Saisonstart zu tun, vor allem aber mit ihrer Neuausrichtung. Die hat Mumm gegeben.
Possberg ist vor einigen Monaten nach Potsdam gezogen, um sich der Gruppe von Olympia-Stützpunkttrainer Ron Schmidt anzuschliessen. Der Deutsche gilt als Talentschmied und kann in seiner langen Coaching-Laufbahn viele Erfolge vorweisen.
«Wow, was für ein krasser Trainer», dachte Possberg, als sie Schmidt vor einigen Jahren erstmals begegnete. Sie sieht es auch jetzt nicht als selbstverständlich an, unter ihm trainieren zu können. Was sie an Schmidts Art schätzt? Er erteile nicht einfach Befehle, «er formuliert viel eher alles als Empfehlungen».
Zwei Jahre hatte Possberg zuletzt am Nationalen Leistungszentrum in Sursee verbracht. «Das aber war für mich nur ein Ort zum Trainieren, kein Zuhause», sagt sie. Possberg realisierte: Um weiterzukommen, musste sie ihr Umfeld ändern. Neu wollte sie zudem Teil einer Trainingsgruppe sein.
Den für sie grossen Schritt nach Deutschland wägte Possberg sorgfältig ab. Jetzt ist sie froh, ihn gemacht zu haben: «Ich fühle mich wohl, lerne mich immer wieder neu kennen.»
Ein Jahr Zwangspause
Die Fehraltorferin hat zwei harte Jahre hinter sich. Sie zehrten vor allem mental so stark an ihr, dass sie sich grundlegende Fragen stellte. Wie diese: «Ist der Leistungssport das Richtige für mich?»
Wer sich Possbergs Geschichte anhört, versteht die Zweifel. Ende Juli 2023 beendete sie ihre KV-Ausbildung. Vom Schulstress befreit, war sie voll sportlicher Pläne. Knapp drei Wochen später stürzte sie mit dem Velo und zog sich Verletzungen am Rücken, an den Schultern und am Nacken zu. Eine Operation und eine dreimonatige Pause waren die Folge.
Danach rückte Possberg in die Spitzensport-RS ein.
«Fünf Wochen lang lief alles super», sagt sie. Bis Possberg im Velodrome von Grenchen in einen Sturz verwickelt war. Dieses Mal zog sie sich einen Schlüsselbeinbruch zu.
Erneut musste sie operiert werden, danach plagten sie auch noch grosse Kreislaufprobleme. Und als ob das nicht genügen würde: Kaum gesund, erlitt Possberg einen Ermüdungsbruch im Fuss.
Das alles führte dazu, dass zwischen ihrem letzten Wettkampf 2023 und dem Wiedereinstieg 2024 fast auf den Tag genau ein Jahr verging. Wie hat sie diese zermürbende Zeit durchgestanden?
Das engste Umfeld fing Possberg auf, die über dieses den schönen Satz sagt: «Es hat mein Herz gewärmt, zu wissen, wie viele Personen ich um mich habe.»
Keine Frage: Die Triathletin hätte gerne auf all die Widrigkeiten verzichtet. Im Nachhinein ist sie aber überzeugt: «Jeder Athlet muss mal durch ein solches Tief gehen. Ist das geschafft, hat man schon sehr vieles erreicht.»
Lieber nicht Profi
Possberg geht jedenfalls gestärkt daraus hervor. Ursprünglich kommt sie aus der Leichtathletik. Ihre schwächste Triathlon-Disziplin ist aber nicht etwa das Schwimmen, sondern das Laufen. Possbergs Problem: «In mir ist so tief verankert, dass ich nicht mit der Spitze mithalten kann, ich versuche es nicht einmal mehr.»
Daran arbeitet sie, auch mit ihrem Mentaltrainer – und sieht sich auf dem richtigen Weg. Beim Weltcup-Debüt in Liévin konnte sie sich hinterher jedenfalls nichts vorwerfen.
Nachdem sie letztes Jahr noch in einem kleinen Pensum gearbeitet hat, ist sie jetzt Triathlon-Profi. Possberg würde dies gerne wieder ändern. «Damit ich auch noch was anderes habe als nur den Sport.» Triathlon soll in den nächsten Jahren in ihrem Leben dennoch die Hauptrolle spielen. Trotz Rückschlägen hält sie an ihrem langfristigen Ziel fest.
Possberg ist neben der Dürntnerin Alissa König sowie Anja Weber aus Hinwil die dritte Oberländerin, die die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles anpeilt. Diese sind für sie aber noch weit weg. Im Gegensatz zu Ron Schmidt. Ihr Trainer plant laut Possberg von 2028 an rückwärts. Erfahrung damit hat Schmidt genug – er hat zahlreichen Triathleten zum Olympia-Start verholfen.