Diese Bäretswiler reiten von Spanien bis in die Schweiz
Über Stock und Stein, Kluften und Höhen reiten – und das nicht etwa in gewohnten Gegenden, sondern quer über den Kontinent. Oft ist beim sogenannten Wanderreiten nicht klar, wo man als nächstes schläft, ob die geplante Strecke mit dem Pferd zugänglich ist oder wie man zu genug Nahrung für sich selbst und die Tiere kommt.
Was für viele unvorstellbar klingt, setzt das Bäretswiler Paar Heidi Feldmann und René Ruis immer wieder in die Realität um. Die beiden lieben die Wildnis.
«Traum vor der Tür»
Die 47-Jährige und der 51-Jährige wohnen in einem gewöhnlichen, ländlichen Haus in Bäretswil, daneben liegt ein Pferdestall. Ihr Zuhause lässt nicht vermuten, dass die beiden es immer mal wieder mit einem Pferd, bepackt mit einem Zelt, verlassen.
Ruis und Feldmann haben sich 2014 beim Lasso-Werfen und Rindertreiben bei italienischen Cowboys kennengelernt. Seither ist das Erleben der Natur mit Pferden prägend für ihre Beziehung. Beide sind beruflich als freischaffende Fotografen tätig. Daneben gibt es aber kaum etwas, das sie so verbindet wie das Reiten.
Feldmann erklärt, dass sie dabei gerne schwieriges Gelände suchen. «Auch hier in Bäretswil gibt es Wege, die steil oder eng sind. Wir haben den Traum eigentlich vor der Tür.»
Bis anhin gehört ihnen nur ein Pferd namens Spirit. Folglich begleitet René Ruis seine Partnerin oft zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Bei steilen Passagen hält er sich sogar am Schweif fest. Dafür seien sie in der Region in und um Bäretswil bekannt, erzählen sie und lachen. Wenn die Leute sie sähen, flüsterten diese sich zuweilen zu: «Das sind jetzt eben die. Sie auf dem hohen Ross und er muss laufen.»
Neues Abenteuer geplant
Das soll sich jetzt aber ändern. In Spanien, in der Nähe des pyrenäischen Gebirges, wartet Quito auf sie. «Das Pferd wurde mir zugeteilt, als wir dort einen schwierigen, geführten Ritt machten. Bald merkte ich, wie gut es zu uns passt», schildert Heidi Feldmann. Sie wollte Quito kaufen, aber der Besitzer schüttelte den Kopf. «Heidi musste ihn am letzten Abend am Lagerfeuer abfüllen, um ihn umzustimmen», erinnert sich René Ruis.
Das Pferd soll allerdings nicht einfach mit einem Anhänger importiert werden. «Wir wollen mit ihm und Spirit von Katalonien nachhause reiten. Ob es uns gelingt, werden wir sehen. Genau das ist das Spannende daran», so Feldmann.
Sie strahlen, als sie von ihrer Reise erzählen. Über ein halbes Jahr lang haben sie diese geplant. Und es wirkt, als möchten sie am liebsten gleich sofort mit Spirit nach Spanien losfahren.
Obschon sie bereits Erfahrung haben, bekennt Ruis: «Man muss für dieses Projekt ein bisschen naiv sein.»
Schlaflose Nächte
Am 27. Februar geht’s los. Danach beginnt ein wortwörtlich steiniger Weg. Während rund drei Monaten gilt es, mehrere Pässe, Schneefelder, wilde Bäche, Gebiete mit tiefen Schluchten und Landesgrenzen zu bezwingen.
Auf die Landschaften würden sich die zwei besonders freuen, jedoch hätten sie schon auch Respekt davor. «Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und frage mich: ‹Was ist, wenn…?› Das wechselt sich ab mit der Vorfreude», erzählt Feldmann.
Zudem sei es nicht selbstverständlich, dass man immer genug Wasser, Essen oder einen idealen Schlafplatz finde. «Wahrscheinlich wird es während unserer Reise zu einigen schlaflosen Nächten kommen», ist sich die Wanderreiterin bewusst. Auch werde es Nächte geben, in denen man wachbleiben und seine Pferde vor Diebstahl oder Wildpferden behüten müsse.
Das Packen entspreche einem ständigen Abwägen. Der Schlafsack soll Minusgraden standhalten, aber nicht zu gross sein. Die Säge ist schwer, aber nötig, um hinderliche Baumstämme zu trennen. Falls sich ein Pferd verletzt, braucht es überbrückende Medikamente.
Pferd als Türöffner
Wie muss man denn sein, um ein solches Projekt durchzuziehen? «Extrem offen gegenüber positiven wie auch negativen Erfahrungen», sagt Ruis, «und ein Menschenfreund.» Das würden andere merken und weniger skeptisch sein, wenn sie um Hilfe bäten.
Bereits 1997 hatte René Ruis diese Erfahrung bei einem Wanderritt durch Frankreich gemacht. «Die Leute reagieren ganz anders, wenn man ein Pferd dabeihat. Es ist ein Türöffner.» So könne man in die unterschiedlichsten Haushalte hineinblicken und sich gegenseitig helfen. Oder man dürfe auf dem Feld übernachten. «Manchmal auch neben einer schnarchenden Kuh», fügt Ruis schmunzelnd an.
Die ganze Reise von Katalonien durch Frankreich und bis nach Bäretswil werden Feldmann und Ruis fotografisch festhalten, um später Foto-Vorträge dazu zu halten. Sowohl für diese als auch für Wanderritte im Oberland verkaufen sie im Rahmen eines Crowd-Funding-Projekts Plätze.