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Die Vernunftehe wird zum Retter

Die verschiedenen Verbände haben sich für einmal zusammengerauft. Franco Betschart aus Uster erhält damit die Chance, seinen Schweizermeistertitel in der MX2 verteidigen zu können.

Von der Konkurrenz gejagt: Franco Betschart startet als Titelverteidiger in die verkürzte Motocross-Saison.

Foto: Keystone

Die Vernunftehe wird zum Retter

Da ist dieser Schmerz. Traditionelle Motocross-Rennen wie jene in Wohlen, Frauenfeld und Muri, die Jahr für Jahr Tausende von Zuschauern anlocken, sind pandemiebedingt auf der Strecke geblieben.

Aber zugleich ist da auch die Erleichterung, dass sich in der für Aussenstehende verwirrend organisierten Motocross-Szene die nationalen Verbände und regionalen Serien in der aussergewöhnlichen Lage zusammengerauft haben, um einen Rennkalender auf die Beine zu stellen.

«Es ist sicher positiv, musste man in der Krise mal zusammenhocken und zusammenarbeiten.»

Franco Betschart

Mit dem Resultat: Die wichtigsten nationalen Titel können auch 2020 verliehen werden. Stand jetzt finden in den beiden Inter-Klassen MX Open und MX2 je sechs Rennen statt. Oder eine «gemeinsame Kurzmeisterschaft», wie die Fédération Motocycliste Suisse (FMS) das Ganze bezeichnete, die üblicherweise die offiziellen Meisterschaften austragen darf.

Franco Betschart ist froh über die getroffene Lösung, die einer Vernunftehe gleichkommt. «Es ist sicher positiv, musste man in der Krise mal zusammenhocken und zusammenarbeiten.»

Luftsprünge macht der in Hittnau aufgewachsene und nun in Uster lebende Töff-Pilot beim Anblick des provisorischen Kalenders dennoch keine. Er zweifelt daran, dass alle terminierten Rennen tatsächlich stattfinden.

Und macht auch keinen Hehl daraus: Lieber hätte er versucht, seinen Titel in der MX2 in einer regulären Meisterschaft zu verteidigen.

Erfolgsfaktor Erholung

Es war für Betschart ein langer Weg bis zum Triumph. In der Saison 2013 feierte der damals 18 Jahre alte Oberländer in der zweithöchsten FMS-Kategorie seine Premiere. Danach arbeitete er sich kontinuierlich nach oben.

Vor zwei Jahren beendete Betschart die Meisterschaft als Dritter erstmals auf dem Podest. Letzte Saison nun gelang dem Yamaha-Piloten in der hart umkämpften MX2-Serie der grosse Wurf.

Vor dem Finale im luzernischen Malters hatten noch vier Fahrer Titelchancen. Betschart zeigte sich nervenstark, lediglich zwei Punkte lag er am Schluss vor dem Zweiten Bryan Boulard. Ein hauchdünner Vorsprung nach sieben Veranstaltungen mit 14 Läufen.  

Für den Oberländer zahlte sich in der vergangenen Saison letztlich aus, dass er sich dank einem Sponsoringvertrag von Mai bis September ausschliesslich aufs Motocross konzentrieren konnte.

Betschart trainierte häufig im Ausland, vorwiegend in Holland oder Belgien. Und hatte genug Zeit für die Erholung. «Das war ausschlaggebend», ist er überzeugt. 

Zurück auf den Baustellen

Solch ideale Bedingungen hat er nun nicht mehr. Der Vertrag wäre zwar ein weiteres Jahr gelaufen, wegen der Pandemie ist der Sponsor aber nicht mehr in der Lage, das Engagement weiterzuführen.

Betschart nimmt es gelassen. Er arbeitet wieder in einem Vollpensum als Zimmermann. «Das wird schon gehen», sagt er leichthin.

Sein Trainingsaufwand bleibt trotzdem hoch. An sechs Tagen pro Woche feilt er an Ausdauer und Kraft, geht beispielsweise joggen oder mal «aus Spass» boxen.

«Meine Motivation war eine Zeit lang nicht mehr so hoch.»

Franco Betschart

Am Wochenende sitzt er dann jeweils mindestens auch einen Tag auf dem Töff. Von Mitte März bis Mitte Mai blieben die Strecken in der Schweiz und im grenznahen Ausland allerdings komplett geschlossen.

Und die Fahrer mussten in derselben Zeit eine Rennabsage nach der anderen zur Kenntnis nehmen, sodass die Saison 2020 in weite Ferne zu rücken schien. 

Die Negativnachrichten schlugen Betschart, der im Lockdown zwischenzeitlich auch nicht mehr arbeiten durfte, auf den Magen. «Meine Motivation war eine Zeit lang nicht mehr so hoch», gibt er zu.

Mittlerweile hat sich das längst wieder geändert. Akribisch bereitet er sich auf das erste Meisterschafts-Rennen vor, das in knapp einem Monat in Bullet (VD) angesetzt ist. Das Ziel von Betschart ist selbsterklärend: «Ich will den Titel verteidigen.»

Den einen oder anderen Fahrer mehr erwartet er an der Spitze. Im Prinzip aber dürfte die Konstellation ganz vorne ähnlich sein wie 2019. 

Jetzt ist Kitzeln angesagt

Für Kevin Tschümperlin ist Betschart auch heuer ein Kandidat für den Meistertitel. Der Hadliker ist seit vielen Jahren Teil der Szene, sein Schwerpunkt liegt üblicherweise aber im Supermoto. Da heuer in seiner bevorzugten Sparte die komplette Saison gestrichen wurde, fährt er ebenfalls Motocross-Rennen.

Wie er das schon in der Vergangenheit zu Trainingszwecken immer wieder machte. Sportliche Ambitionen hegt Tschümperlin keine, der am Wochenende bei der Veranstaltung der Motocross Race Serie in Zuckenriet den 15. Platz belegte. Er sagt: «Ich will in erster Linie Spass und vor allem keine Schmerzen haben.» 

Auch Betschart war im Thurgau im Einsatz und wurde Dritter – in einer anderen Kategorie als Tschümperlin. Die Bewährungsprobe des MX2-Titelverteidigers folgt aber erst. Etwas Zeit bleibt Betschart noch, um sich für den Auftakt der offiziellen Schweizer Meisterschaften Mitte August den Feinschliff zu verpassen.

Bisher trainierte der Yahama-Pilot meist alleine. Nun wird er sich ähnlich starke Fahrer suchen, die mit ihm über die Piste brettern. Was er damit bezweckt? Dasselbe wie am Wochenende in Zuckenriet. «Den Rennspeed herauszukitzeln.» 

Nur zwei Rennen übrig – die Supermoto-Saison ist gestrichen
Acht Rennen standen ursprünglich im Schweizer Supermoto-Kalender. Der Saisonauftakt war auf Ende Mai vorgesehen. Im September hätte man dann gerne den Schlusspunkt in Seewen gesetzt. «Bis jetzt nichts los diese Saison», meldete der Walder Stephan Züger zwischenzeitlich. Und schrieb: «Hoffe schon, dass noch Rennen gefahren werden dürfen im 2020.» 

Doch Zügers Hoffnungen platzten. Es begann, Absagen zu hageln. Am Schluss blieben nur zwei Veranstaltungen übrig. Mit dieser geringen Anzahl hätte sich keine aussagekräftige Supermoto-Meisterschaft mehr organisieren lassen. Die logische Folge davon war, dass Ende Juni die Saison komplett abgesagt wurde. 
Er habe mit dieser Entscheidung gerechnet, sagt Kevin Tschümperlin. Der Hadliker fährt wie Züger seit Jahren in der höchsten Supermoto-Klasse Prestige. Er kann mit der Absage gut leben, wie er sagt. «Lieber so, als dass man versucht hätte, eine Meisterschaft mit fünf Rennen im Ausland zusammen zu schustern.» Der Aufwand für eine solche Lösung wäre aus seiner Sicht zu gross gewesen, die Kosten zu hoch. 

Allenfalls Rennen in ausländischen Meisterschaften zu bestreiten, kommt für Tschümperlin nicht in Frage. Gleich attraktiv wie in normalen Jahren dürfte die Teilnahme an diesen sowieso nicht sein. Die internationalen Deutschen Meisterschaften bestehen beispielsweise nur aus drei Rennen. Wobei das erste Rennwochenende Anfang Juli im tschechischen Cheb ohne Zuschauer und mit strengen Auflagen (pro Fahrer nur eine Begleitperson) über die Bühne gehen musste. Und nun wieder offen ist, wo das zweite Rennen stattfinden soll. 

Für Tschümperlin ist es derweil die zweite spezielle Saison hintereinander. Aus gesundheitlichen Gründen hatte er sich vor Beginn der siebenteiligen Meisterschaft 2019 entschieden, nur einzelne Rennen zu bestreiten. Heuer nun kommen gar keine Einsätze in seiner bevorzugten Disziplin dazu. Dafür startet er wie zahlreiche andere Supermoto-Spezialisten an Motocross-Rennen. (ome)

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