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Die Triathletin aus Dürnten hat sich neu kennengelernt

Alissa König blickt auf die beste Saison ihrer Karriere zurück. Und trotzdem sagt sie: «2024 war kein einfaches Jahr.»

Alissa König ruht nun in sich selber, sagt aber: «Es hat viel gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen.»

Foto: Simon Gehr

Die Triathletin aus Dürnten hat sich neu kennengelernt

Sie profitierte vom Alleinsein

Der radikale Bruch hat sich für Alissa König ausbezahlt. Sowohl sportlich, vor allem aber auch menschlich.

Die sportliche Bilanz ist ausgezeichnet. Vier ihrer letzten fünf Weltcup-Rennen beendete Alissa König in den Top Ten. Wobei die Dürntnerin zweimal als Zweite einen Weltcup-Triumph knapp verpasste. Es wäre ihr erster gewesen.

Dafür gelang der 28-Jährigen im Europacup die Siegpremiere. Diese fühlte sich wie eine Erlösung an. Und gab ihr die Gewissheit: «Geht doch.» Um weitaus mehr als hundert Positionen kletterte König heuer in der Weltrangliste nach oben – auf Platz 36. So gut war sie noch nie klassiert. Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung für eine Athletin, die im Herbst 2023 nach zwei verletzungsgeplagten Jahren ihr Karriereende in Betracht zog. Und einen radikalen Bruch vollziehen musste, im Bewusstsein: «In der Schweiz macht mich der Sport so nicht mehr glücklich.»

Die Situation hat sich grundlegend verändert. König erarbeitete sich verlockende Perspektiven. Dass sie nächste Saison den ersten Weltcup-Sieg anpeilt? Ist in ihren Augen logisch. Ebenso der Anspruch auf weitere Podestplätze.

«Das finde ich noch krass, wie schnell man mehr will», sagt sie. Als Beispiel führt König den 9. Platz beim Weltcup in Südkorea an, mit dem sie nicht restlos zufrieden war, weil sie im Rennen zuvor Zweite geworden war. König weiss nun ebenfalls: «Es ist mental anders, wenn man ganz vorne mitrennt, statt um den 10. Platz.» Mit dem Aufschwung lebt zugleich ihr Traum von einem Olympia-Start weiter.

Der Alltag ist völlig anders

Das ist viel Erfreuliches. Dennoch sagt König: «Nein, 2024 war kein einfaches Jahr.» Der Satz lässt aufhorchen.

Nur schon am Fernseher die Olympischen Spiele verfolgen zu müssen, statt selber in Paris starten zu können, tat ihr weh. «Ich hätte mich da schon gesehen», sagt sie.

Kommt hinzu: Einige Veränderungen forderten sie heuer stark. Sportlich an erster Stelle steht da der Wechsel zur bekanntenTrainingsgruppe von Joel Filliol und Drew Box, die im spanischen Girona stationiert ist. König realisierte: «Entweder gehe ich dahin, oder ich höre auf.»

Was sich einfach anhört, verlangte Mut. Schliesslich ist König keine 20 mehr. Und sie musste ausgerechnet das opfern, was ihr enorm wichtig ist: das persönliche Umfeld.

Der private Alltag in Spanien ist komplett anders als vorher. Statt in der Freizeit mit Freundinnen etwas zu unternehmen, ist sie häufig daheim. König hat viel mehr Zeit für die Regeneration. Der Effekt ist erstaunlich.

Die Triathletin, die in der Vergangenheit immer wieder körperliche Probleme hatte und haderte, kam ohne Verletzungen durch. König spricht in diesem Zusammenhang von der grössten Erkenntnis des Jahrs. Und räumt ein, der Erholung früher zu wenig Gewicht gegeben zu haben. «Bist du nett zum Körper, gibt er dir auch sehr viel mehr zurück.»

Die Arbeit erfüllt sie

König ist überzeugt: Die Erfahrungen in diesem Jahr haben sie stärker gemacht. «Ich habe das Gefühl, mich nochmals neu kennengelernt zu haben», sagt sie. Wie sie darauf kommt? «Man verbringt sehr viel Zeit allein mit sich und lernt, sich zu priorisieren. Ich habe das vorher nicht so gerne gemacht.»

Zum neuen Selbstverständnis passt, dass sie die Bedenken der Trainer im Zusammenhang mit ihrem 20-Prozent-Pensum als Sachbearbeiterin ausräumte. Weil ihr die Arbeit, die sie von überall her erledigen kann, gut tut. «Ich merkte schnell: Das erfüllt mich. Im Kopf, aber auch im Herzen.»

Den Aufbruch ins Ausland bezeichnet König derweil als Challenge, die vieles ausgelöst hat. «Sie hat meine Persönlichkeit nochmals geformt», spürt sie. Ein Beispiel dafür?

Bei der Frage, wie stark die Weltcup-Felder bei ihren Podestplätzen besetzt waren, hätte die Sportlerin früher die Resultate allenfalls relativiert. Jetzt aber sagt sie: «Man darf die Ränge schon hoch einordnen.» Und fügt lächelnd hinzu: «Ich probiere, mich nicht schlechter zu reden. Eigentlich bin ich sonst Profi in dem.»

Es sind sehr persönliche Worte. Wer Königs Weg etwas verfolgt hat, etwa in den sozialen Medien, ist nicht überrascht. Ihre Offenheit war schon immer wohltuend, ihre Lebendigkeit ist zugleich ansteckend.

Beim Treffen in einem Wetziker Café wirkt sie so energiegeladen, als ob sie ohne Wettkampfpause weitermachen könnte. Königs Antworten kommen schnell. Auch bei Themen, die ihr nahegehen. Wenn es etwa um das gängige Idealbild von Ausdauersportlerinnen geht.

Über ihren Körperbau und das Gewicht hat sie sich in ihrer Karriere einiges anhören müssen. Einer dieser Sätze: «Ich bin mir sicher, du wärst zwei Minuten schneller, wärst du drei Kilo leichter.» König sagt: «So was macht dich kaputt.» Vor allem als junge Athletin.

Nun, mit 28, ist sie mit sich im Reinen, weist aber daraufhin: «Es hat viel gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen.»

König beweist mit ihren Erfolgen auch, dass man nicht spindeldürr sein muss, um in der Triathlon-Weltspitze zu bestehen.

Sie fährt die Ernte ein

Irgendwann kommt im Gespräch die Trennung vom Freund zur Sprache, die für König das Jahr 2024 eben auch zu einem machten, das nicht einfach war. Ein solch einschneidendes Ereignis bleibt nicht ohne Auswirkungen. Man kann den Menschen Alissa König schliesslich nicht von der Triathletin Alissa König trennen.

«Es spielt halt in meinen Alltag als Sportlerin hinein, wenn ich bis morgens um vier Uhr wach liege und am nächsten Tag um acht Uhr ein Schwimmtraining habe.» Was ihr in jener Phase half? Eine offene Kommunikation mit den Coaches. Auch wenn es sie Überwindung kostete, ihnen ihre privaten Sorgen zu erzählen. Denn letzten Endes geht es in ihrer Trainingsgruppe darum, aus allen Mitgliedern möglichst gute Leistungen herauszukitzeln.

Was in ihrem Fall gelungen ist. Ihre Fortschritte beweisen, was die Oberländerin und andere stets glaubten: Da ist mehr Potenzial vorhanden.

Vereinfacht gesagt gilt in ihrem Fall: Je früher sie aus dem Wasser kommt, desto grösser ist die Chance, später in der ersten Laufgruppe zu sein. Und ist die Dürntnerin in jener dabei, ist für die starke Läuferin vieles möglich. Wie in Japan, als König erstmals im Weltcup als Führende aus dem Wasser kam und schliesslich als Zweitplatzierte die Saison mit einem weiteren Ausrufezeichen beendete.

Schwebt sie seither auf Wolke sieben? Nicht im Geringsten. Die Welt dreht sich nach einem Podestplatz einfach weiter, hat König erkannt. So nahe heran wie vor ein paar Jahren lässt sie die Resultate nicht mehr – ob erfreuliche oder enttäuschende. «Mein Leben ist auch ohne Sport auf ganz viele Arten lebenswert.»

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