Die stattliche Villa im «Bollerguet»
Dies ist die Geschichte einer Villa, die rund 100 Jahre lang den Ortsteil Hutzikon prägte. Sie wurde 1981 abgebrochen, geblieben ist der inzwischen einfacher zu pflegende, grosszügige Park mit dem Gartenhäuschen abseits der Überbauung «Bollerguet».
Viktor Boller, Bauherr der Mehrfamilienhäuser, hat in einem Bildband festgehalten, wie es auf dem Areal im Friedthal (heute Friedtal) einst aussah. Dabei waren ihm Aufzeichnungen seiner Urgrossmutter Anna Winkler-Biedermann (1861-1923) dienlich. Sie beschreibt, dass im Jahre 1873 der Baumeister Jünger eine französisch anmutende Villa errichtete.
Noch nicht fertig gebaut, wurde sie im folgenden Jahr von ihrem Ehemann Kaspar Emil Winkler (1855-1936) erworben und vollendet. Anfangs diente sie nur Bürozwecken, später beherbergte sie eine Wohngemeinschaft. 1895, als die Wasserversorgung Hutzikon erstellt wurde, bekam das Haus eine Wasserleitung und einen einzigen Wasserhahn.
Elektrizität und Badezimmer
Doch schon 1908 kam es zu bedeutenden Renovationen: Da wurde die Elektrizität erweitert und ein Badezimmer eingebaut. Denn Kaspar Emil Winkler richtete die Liegenschaft für seine Tochter Helen und deren Ehemann her. Sie sind im selben Jahr mit ihren Kindern ins Haus einzogen.
Damit wurde das Haus zu einer Fabrikantenvilla, da man 1906 Jakob Boller-Winkler mit der Weberei-Leitung der Spinnerei und Weberei Turbenthal AG betraute. In der Gemeinde selber hat er sichtbare Spuren hinterlassen, wie man der Turbenthaler Chronik entnehmen kann. Die noch immer vorhandenen Wandbilder beim Chorbogen in der reformierten Kirche etwa sind ein Geschenk von ihm. Darauf zu sehen ist die Bergpredigt. Eine der schlichten Figuren trägt die Gesichtszüge des früh verunglückten Sohnes Viktor (1904-1924).
Bei der Villa kam es 1920 auf der Ostseite zu einer ersten Hauserweiterung, dabei verschwanden der zur Hauptstrasse gerichtete Hauseingang sowie das Blechdach. Schon vor diesem Umbau wurde nördlich davon ein Ökonomiegebäude erstellt; das charmante Gärtnerhaus ist wegen seines Aussehens bestimmt noch vielen Leuten gut in Erinnerung. Ab 1981 wohnte Viktor Boller mit seiner Mutter, und ab 1985 mit seiner Familie, in diesem zuvor zu einem Wohnhaus umgebauten Gebäude, bevor auch es der erwähnten Überbauung wich.
Die Weberei verpflichtet
Anfangs der 1930er Jahre wurde die Villa nochmals erweitert und über dem Hauseingang im Rundbogen eine in Beton gegossene Weberin-Figur eingearbeitet. Diese Skulptur ist heute als einziges Relikt der Villa noch vorhanden und erinnert an die der Weberei verpflichtete Familientradition.
Zeitgleich erhielt der Garten einige Änderungen. Erstellt wurden ein Hühner- und Entenhaus sowie ein Gemüsegarten. Auch sprudelte ab da ein Springbrunnen vor dem Haus. Auf der Wiese mit dem Gartenpavillon, wo in den 1940er-Jahren noch ein Schwimmbad dazu kam, wurden viele Bäume gepflanzt. Park und Villa waren so ein würdiges Paar.
Im Erdgeschoss des Hauses fanden sich die Eingangshalle sowie ein Herrenzimmer mit Büro und Bibliothek und das Esszimmer mit Erker. Ein imposanter Holzschrank, der hier stand, wurde später von der Denkmalpflege abgebaut, mit der Begründung, dass er schützenswert sei. «Wo er jetzt ist, weiss kein Mensch», sagt Viktor Boller lakonisch.
Er ist in diesem Haus zusammen mit drei Geschwistern gross geworden und erlebte eine schöne Jugend. «Manchmal kam die halbe Schulklasse zu mir», erinnert er sich zurück, denn im Garten gab es reichlich Spielmöglichkeiten.
Feuerwehrübung vor dem Abbruch
Die Boller-Familie fühlte sich stets der Gemeinde verbunden. Viktor Boller selber war mehrere Jahre Behördenmitglied. Sein 1910 geborener Vater Max Boller stand einst als Präsident der Primarschulpflege vor, bevor er in den Gemeinderat wechselte.
Drei Generationen lang leiteten Familienmitglieder die Firma Boller-Winkler AG. Nach dem unerwarteten Tod seines Vaters im Jahre 1979 beschloss Viktor Boller zusammen mit seiner Mutter Margrith Boller-Legler, die Fabrikantenvilla abzubrechen und das Gärtnerhaus umzubauen.
Zu aufwändig wäre eine Modernisierung der Liegenschaft geworden. Denn im Obergeschoss umfasste sie acht Zimmer plus Bäder und zusätzlich befanden sich unter dem Dach Räume für die Hausangestellten. Und so wurde die Villa im April 1981 abgerissen. Vorher fanden in und ums Gebäude noch eindrückliche Polizei- und Feuerwehrübungen statt. (Renate Gutknecht)