Die Müllers – Turnen ist ihre Welt
Mutter, Vater, Sohn und Tochter: Alle Mitglieder der Rütner Familie Müller frönen derselben Leidenschaft.
Bei der Familie Müller dreht sich alles ums Kunstturnen. Wie an den Schweizer Meisterschaften der Junioren in Rüti vom Wochenende. Vater Jörg war OK-Präsident der Veranstaltung, Mutter Marlen in der Wettkampfleitung und Tochter Fiona Ehrendame. Sohn Glen hatte derweil vor allem eine Aufgabe: gut zu turnen. Das ist ihm souverän gelungen.
Der Sohn: Er steht für seine Lieblingssportart früh auf
Alle sind sie da, um Glen Müller anzufeuern: Grosseltern, Gotti, Götti und beide Sporthilfe-Paten. Glen ist an der Junioren-SM in Rüti Titelverteidiger im P4. «Schon die ganze Woche war ich aufgeregt», gesteht der 13-Jährige. Der Einstieg gelingt ihm dennoch ausgezeichnet. Ab dem zweiten Gerät führt er das Zwischenklassement an. Am zweitletzten Gerät Boden macht er eine neue, ungewohnte Erfahrung: Er rutscht zur Hälfte aus seinem linken «Täppeli». Glen turnt weiter, verliert das «Täppeli» und muss die Schlussbahn mit nur einem absolvieren. Die Landung der zweieinhalbfachen Schraube glückt nicht, er übertritt gar die Fläche. «Ich wusste nicht, was machen», sagt der junge Turner hinterher. «Anziehen? Abziehen? Es hat mich vor allem Konzentration gekostet.» Am Ende reicht es trotz dem Missgeschick souverän zum Sieg.
Glen investiert viel ins Kunstturnen. Er steht jeden Tag um 5.45 Uhr auf, um rechtzeitig in Oberglatt in der Schule zu sein. Denn im Gegensatz zum Rest seiner Familie turnt er nicht im Oberland, sondern im Leistungszentrum in Rümlang. Die Halle ist zehn Minuten von der Sekundarschule Oberglatt entfernt, so kann er zweiphasig trainieren. Je nach Trainingsschluss fährt er mit dem Zug nach Hause oder wird von der Mutter abgeholt. Turnen gefällt Glen enorm gut. Als er jünger war, spielte er auch noch beim FC Gossau. Dann hat er sich fürs Kunstturnen entschieden. Sein Traum ist derselbe wie der von vielen jungen Sportlern – die Olympia-Teilnahme.

Die Mutter: Lange bleibt sie der Turnhalle nie fern
Wenn ihr Sohn Glen turnt, ist Marlen Müller-Schaufelberger für zwei Stunden «nur» Mami. Ansonsten ist sie an der SM für alle da. Als Verbindungsperson zwischen OK und Verband kümmert sie sich darum, dass der Wettkampf reibungslos läuft. «Das Gute daran ist, dass ich gar keine Zeit hatte, nervös zu werden.» Sie hat schon unzählige Wettkämpfe ihrer Kinder erlebt – und ist trotzdem noch immer kribbelig. Bei der Tochter ist es schlimmer. «Bei ihr weiss ich besser, wie es sich anfühlt, vor dem Zitterbalken zu stehen.» Kein Wunder: Marlen Müller war einst Spitzenturnerin und Mitglied des Nationalkaders.
Sie kommt aus einer turnbegeisterten Familie, deren Mitglieder alle im TV Fischenthal waren. Seit einem Probetraining ist sie nie mehr vom Kunstturnen losgekommen. «In den letzten 35 Jahren war ich nie länger als drei Wochen nicht in der Turnhalle Rüti», sagt sie und lacht. Nach ihrer Karriere wechselte Müller ins Vereinsturnen und liess sich zur Berufstrainerin ausbilden. Bis zum Eintritt von Tochter Fiona ins Leistungszentrum der Kunstturnerinnen im Jahr 2015 war sie dort Trainerin. Heute ist sie dies im Turnsport Rüti, zugleich Funktionärin im Verein und im Verband. Und der grösste Fan ihrer Kinder.
Die Tochter: Sie trägt Gold und liebt ein Gerät besonders
Fiona Müller sagt: «Glen zuzuschauen, war heute cooler als sonst.» Sie hat bisher kaum einen Wettkampf ihres Bruders verpasst – ausser sie turnte selbst. Als Ehrendame hat sie an der SM die Goldmedaille nach vorne getragen. «Heute stand er unter grossem Druck, ich bin sehr stolz auf ihn», sagt Fiona. Als ältere Schwester müsse sie ihm aber keine Tipps geben, findet sie. Die 15-Jährige hat schon früh mit Turnen begonnen. «Ich hätte machen dürfen, was ich wollte, aber Turnen ist in unseren Genen, das ist unsere Welt.» Sie liebt vor allem den Stufenbarren: das Fliegen durch die Luft, den Einsatz von Kraft und Koordination, sodass es leicht aussieht, aber ja nicht ist. Die mentale Herausforderung fasziniert sie.
Fiona trainiert 25 Stunden, daneben leitet sie auch noch die Gruppe der kleinen Mädchen. Warum sie Letzteres tut? «Ich finde es mega, ihnen was beizubringen und meine Freude weiterzugeben.» Trainerin zu werden wie ihre Mutter, ist für sie eine Option. Dass ihr Vater im Vereinsturnen aktiv ist, findet sie cool. «Es macht Spass zuzusehen. Das kann ich mir für mich auch vorstellen.»
Der Vater: Er kann sich auf sein Team verlassen
Jörg Müller (46) ist per Zufall zum Turnen gekommen – als damals Siebenjähriger. Davon losgekommen ist er nicht mehr. Müller hat einst bis ins P5 geturnt, nach dem Militär wechselte er ins Geräteturnen. Mit 16 Jahren begann er im Vereinsturnen. Und da ist er noch immer dabei. Was schätzt er am Turnen am meisten? Den Zusammenhalt, auch beim Einzelturnen. Laut Jörg Müller ist mit der Zeit eine Turnfamilie entstanden. Die Personen in seinem Freundeskreis, die Paten seiner Kinder – alles Turnende. Müller trägt verschiedene Hüte: Er ist Vereinspräsident von Turnsport Rüti, Mitglied im Stiftungsrat der Kunstturnhalle Schwarz und OK-Präsident zahlreicher Anlässe. Wie der Junioren-SM, die man im Zusammenhang mit dem 75-Jahr-Jubiläum von Turnsport Rüti durchgeführt hat.
«Ich kann mich auf ein eingespieltes Team verlassen, das macht die ganze Organisation einfacher», sagt Müller dazu. Vor allem, wenn wie für die SM die Auflagen betreffend Sponsoring und Marketing höher sind und die Organisation von Übernachtungsmöglichkeiten dazukommt. Der Verein Turnsport Rüti ist aktiv. Der Präsident will es aber nicht ausreizen – jetzt ist erst einmal eine «Anlass-Pause» angesagt. Langweilig wird es allerdings kaum. In zwei Wochen findet das Eidgenössische Turnfest in Lausanne statt. Im Einsatz selbstverständlich – die Familie Müller.