Gesellschaft

Die grosse Wurst-Liste

Von wegen, armes Würstchen. Die Region ist voll mit den verschiedensten Leckereien für carnivore Feinschmecker – aber nicht nur für die.

Der Gefässchirurg bekommt sicher das Grauen bei diesem Anblick – Wurstliebhaber hingegen dürften entzückt sein. (Archiv)

Foto: Schamauchen Langdorf

Die grosse Wurst-Liste

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Die Wurst an sich ist nicht nur ein Nahrungsmittel, vielmehr eine Art Kulturgut. Anlass also für eine genauere Betrachtung. Denn in der Region gibt es zahlreiche aussergewöhnliche Würste.

Samantha Zaugg

Die Zwingli-Wurst

Mann mit mehreren Würsten auf einem Tablett.
Die Dorfmetzg Turbenthal – im Bild Metzgermeister Georg Brunner – ist offizielle Herstellerin der Zwingli-Wurst. (Archiv)

Die Zwingli-Wurst zeigt: Würste haben subversives Potenzial! Revoluzzer Huldrych Zwingli ass 1522 verbotenerweise eine Wurst. Verboten deshalb, weil es in der Fastenzeit geschah und das Essen von Fleisch in dieser Zeit von der Katholischen Kirche untersagt war. Wurst zu essen, war damals also ein Revoluzzerakt.

2017 wurde der 500. Jahrestag des Beginns der Reformation, also der Erneuerung der Kirche, gefeiert. Natürlich gehört da die Wurst dazu. Auf Vereinbarung der Reformierten Landeskirche wurde die Metzgerei Brunner offizielle Lieferantin der Zwingli-Wurst.

Hergestellt wird sie nach Originalrezept aus der Zürcher Zentralbibliothek. Neben Rinds- und Schweinefleisch finden sich Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, Salz und Pfeffer sowie ein wenig Schnaps im Rezept.

Die Winti-Wurst

Mann und Frau sitzen an einem Tisch und degustieren Würste.
Jean Pierre Mosimann, ehemaliger Direktor der Werbeagentur Publicitas, hat den Winti-Wurst-Wettbewerb mit erfunden. (Archiv)

Wird über Würste und Winterthur geschrieben, so gehört auf den ersten Platz die Winti-Wurst. Vereinfacht gesagt ist diese so etwas wie ein Cervelat in der Form einer grösseren Olma-Bratwurst. Die Winti-Wurst ist auch eine Fussballwurst, denn sie wird auf der Schützenwiese ebenfalls serviert.

Vor allem ist die Winti-Wurst aber ein Marketingwunder. Sie wurde 1996 von der Metzgerei Gubler und dem Werbemann Jean Pierre Mosimann erfunden. Seit damals wird auch jedes Jahr die beste Winti-Wurst gekürt – natürlich an der Winti-Mäss.

In der Jury sitzen jeweils mehr oder weniger prominente Personen. Dieses Jahr konnte bereits Kurt Aeschbacher als Wurstprüfer bestätigt werden. Cervelatprominenz bekommt in diesem Kontext eine ganz neue Bedeutung.

Die Bärlauchbratwurst

Mann mit Würsten auf einem Brett.
René Hafner präsentiert seine Bärlauchbratwürste und passende Kräuterbutter. (Archiv)

Heutzutage werden Bärlauchbratwürste in der ganzen Schweiz gegessen. Ihren Ursprung haben sie allerdings in Winterthur. Der Kyburger René Hafner hat sie vor mehr als 50 Jahren erfunden.

«Damals gab es in Winterthur sonst keine speziellen Würste», sagte er vor zwei Jahren im Interview mit dem «Landboten». Metzger Hafner wurde anno dazumal von seinem Chef beauftragt, sich etwas Besonderes einfallen zu lassen. So verfeinerte er zuerst Schweins-, dann Kalbsbratwürste mit Bärlauch.

Wenn er die Bärlauchwurst hätte patentieren lassen können, dann hätte er es gemacht, sagt René Hafner. Inspiriert zum Rezept hatte ihn seine Mutter: Hafner ist an einem Bärlauchhang aufgewachsen, schon die Mutter hatte viel mit Bärlauch gekocht.

Die Illnauer Puntwurst

Mann mit einem Pokal in der Hand.
Von der Puntwurst gibt es kein Bild. Dafür von Metzger Enrico Buffoni, als er 2017 die Auszeichnung für die beste Winti-Wurst gewann. (Archiv)

Zur Wurst gehört Bier. Normalerweise wird es dazu getrunken. In diesem Fall ist das Bier bereits in der Wurst und gibt dieser auch den Namen. Das Punt-Bier seinerseits ist benannt nach dem Punt-Quartier in Illnau, das Quartier wiederum verdankt den Namen der einstigen lokalen Kiesgrube.

Hergestellt wird die Puntwurst von der Metzgerei Buffoni. Manuela Buffoni führt die Metzgerei mit ihrem Bruder Enrico. Wie lange es die Puntwurst gibt, konnte sie nicht sagen, jedenfalls schon seit vielen Jahren. Erstmals wurde sie für die Illnauer Chilbi produziert, seither ist sie im Sortiment geblieben.

Es handelt sich um eine etwas gröbere Wurst, die Konsistenz erinnert an eine Schweinsbratwurst. Und auch wenn schon Bier drin ist, darf man dazu selbstverständlich noch eines trinken. Am besten ein Punt.

Die Frauenfelder Salzisse

Wurst auf einem Teller mit Salat und Brot.
Die Frauenfelder Salzisse wird traditionell mit Brot und Salat gereicht. Dazu gibt es auch Bürgerwein, der eher sauer ist. (Archiv)

Zugegeben, eine Wurst aus der erweiterten Region, dafür mit einem guten Schwank. Die Salzisse gehört zum Bechtelistag, der Frauenfelder Version des Berchtoldstags.

Am dritten Montag im Januar treffen sich die Herren der Konstablergesellschaft zum Wurstessen im Rathaus. Die Konstabler sind, ähnlich wie die Zürcher Zünfte, eine exklusive Versammlung von vornehmlich älteren Männern.

Frauen sind in der Gesellschaft und dementsprechend beim Wurstessen nicht erlaubt. Drei lokale Metzgereien stellen die Salzissen her. Dort ist es den Frauen gestattet, eine Wurst zu erwerben und diese auch zu verspeisen. Servieren dürfen sie die Würste auch, denn die Bedienung am Bürgermahl ist Sache der Frauen.

Die vegane Bratwurst von Planted

Mehrere Würste werden von einem Grill auf einen Teller gelegt.
Ob die planted.bratwurst das Wort Wurst im Namen tragen darf, wird aktuell verhandelt.

Darf man jetzt Wurst sagen oder nicht? Die Firma Planted aus Kemptthal nennt ihr Produkt aus Erbsenprotein planted.bratwurst. Der Schweizerische Fleisch-Fachverband hat sich gewehrt: Fleischlose Produkte, deren Name auf Fleischprodukte oder bestimmte Tierarten verweise, seien Täuschung des Konsumenten.

Zuerst hatte das Zürcher Verwaltungsgericht diese Beschwerde abgelehnt. Unterdessen hat allerdings das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) Beschwerde eingelegt. Nun muss das Bundesgericht über die Namensfrage entscheiden, der Entscheid ist hängig. Die Episode zeigt: Würste sind durchaus politisch.

Die Malerei

Rindfleisch auf einem Gemälde.
Eines der wenigen Gemälde der Winterthurer Kunstsammlungen mit Fleisch: «Viande et œufs» von Félix Vallotton.

Keine Wurst, aber dafür ein Stück Rindfleisch zeigt das Gemälde des schweizerisch-französischen Malers Félix Vallotton. Das Bild befindet sich in der Sammlung des Kunstmuseums Winterthur. Vallotton ist in erster Linie bekannt für seine Landschaften und Akte. Insofern ist «Viande et œufs» aus dem Jahr 1918 ein aussergewöhnliches Bild.

Durchaus interessant, dass die Wurst in Geschichte, Religion und Politik eine Rolle spielt, gleichzeitig in der bildenden Kunst untervertreten ist. Weder in der Sammlung des Kunstmuseums noch in der Sammlung Oskar Reinhart sind Werke mit Würsten zu finden.

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