«Die Gäste sind sofort auf hundert»
Frustrierter Bachtel-Wirt
Respektlose Kunden sorgen beim Service in Ausflugsrestaurants für viel Frust – auch in der Region. Der Wirt vom Bachtel-Kulm kann ein Lied davon singen – davonlaufende Mitarbeiter inklusive.
Aco Rastoder setzt sich an einen Tisch auf der Terrasse: «Entschuldigen Sie die Zigarre», sagt er, «sie ist mein Mittel zur Beruhigung.» Es ist gerade nicht allzu viel los im Panoramarestaurant auf dem Bachtel, dem beliebten Ausflugsziel im Zürcher Oberland.
Ein paar Wanderer und Biker sitzen draussen, trinken eine Stange und geniessen die Aussicht auf den Alpenkranz und den Zürichsee.
Ist der Stress hier oben wirklich so gross? Ja, sagt der Wirt, seit einem halben Jahr, seit er das Gasthaus Bachtel-Kulm auf 1115 m ü. M. übernommen hat, stelle er sich fast täglich die Frage: «Wie lange soll ich mir das noch antun?»
Entweder ertränke er den Ärger im Wein und werde sein eigener Gast – oder er beruhige sich mittags und abends mit einer Zigarre. Der 42-Jährige pafft ein letztes Mal und legt die Zigarre zur Seite. Er sei bereit, zu reden.
Rucksäcke in die Garderobe verbannt
Das Theater begann mit den Rucksäcken: Mit einem kleinen Schild im Eingangsbereich wies der neue Bachtel-Pächter seine Gäste im Januar darauf hin, Rucksäcke und Wanderstöcke bitte in der Garderobe zu deponieren.
Diese würden in der Gaststube im Weg stehen und seien ein Sicherheitsrisiko für das Servicepersonal. Das kam gar nicht gut an, «die Wanderer haben mich fast aufgespiesst!», sagt Rastoder.
Was er sich seither alles habe anhören und in den sozialen Medien habe lesen müssen, sei nur schwer zu verdauen.
Dabei habe er doch extra eine neue Garderobe samt Vorrichtung für die Stöcke installiert, unten ein Gitter für die Rucksäcke («damit sie trocknen können»), oben eine Ablage für Handschuhe und Helme («damit nicht alles auf dem Tisch landet»).
Rastoder zückt sein Handy, zeigt ein Foto: ein Mann und eine Frau sitzen an einem Vierertisch, zwei Stühle sind frei. Rucksäcke, Velohelme, Handschuhe, Bidons, alles liegt auf dem Tisch. «Wo, bitte schön, soll ich hier die Getränke hinstellen?»
Und: «Zu Hause legt man den verschwitzten Helm doch auch nicht auf den Tisch, wieso tut mans hier?»
«Keine Nussgipfel? Gahts no!»
Nach den Rucksäcken sorgten die Nussgipfel für Empörung. Besser: die fehlenden Nussgipfel. Rastoder hatte das Gebäck von der Karte gestrichen. «Keine Nussgipfel? Gahts no!» Manch ein Gast zeigte ihm den Vogel, fand, dann müsse er nicht mehr auf den Bachtel kommen.
Aber, fragt Rastoder: «Wäre der Kunde denn bereit, sechs, sieben Franken für einen Nussgipfel zu zahlen?» So viel müsse er verlangen, damit es sich rentiere.
Überhaupt, die ständige Kritik an den Preisen. Rastoder nimmt die Menükarte zur Hand: Tomatencremesuppe für 10 Franken, «dazu kann man einen ganzen Korb Brot gratis nachbestellen», Wurst-Käse-Salat für 20.50 Franken, «das ist doch nicht übertrieben», Kalbssteak für 41 Franken, «im Tal zahlt man dafür über 50 Franken».
Nicht selten bestelle der Gast etwas zu trinken und verpflege sich aus dem Rucksack. Einmal habe ein Wanderer ungeniert einen mitgebrachten Cervelat auf dem Holztisch im Stübli zerschnitten.
Er verstehe ja, dass sich nicht jeder ein Menü im Restaurant leisten könne, «aber auch wir müssen kämpfen und kalkulieren».
Rastoder ist schon lange im Business, früher war er Kellner an «Topadressen am Zürichsee», deshalb spreche er seine Kundschaft auch heute noch mit «Madame und Monsieur» an, «das bringe ich nicht mehr weg».
Auch auf dem Bachtel arbeitete er vor Jahren einmal im Service. Neben dem Bachtel-Kulm ist er seit sieben Jahren Pächter der Alp Scheidegg, dem höchstgelegenen Gasthaus im Zürcher Oberland auf 1200 m ü. M.
Natürlich habe er schon früher ab und zu schlecht gelaunte Gäste erlebt, sagt der Wirt, «aber dass man sich zehnmal am Tag erniedrigen lassen muss, das ist neu». Die Stimmung habe sich seit Corona verändert.
Die Leute seien «sofort auf hundert», respektloser, vor allem egoistischer seien sie geworden. «Warten, bis der Tisch geputzt und freigegeben wird? Das können Sie vergessen!»
Die ersten Monate nach dem Lockdown seien entspannt gewesen, sagen alle befragten Gastrobetriebe. Die Gäste hätten es geschätzt, endlich wieder einkehren zu dürfen, seien besonders freundlich und dankbar gewesen.
Doch die heitere Stimmung hielt nicht lange an. «Vielleicht ist im Corona-Impfstoff etwas drin, das uns aggressiv mach», witzelt Rastoder.
Wandervolk fühlt sich nicht willkommen
Der Bachtel-Wirt hat die in die Jahre gekommene Gaststube aufgepeppt, das alte Mobiliar ersetzt, die Wände dunkelgrün gestrichen. Grün-weiss karierte Tischdecken und Pfingstrosen bringen Frische in den Raum.
Doch statt dass die Investition gewürdigt werde, werde ihm nun unterstellt, er wolle auf Schickimicki machen. Schlimmer noch: Er wolle die Wanderer vergraulen und Geschäftsleute anlocken, Kunden, die mehr als nur eine heisse Schoggi konsumierten.
«Blödsinn», sagt er. «Wer ist denn der Wanderer? Heute wandert doch jeder!» Tatsächlich ist der Hausberg des Zürcher Oberlandes ein begehrtes Wanderziel, besonders im Herbst, wenn der Zürichsee im Nebel liegt und hier oben die Sonne scheint.
Tausend Besucher auf dem Bachtel seien dann keine Seltenheit. Rastoder sagt: «Ich will keinen Spunten führen, das ist nicht meine Welt.» Er orientiere sich an den geschmackvollen Berggasthäusern im Südtirol.

Vor dem Eingang steht ein Wassernapf für den Hund, Vierbeiner sind hier häufig zu Gast. Auch sie bergen Konfliktpotenzial, besonders wenn sie nass sind. Nasse Hunde will Rastoder künftig nicht mehr im Lokal. Eine Tafel weist darauf hin – und Tücher zum Abtrocknen liegen bereit.
Er habe erlebt, dass sich «ein nasser Hund in der Grösse einer halben Kuh» mitten im Restaurant geschüttelt habe. Die Tische rundum mussten abgeputzt werden. Ein anderer Hund habe dermassen gerochen, dass ein Gast aufgestanden sei und kundgetan habe, er müsse gleich kotzen.
Als Gastronom könne man es nie allen recht machen, die einen fänden ihn immer «en Tubel».
Mit «Jugo-Saupack» beschimpft
Dieses ständige Motzen: Erst gestern habe eine Frau reklamiert, weil sie 25 Minuten auf ihr Cordon bleu habe warten müssen. Ein Cordon bleu brauche nun mal 20 Minuten. Denn hier werde frisch gekocht, Mikrowellenkost komme nicht infrage: «Sonst höre ich auf!»
Und jeder wolle Punkt zwölf Uhr mittagessen. Da könne es schon mal vorkommen, dass im Trubel etwas untergehe. So geschehen vergangenen Sonntag: Das Ketchup ging vergessen.
«Mein Gott, hat die Dame mich zusammengefaltet! Ein miserabler Service sei das!» So laut, die ganze Terrasse habe es mitbekommen.
Und dann die Google-Bewertungen! Kürzlich habe sich eine Frau über zu wenig Pommes beschwert und das Restaurant mit einem Stern bestraft. «Warum sagt sie das nicht vor Ort?», ereifert sich Rastoder, «dann hätte ich ihr gern mehr Pommes gebracht, ohne Aufpreis.»
Was ihn vor allem trifft: Mehr als einmal sei er mit «Jugo-Saupack» beschimpft worden. «Das tut weh», er liebe Montenegro und die Schweiz, «in meinem Herzen ist Platz genug für beide Länder».
«Mit Ovi und Suppe verdient man nichts»
Der Zoff hat Spuren hinterlassen – nicht nur bei Rastoder. Das Team, das das Panoramarestaurant am 1. Januar übernommen hatte, hat bereits kapituliert. «Wer tut sich das heute noch an?», fragt Rastoder.
Tatsächlich ist es schwierig, Personal zu finden, das bereit ist, auch am Abend und an Wochenenden zu arbeiten. «Erst recht so ab vom Schuss, wie wir es sind», sagt Rastoder.
Und weil es selbst an Aushilfskräften fehle, habe er entschieden, den Gastbetrieb sonntags und montags zu schliessen. Ruhetag am Sonntag? Ausgerechnet dann, wenn das Volk auf den Bachtel strömt?
Am Sonntag komme zwar die Masse, sagt Rastoder, mehr Umsatz mache er deswegen aber nicht: «Ovi, Pommes, Ovi, Suppe – damit verdient man nichts.»
Vor allem aber: Weil an Sonn- und Feiertagen ein Fahrverbot auf dem Bachtel herrscht, bleiben die weniger sportlichen Ausflügler aus. «Wenns regnet, ist hier oben kein Mensch, kein Wanderer, kein Biker.»
Die jüngste Entrüstung war so gross, dass Rastoder seinen Entscheid wenigstens halbwegs revidiert: Das Restaurant ist nun am Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr wieder geöffnet – allerdings nur bei schönem Wetter.
Er entscheidet jeweils am Morgen um 8 Uhr, die Kunden sollen sich via Google informieren. Angeboten werden nur einfache Gerichte, und neuerdings gilt Selbstbedienung.
Aco Rastoder hofft, dass nun endlich Ruhe einkehren wird. Seit dem 1. Juni ist ein neues Team im Einsatz.
Die Geschäftsführer Stefano und Aila Marini haben zuvor jahrelang in Rastoders Gaststube auf der Scheidegg gearbeitet, zusammen mit Galina und Marco Perfetti wollen sie neuen Schwung ins Gasthaus aus dem Jahr 1856 bringen.
Auf der Abendkarte findet man neben den bewährten Schweizer Klassikern neuerdings auch italienische Spezialitäten wie Galletto alla diavola oder Parmigiana.
Als Erstes hat Stefano Marini das Schild mit der Bitte, Rucksäcke in der Garderobe zu deponieren, entfernt. «Zu viele Leute hat es verärgert», sagt er. Der Chef ist einverstanden: «Jetzt wissen ja alle, was wir uns wünschen», so der Bachtel-Wirt.