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Die facettenreiche Welt der «Schlafenden Hunde»

Von grossen Bildern bis zu kleinen Bierdeckeln: Die Kunst des Rütner Duos Valentin Weilenmann und Jasmin Polsini zeigt sich in verschiedensten Formen. Zum Denken regt sie immer an.

Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann betreiben zusammen das Kunst- und Designunternehmen Schlafende Hunde wecken., In ihrem Rütner Atelier entsteht Kunst in verschiedensten Facetten., Auch die Tischplatte kann sich der Ausdruckslust des Duos nicht entziehen., Ein gemeinsames Werk: Das Künstlerpaar arbeitet sowohl alleine, als auch als Duo., Eine sehr aufwendige Collage: In diesem Skorpion stecken rund 150 Stunden Arbeit sagen Weilenmann und Polsini.

Fotos: Christian Merz

Die facettenreiche Welt der «Schlafenden Hunde»

Die Kunst macht in diesem Atelier in einer Rütner Wohnung auch vor dem Arbeitstisch nicht Halt. Die grosse Spanholzplatte in der Mitte des Raumes ist voller Farbkleckse, bei genauerem Hinschauen finden sich auch kunstvolle Zeichnungen darauf. An beiden Enden des Tisches sind Baustrahler befestigt. Ein Hinweis darauf, dass hier wohl auch nachts fleissig gearbeitet wird. 

Überhaupt ist das Atelier des Künstlerpaares Valentin Weilenmann und Jasmin Polsini eines, wie man es sich vorstellt: Hier eine Skulptur, dort ein angefangenes Bild. Ein Mensch in einer Art Tiefseetaucheranzug steht in dessen Mitte. In der Hand ein Smartphone, ein überdimensioniertes Herz bedeckt seine linke Seite.

Um ihn herum: farbige Pflanzen, diverse Insekten. Das Regal an der Wand ist voller Künstlerutensilien. Stifte, Pinsel, Dutzende Farbtuben- und Fläschchen in verschiedenen Grössen und Skizzenbücher finden sich darin.

Grosses Repertoire

Seit 2007 führen Weilenmann und Polsini, beide Jahrgang 1984, das Kunst- und Designunternehmen «Schlafende Hunde wecken». Dabei realisieren sie gemeinsam Projekte oder jeder für sich als Solokünstler. Ihre Stile sind unterschiedlich, «graphisch-abstrakt» nennt er ihren, «gegenständlich-cartoonig» seinen eigenen. Ihre Lust, sich in verschiedensten Kunstformen kreativ auszuleben ist gross. So finden sich zwei Meter grosse Bilder, die sich preismässig im fünfstelligen Bereich bewegen, ebenso in ihrem Repertoire wie die unter dem Namen Tischkunst für eine Zehnernote erhältlichen Bierdeckel.

Diese gehen momentan weg wie warme Semmeln, 4000 davon haben sie schon hergestellt, alles Einzelstücke, von Hand gemacht. Ein Bild eines der Bierdeckel landete gar gross in der Süddeutschen Zeitung, das Duo verschickt Exemplare auch nach Deutschland und Österreich. «Unser Anspruch ist, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, ein Stück Kunst für kleines Geld zu kaufen», sagt Polsini.

«Kunst wird oftmals etwas verkopft angesehen. Dabei soll sie doch das Gegenteil bewirken: Nämlich den Geist öffnen.»

Valentin Weilenmann, Rütner Künstler

Dass Kunst nur für eine gewisse Elite da ist, mit dieser Idee können beide nichts anfangen. Weilenmann ergänzt: «Kunst wird oftmals etwas verkopft angesehen. Dabei soll sie doch das Gegenteil bewirken: Nämlich den Geist öffnen.» Seit ihrer ersten Ausstellung im Rütner Amtshauskeller, sind zahlreiche weitere dazugekommen, in der Schweiz, aber auch in Innsbruck oder Florenz.

Unterschiedlicher Werdegang

Kennengelernt haben sich die beiden in einer Rütner Clique. «Das war vor 19 Jahren, seit 17 Jahren sind wir ein Paar und arbeiten gemeinsam an Projekten», sagt Polsini. «Was waren wir noch jung damals», sagt er und beide lachen. Dass sie ihren Weg in die Kunst gefunden haben, schien aufgrund des Talents, das beide schon früh an den Tag legten, gewissermassen vorgezeichnet.

«Von meinen  Eltern weiss ich, dass ich sobald ich einen Stift halten konnte, mit dem Malen angefangen habe. »

Jasmin Polsini, Rütner Künstlerin

Ihr Werdegang könnte aber unterschiedlicher nicht sein. Weilenmann kommt aus einer «künstlerischen Familie», wie er sagt. Er beschritt einen «klassischen» Weg, studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und absolvierte später eine Grafikerlehre in der Werbebranche.

Polsini hingegen hat nie die «Kunsti» besucht. Sie bezeichnet sich als Autodidaktin. «Von meinen  Eltern weiss ich, dass ich sobald ich einen Stift halten konnte, mit dem Malen angefangen habe. Und das hat eigentlich gar nie aufgehört», sagt sie.

Lehre als Coiffeuse statt Kunsti

In ihrer Familie habe man sich die ganze Zeit kreativ betätigt. Sei es beim Basteln, der Arbeit mit Ton oder dem Malen. Polsini ging in die Oberstufe, die Kunsthochschule wurde zum Thema. Sie entschied sich dagegen, wollte Maskenbildnerin werden. «Das Dreidimensionale liegt mir. Für die Maskenbildner-Ausbildung absolvierte ich zuerst eine Lehre als Coiffeuse.» Sie malte auch während ihrer Lehrzeit, «erste wirkliche Bilder», wie sie sagt. Bereits mit 17 Jahren verkaufte sie erste eigene Werke.

Die Lehre schloss Polsini ab, konnte dann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf ihrem Beruf arbeiten und setzte voll auf die Karte Kunst. «Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Ich habe eine seltene angeborene Bindegewebekrankheit, das Ehlers-Danlos Syndrom. Bis ich 27 Jahre alt war, wussten die Ärzte nicht, was ich hatte.»

«Ich male jeden Tag, es ist für mich eine Medizin. »

Jasmin Polsini, Rütner Künstlerin

Um über die seltene Krankheit aufzuklären und Betroffenen zu helfen, hat Polsini den Verein Ehlers-Danlos Netz Schweiz gegründet. Die Künstlerin erzählt über die ständigen Schmerzen als Begleiter, wie sie oft beim Malen Pausen einlegen und Bandagen tragen muss. «Ich male jeden Tag, es ist für mich eine Medizin. In meinen Bildern kann ich die Schmerzen verarbeiten. Eintauchen und loslassen», sagt sie.

Und das zeige sich auch in den Bildern, die sehr gefühlvoll seien und ihre Emotionen widerspiegeln. Die Künstlerin lässt Flächen ineinander fliessen oder konstruiert komplexe Geflechte aus farbigen floralen Mustern. Polsini arbeitet mit Acryl, Collagen, Aquarellfarben und Finelinern. Dem Betrachter ihrer Bilder öffnet sich eine sehr eigene, aber aufregende und aufwühlende Welt.

Im Gegensatz dazu stehen Weilenmanns Werke, die er unter dem Namen Mynt fertigt. Bleistift und Pinsel seien seine liebsten Werkzeuge, sagt er. «Sie begleiten mich mein ganzes Leben und bedeuten ein Stück Freiheit. Ich setze mich vor ein Blatt Papier und zeichne drauflos. Was ich will. Wo ich will. Das ist meine Therapie und ein Lebensgefühl, das sich nicht wegdenken lässt.»

Die Gesellschaft als Inspirationsquelle

Er versuche mit seinen Bildern Geschichten zu erzählen. Atomare Verwüstung, Materialismus, Corona: Weilenmann bearbeitet in seinen cartoonigen Bildern und satirischen Zeichnungen grosse Themen. «Wie denkt der Mensch? Und aufgrund von was kommt ein gewisses Denken zustande? Solche Fragen interessieren mich.»

Das habe direkt mit der Gesellschaft zu tun, die beide als grosse Inspirationsquelle bezeichnen. Politik, Medien, philosophische Themen und die Schönheit der Natur. Das alles fliesst in die Bilder von Polsini und Weilenmann.  

Doch wie schaffen es die beiden, ihre unterschiedlichen Stile zusammenzubringen, wenn sie gemeinsam an einem Bild arbeiten? «Es ist auf jeden Fall nicht so, dass alles sehr harmonisch zu und her geht», sagt er. «Sehr heavy, sehr emotional» sei die gemeinsame Arbeit, sagt sie.

Sie haben eine einfache Regel aufgestellt: Derjenige, der am Bild arbeitet, darf alles. Was drauf sei, dürfe auch weg. «Das ist die Hauptregel: Jeder hat die komplette Freiheit», sagt Polsini. Am Ende würden sie immer einen Weg finden, betonen beide. «Wir inspirieren uns gegenseitig, das ist sehr fruchtbar.»

Ungewöhnliche Kollaborationen

Derzeit sind Bilder der beiden im Rahmen der Plakataktion «Kultur trotz allem» in Rüti zu sehen. Ab kommenden Montag stellen sie in einem Laden in Winterthur aus. Eine Kollaboration, die sich ergeben hat, weil wegen Corona die normalen Ausstellungsräume geschlossen blieben. Auch das sei typisch für sie: Neue Wege suchen, um sichtbar zu bleiben. Auch ungewöhnliche Kollaborationen eingehen, «die Komfortzone verlassen», wie es Weilenmann ausdrückt.

«Wir probieren vieles aus. Und es wird immer Neues dazukommen. Aber das Gute ist: Die Leute erkennen unseren Stil in allem, was wir machen», sagt Polsini. Und im Grund sei es immer das Gleiche: «Wir drücken uns über Kreativität aus. Und das machen wir in verschiedensten Facetten.»

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