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«Die Bühne an grossen Festen werde ich künftig jungen Musikern überlassen»

Seit 50 Jahren ist Ueli Bodenmann auf der Bühne zuhause. Er beherrscht zahlreiche Instrumente, komponiert und dirigiert. Nun will er kürzer treten.

Ueli Bodenmann gewann in den letzten Jahrzehnten diverse Musikauszeichnungen., Nun will der Wilemer Volksmusiker kürzer treten.

Foto: Milena Gähwiler

«Die Bühne an grossen Festen werde ich künftig jungen Musikern überlassen»

Im Zimmer gleich beim Hauseingang steht ein Bürotisch mit zwei Bildschirmen umringt von Instrumenten. Auf der anderen Seite des Ganges ist ein Musikstudio mit Mikrofonen, einem Keyboard und etlichen Musikauszeichnungen eingerichtet. Die Trophäen gewann Volksmusiker Ueli Bodenmann in den letzten 50 Jahren.

Der in Wila wohnhafte Musiker feierte im letzten Jahr sein Jubiläum für 50 Jahre Bühnenpräsenz. Er lernte in diesen fünf Jahrzehnten elf Instrumente, darunter Trompete und Bariton. Als Komponist und Dirigent war der mittlerweile 60-Jährige ebenfalls tätig.

Mit Feingefühl

Seine jahrelange Erfahrung in der Musikwelt kommt Bodenmann nun bei seiner neuen Arbeit zugute. Im Oktober 2019 startete er als Musikredaktor beim Radiosender SRF Musikwelle. Nebst der Aufbereitung des Programmes gehört das Aussuchen, Durchhören und Redigieren der Musikstücke zu seinen Tätigkeiten. «Mein Job ist extrem vielfältig. Bei der Musikwelle arbeiten wir mit einer sehr breiten Musikpalette von Jazz, über leichte Klassik bis hin zu Volksmusik und Schlager», erzählt Bodenmann.

Seit dem Beginn lernte er viele neue Softwares kennen und sieht das Radio nach einem Jahr mit ganz anderen Augen. «Ich höre viel kritischer zu. Sei es nun mein eigenes Programm oder das eines anderen Radiosenders. Mein Feingefühl für Liederübergänge und die Harmonie des Ablaufs hat sich immens verstärkt.»

Ungewohnte Wochenenden

Seit März arbeitet Bodenmann aufgrund der Corona-Pandemie vermehrt im Home-Office. Zwar hatte er bereits ein Musikstudio in seinem Haus, für seine Tätigkeit bei der Musikwelle richtete er aber extra eine weitere Arbeitsstation ein. «Obwohl ich viel zuhause bin, umgibt mich die Musik den ganzen Tag. Im Studio kann ich meine Lieder aufnehmen und musizieren, eine Türe weiter arbeite ich für die Musikwelle», sagt Bodenmann und lacht.

«Das erste Mal seit Jahrzehnten genoss ich meine Freizeit in vollen Zügen.»

An die Büroarbeit musste sich der gelernte Schreiner zuerst gewöhnen. Bis zu seinem Arbeitsbeginn bei der Musikwelle arbeitete er in seiner angestammten Tätigkeit. In seine Freizeit betätigte er zahlreiche Auftritte. Aufgrund der Corona-Pandemie fielen diese 2020 weg. «Die ruhigeren Wochenenden kamen mir aber gerade recht», erzählt Bodenmann. «So konnte ich viel Zeit draussen in der Natur verbringen.»

Seit März hatte er lediglich drei bis vier Auftritte. Im Normalfall sind seine Wochenenden vollgepackt mit Terminen. «Das erste Mal seit Jahrzehnten genoss ich meine Freizeit in vollen Zügen», sagt er. Die Lücken in seinem Terminkalender füllte Bodenmann mit Komponieren und Musizieren in seinem Studio. Zudem nahm er mehrere Sendungen beim Fernsehsender musig24TV auf.

Starkes Gemeinschaftsgefühl

Die Arbeit vor der Kamera sei jedoch kein Vergleich zu Live-Auftritten. Besonders Kirchenkonzerte haben es Bodenmann angetan. Seit einigen Jahren führt der Musiker mit zwei Sängern Weihnachtskonzerte durch – dieses Jahr mussten jedoch auch diese abgesagt werden.

Es sei toll, wie bei einer Messe mit Musik eine Stunde Freude geschenkt werden könne. «Vor allem an Weihnachten fühlt man in der Kirche durch das Singen der feierlichen Lieder ein starkes Gemeinschaftsgefühl», erklärt der Musiker.

Bodenmann befürchtet, dass die fehlende Gemeinschaft aufgrund der Pandemie vielen Menschen Probleme bereitet: «Die Einsamen werden noch einsamer und die Traurigen noch trauriger. Ich hoffe sehr, dass bald wieder in einer Gemeinschaft wie an Weihnachten Lieder gesungen und Musik gespielt werden kann.»

Sieg mit alten Freunden

Eine wichtige Gemeinschaft in Bodenmanns Leben war die Musikgruppe Original Unterländer aus Liechtenstein. Zusammen mit zwei Freunden gründete er diese 1974. 13 Jahre waren sie zusammen als Berufsmusiker auf der halben Welt unterwegs. Mit vielen Höhepunkten: Zum Beispiel ein Konzert vor 15‘000 Besuchern in Dänemark oder den Sieg des Alpen Grand Prix 2016.

Vom Erfolg zeugen auch Erinnerungsstücke wie die Auszeichnung des Prix in Form einer Musiknote. Diese hängt neben Ueli Bodenmanns Keyboard. An die Einreichung des Siegerlieds «In unsrem Blut da fliesst die Volksmusik» erinnert sich der Musiker noch gut. Diese verlief nämlich sehr ungewöhnlich.

«Nach nur wenigen Tagen nahmen wir das Lied auf.»

«Nach 30 Jahren trafen wir uns zum ersten Mal wieder alle zusammen», erzählt Bodenmann. Dies, weil er seine ehemaligen Gruppenmitglieder aus dem Fürstentum nach Winterthur eingeladen hatte. «Das Treffen fand in einem Restaurant statt. Es war unglaublich schön.»

Was seine Freunde nicht wussten: Bodenmann mietete ein Tonstudio, um ein paar Tage später das Lied zu vertonen. «Nach nur wenigen Tagen nahmen wir das Lied auf, reichten es beim Internationale Alpen Grand Prix in Italien ein und gewannen am Schluss sogar», erzählt er mit Stolz.

Immer Lampenfieber

Nach vielen Karrierehöhepunkten will Bodenmann nun kürzer treten. «Wegen Corona sah ich, wie schön es ist, am Wochenende frei zu haben und die Zeit einfach zu geniessen», sagt er. Deshalb wird der Musiker die Anzahl seiner Auftritte, wenn sie wieder erlaubt sind, reduzieren. «Im kleinen Rahmen plane ich immer noch, aufzutreten. Zum Beispiel in Altersheimen. Die Bühne an grossen Festen wie Turnunterhaltungen werde ich jedoch künftig jungen Musikern überlassen.»

Zuletzt stand Bodenmann vor zwei Monaten in Tirol auf der Bühne. «Dazwischen gab ich zwar noch ein Privatkonzert für die Enkel meiner Partnerin Annette. Das zähle ich jedoch nicht als Auftritt.»

Die Freude auf seinen nächsten Live-Auftritt ist gross. «Wann dieser allerdings sein wird, weiss ich situationsbedingt im Moment noch nicht, aber ich werde wohl nervöser sein als sonst. Lampenfieber habe ich sowieso vor jedem Auftritt – auch noch nach 50 Jahren.»

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