4Wände

Die alte Schreinerei in Hinwil lebt weiter

Wo sich früher die Schreinerei Fischer in Hinwil befand, sind vor wenigen Jahren fünf moderne Mietwohnungen entstanden. Ein nicht alltägliches Bauprojekt.

Die beiden Neubauten stehen dort, wo sich die Schreinerei und das Holzlager befanden.

Foto: nepos Fotografie/Barbara Faissler

Die alte Schreinerei in Hinwil lebt weiter

Verlagsbeilage «4-Wände»

Wo sich früher die Schreinerei Fischer in Hinwil befand, sind vor wenigen Jahren fünf moderne Mietwohnungen entstanden. Für Bauherr Martin Vögeli von der Konzeptwerk GmbH ist dies ein besonders bedeutendes Bauprojekt.

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «#4_Wände» veröffentlicht, die am 18. September mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

Das Flarzhaus an der Walderstrasse in Hinwil steht schon eine ganze Weile dort. Über 330 Jahre ist es her, seit es mit stilvoller Handwerkskunst erbaut wurde. Der Riegelbau fasziniert noch heute und lässt erahnen, wie die Bauten im Dorf am Bachtel damals ausgesehen haben. Doch hinter der historischen Gebäudehülle des mittleren Flarzteils ist die Zeit nicht stehen geblieben. LED-Deckenspots sorgen in der modernen Küche für genügend Licht, und im Bad wartet auf die Bewohnerinnen und Bewohner eine Dusche mit Glaswänden.

Der Hausteil wurde 2019 von der Konzeptwerk GmbH komplett saniert, gleichzeitig entstanden zwei Ersatzneubauten für die beiden Nebengebäude im Innenhof. Für Martin Vögeli, den Inhaber und Geschäftsführer des Wetziker Architekturbüros, kein gewöhnliches Projekt. Der ausgebildete Architekt und Wirtschaftsingenieur hat eine starke Verbundenheit zu den Gebäuden und der Familie Fischer, die bis zum Verkauf der Liegenschaft darin wohnte. «In einem der Nebengebäude führte Kurt Fischer im Einmannbetrieb eine Schreinerei. Bei ihm durfte ich die Lehre zum Möbelschreiner absolvieren», erzählt Vögeli.

Ein Pilotprojekt, das es in sich hat

Die Beziehung zwischen der Familie Fischer und Vögeli ging weit über das alltägliche Verhältnis zwischen Lehrmeister und Lehrling hinaus. So unternahm man bereits vor der Lehre an Pfingstwochenenden gemeinsame SAC-Familienwanderungen, und für Frau Fischer wurde Vögeli rasch zu ihrem «Buben», wie sie ihn und auch die vorangegangenen Lernenden liebevoll nannte. Ihren «Buben» kontaktierte sie dann auch, als sie nach dem Tod ihres Mannes in das Altersheim Hinwil zügelte und die Liegenschaft verkaufen musste.

Porträtfoto von Martin Vögeli von der Konzeptwerk AG.
Martin Vögeli, Inhaber und Geschäftsführer der Konzeptwerk GmbH.

Für Vögeli ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: «Ich kenne das Haus seit 50 Jahren und habe die ganze Lehrzeit dort verbracht. Es hat deshalb einen sehr hohen Stellenwert für mich.» Doch ein Gebäude bloss aus sentimentalen Gründen zu kaufen, kommt für ein Unternehmen eigentlich nicht infrage. Bei der Konzeptwerk GmbH hatte man sich jedoch kurz zuvor entschieden, die neue Arbeitsmethode Building Information Modeling (BIM) einzuführen. Dabei werden alle relevanten Bauwerksdaten digital modelliert, kombiniert, erfasst und das Bauwerk als virtuelles Modell erstellt. «Um BIM richtig erlernen und ein erstes Mal in der Praxis anwenden zu können, braucht es ein Pilotprojekt. Und das sollte die alte Schreinerei in Hinwil werden.»

Ein Objekt, das für die Erlernung der neuen Arbeitsmethode eigentlich alles andere als ideal war. «Als Pilotprojekt wählt man normalerweise ein einfaches Gebäude. Einen viereckigen Block mit drei oder vier Wohnungen, bei dem möglichst wenige Probleme auftreten können», so Vögeli. Mit zwei Ersatzneubauten
und der Totalsanierung eines Altbaus, die zudem noch mit einer Tiefgarage verbunden werden mussten, stellte sich die Ausgangslage in Hinwil wesentlich komplexer dar. «Aber wir haben uns gesagt: Wenn wir das hinkriegen, haben wir BIM auf jeden Fall im Griff.»

Wenn, dann richtig

Insgesamt sollten auf dem Areal der alten Schreinerei und im Flarzteil fünf neue, grosszügige Mietwohnungen entstehen. «Unser Ziel war es, ein nachhaltiges Gebäude mit einer hohen Wertigkeit zu schaffen», sagt Vögeli. Ein Aspekt, der auch Kurt und Heidi Fischer immer sehr wichtig war. «Wenn man etwas macht, dann macht man es gut und richtig. Das war ihre Einstellung.»

Als Ersatz für die beiden Schöpfe, die sich in einem sehr schlechten Zustand befanden, entschieden sich Martin Vögeli und sein Team für Holzelementbauten. Dem Architekturbüro war es wichtig, Unternehmen aus der Umgebung zu berücksichtigen und ressourcenschonend zu bauen. Sämtliches Holz stammt aus der Region, Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen sorgen für ein angenehmes Wohnklima.

Wenig Spielraum bot sich bei der Gestaltung der neuen Häuser. Die Liegenschaft befindet sich in einer Kernzone Hinwils und unterliegt dadurch strengen Auflagen. So müssen etwa alle Hauptgebäude in dieser Zone ein Steildach besitzen, und Aussenparkplätze sind nicht erlaubt. Zudem müssen die neuen Häuser an die Stelle der abgerissenen Gebäude gebaut werden. In diesem Fall war das aber auch richtig. «Durch die Anordnung entsteht dazwischen eine Art Innenhof, sodass wir für die Bewohnerinnen und Bewohner einen gemeinsamen Aufenthaltsort schaffen beziehungsweise erhalten konnten.»

Ein typisches Flarzhaus mit mehreren Wohnteilen.
Über 330 Jahre alt ist das Flarzhaus an der Walderstrasse in Hinwil.

Noch schwieriger gestaltete sich die Umsetzung der Auflagen im Flarzteil. «Ursprünglich wollten wir eine Bestandssanierung durchführen, damit das Flair des historischen Hauses bestehen bleibt. Doch wegen der Brandschutzvorgaben war das unmöglich», erzählt Vögeli. Teilweise trennten die Wohneinheiten nur sechs Zentimeter dicke Zwischenwände aus Holz voneinander. Deshalb mussten 34 Tonnen Fermacell-Platten von Hand ins Haus getragen und verbaut werden. «Leider verdeckten wir dabei die schönen und typischen Balken des Riegelbaus. Wo es möglich war, lösten wir die Bohlen heraus und montierten sie vorne wieder.» Mit den sichtbaren Tragstrukturen der Decke konnte man so die Charakteristik des Flarzhauses auch im Innern erhalten.

Aufwendige Auflagen

Während beim Projekt der alten Schreinerei baurechtlich alles glatt lief, kommt es laut Vögeli bei anderen Bauten in Kernzonen häufiger zu Verzögerungen und Mehraufwendungen. «Durch immer mehr Vorschriften und Einsprachen sind bei einem Projekt mehr Parteien mit unterschiedlichen Ansichten und Anliegen involviert. Diese alle zu berücksichtigen, ist sehr aufwendig und teilweise auch nicht möglich», so Vögeli.

Oft verunmöglichen sie auch einfache Sanierungen von alten Liegenschaften und somit die Schaffung von günstigem Wohnraum. Stattdessen wird das komplette Gebäude abgerissen und ein Neubau mit entsprechend hohen Mietpreisen hingestellt. «Ich bin kein Gegner von Vorschriften, sie machen grösstenteils Sinn. Jedoch sollten die daraus resultierenden Prozesse immer mal wieder hinterfragt werden, bei Beurteilungen sollte nicht nur das Punktuelle, sondern das Gesamte überblickt
werden und das gesunde Augenmass nicht verloren gehen – dieses fehlt aber an vielen Stellen leider sehr oft.»

Screenshot eines Computerprogramms, das ein digital dargestelltes Haus zeigt.
Mit BIM werden alle relevanten Bauwerksdaten digital modelliert, kombiniert, erfasst und das Bauwerk als virtuelles Modell erstellt.

Mit einer Bauzeit von ungefähr elf Monaten konnte man den Bau in Hinwil ohne Verzögerungen abschliessen. Etwas länger dauerte der Planungsprozess, der mit der BIM-Arbeitsmethode allerdings auch viel ausführlicher ausfällt. «Bei der herkömmlichen Bauweise wird viel Planungsarbeit erst nach Baustart erledigt. Mit BIM haben wir 90 Prozent der Planung abgeschlossen, wenn die ersten Bagger auffahren», erklärt Vögeli. Ein grosser Vorteil der Methode ist, dass die beteiligten Baufirmen in den Planungsprozess einbezogen und so etwaige Planungsfehler frühzeitig erkannt werden. «Wenn sich zum Beispiel zwei Leitungen kreuzen, zeigt uns dies das System beim Zusammenführen der Pläne an, und wir können diese Thematik dann gemeinsam mit den beteiligten Planern und Unternehmern am Computer – bevor der Fehler auf der Baustelle bereits ausgeführt ist – anpassen beziehungsweise korrigieren.»

Tür des Anstosses

Im Juli 2020 konnten die fünf Wohnungen schliesslich bezogen werden. Mit dem Resultat zeigt sich Vögeli, der auch privat sehr viel in das Projekt investierte, sehr zufrieden. «Es war ein Krampf. Aber wir haben einen modernen, qualitativ hochwertigen Bau mit Kernzonenelementen realisiert, der das Ortsbild aufwertet. Noch heute bekommen wir Komplimente für die schöne Umsetzung.» Auch Heidi Fischer konnte kurz vor ihrem Tod noch den fertigen Bau besichtigen und drückte ihre Zufriedenheit aus. «Natürlich verspürte ich einen gewissen Druck, diesen auch im Sinne von Frau Fischer zu realisieren.» Mit dem dominanten Holzeinsatz, der an die Schreinerei erinnert, oder den Hochbeeten für die Bewohnerinnen und Bewohner im Innenhof, die eine Hommage an den Garten der Familie Fischer sind, soll das Andenken an das Ehepaar bewahrt werden.

Ein renovierter Wohnbereich mit einer Küche und einer Treppe im Hintergrund.
Mit den sichtbaren Tragstrukturen konnte man die Charakteristik des Flarzhauses erhalten.

Nur eines wollte Heidi Fischer nicht so recht gefallen. Das erfuhr Vögeli erst vor wenigen Monaten von seiner Mutter. «Wir haben beim Flarzhaus eine Haustür in klassischem Ochsenrot eingebaut. Als sie die gesehen hatte, verlor sie fast die Nerven. Eine rote Tür wäre für sie überhaupt nicht infrage gekommen», sagt Vögeli und schmunzelt. Ob sie ihrem «Buben» das Haus auch verkauft hätte, wenn sie von der Farbe gewusst hätte? Auf jeden Fall sieht Martin Vögeli die Tür jetzt mit anderen Augen. Jedes Mal, wenn er an ihr vorbeifährt, muss er an diese Geschichte denken – und an Herrn und Frau Fischer.

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