Der neue Tarndruck kommt aus Fehraltorf
Die Wahl des Orts könnte bereits als Tarnstrategie der Schweizer Armee durchgehen: Mitten in einem unauffälligen Wohnquartier, nahe dem Bahnhof Fehraltorf, entsteht der Camouflage-Druck für die neue Kampfuniform. Er soll die Soldatinnen und Soldaten im Ernstfall tarnen.
Seit Anfang Jahr bringt die E. Schellenberg Textildruck AG das typische Militärmuster in Erd- und Olivtönen auf den Armeestoff. Normalerweise färbt und bedruckt sie Maschen- und Webware von Wäscheherstellern wie Calida, ISA, Schlossberg oder Zimmerli. Jetzt produziert sie zusätzlich das Tarngewebe in Zusammenarbeit mit drei weiteren Deutschschweizer Firmen ( siehe Box am Ende).
Dafür laufen zurzeit einmal pro Woche Tausende Meter Militär-Stoff unter den Walzen der beiden wuchtigen Druckmaschinen hindurch. Es dröhnt, rattert und rauscht so laut in der grossen Produktionshalle, dass sich die Arbeiter über die Maschinen hinweg mit Handzeichen verständigen müssen.
Innert Sekunden bedruckt
Gedruckt wird von dunkel nach hell: zuerst der Schriftzug «Schweizer Armee» in den Landessprachen und in Englisch, dann die Farben Braun, Dunkelbeige, Grün und schliesslich Hellbeige. Das Muster selbst ist vom Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) vorgegeben.
Sekundenschnell saust der Stoff über das Laufband mit den fünf Druckerwalzen und verschwindet dann zum Trocknen in der Druckmansarde – nur um wenige Augenblicke später auf der anderen Seite der Maschine in einen Auffangbehälter zu fallen.
«Es ist eine grosse Ehre, für die Schweizer Armee zu arbeiten», sagt Urs Schellenberg (42), der den Betrieb mit 120 Mitarbeitern in der dritten Generation führt.
Sein Auftraggeber benötigt den Camouflage-Druck nicht nur auf einfachen Tarnanzügen (TAZ), sondern auch auf ABC-Schutzanzügen, schweren Winter-Uniformen, Rucksäcken und Zelten. «Dafür verwenden wir jeweils Gewebearten mit unterschiedlicher Qualität.»
Nach zigmal Waschen wie neu
So käme bei den Rucksäcken ein sehr robustes, aber relativ steifes Nylon zum Einsatz, bei den Kampfanzügen dagegen weichere Gewebe. Dementsprechend unterscheidet sich laut Schellenberg auch der Prozess: Im einen Fall müssten sie den Stoff nach dem Bedrucken bei 100 Grad dämpfen, im anderen Fall bei 200 Grad « thermosolieren » , um die Farbe zu fixieren.
«Die hohe Kunst besteht darin, dass wir am Schluss immer den gleichen Farbausfall erzielen.»
Zudem stelle die Armee hohe Anforderungen an die Licht- und Wetterbeständigkeit der bedruckten Stoffe. «Sie sollten auch nach 50 Mal Waschen oder nach einem Monat an der Sonne wie neu aussehen.»
Verglichen mit anderen Auftraggebern sei der Anforderungskatalog nochmals deutlich detaillierter und strenger ausgefallen.
Und noch etwas muss Schellenbergs Firma garantieren: einen Effekt, der für das blosse Auge gar nicht wahrnehmbar ist. So hat es den Anschein, als ob der neue Camouflage-Druck – anders als der bisherige – ohne die Farbe Schwarz auskommt. «Tatsächlich fügen wir jeder Farbe eine genau abgemessene Menge Schwarzpigment zu.»
Damit bleibe der Tarneffekt auch unter den Bedingungen von Infrarotstrahlung erhalten. «Ansonsten wären die Soldaten im Nachtsichtgerät leicht zu erkennen, weil alle Farben gleich reflektieren würden.»
Aufwendige Bewerbung
Den Zuschlag für den Armee-Auftrag hat Urs Schellenberg Ende Oktober 2021 erhalten – nach einer aufwendigen Bewerbung, die sich über ein Jahr hinzog, wie er sagt. «Wir mussten fünf verschiedene Eingabemuster einreichen – pro Gewebeart 60 Meter Stoff.»
Solche Mengen fehlerfrei zu produzieren, sei anspruchsvoll, aber unabdingbar für einen solchen Auftrag.
«Wir müssen zu internationalen Preisen produzieren, wenn wir nicht abgehängt werden wollen.»
Urs Schellenberg, Geschäftsführer E. Schellenberg Textildruck AG
Zusätzlich seien ihre Muster von einem Schweizer Prüf- und Zertifizierungsunternehmen «auf Herz und Nieren» geprüft worden. «Neben der Qualität spielten auch der Preis und die nachhaltige Produktion bei der Vergabe des Auftrags eine Rolle.»
Laut dem Geschäftsführer gehört die E. Schellenberg Textildruck AG zu den Marktführern in der Schweiz. Ihre Mitbewerber sässen vor allem in der Türkei und im asiatischen Raum sowie in Deutschland und Italien. «Wir müssen zu internationalen Preisen produzieren, wenn wir nicht abgehängt werden wollen», sagt er.
Die für den Camouflage-Druck erforderliche Technologie sei anspruchsvoll – nur wenige Firmen in Europa würden sie beherrschen. Eine gute Gelegenheit, um sich von der Konkurrenz abzuheben.
Neben der Schweizer Armee dachte Schellenberg dabei auch an andere Armeen als Kunden. Seit 2016 bemustert seine Firma Anzüge der norwegischen, französischen und deutschen Armee.
ABC-Schutzanzüge für US-Armee
Besonders stolz ist er auf einen Auftrag für die US-Armee: Zusammen mit einem deutschen Partner habe man einen extrem engmaschigen und zugleich dünnen Stoff für ABC-Schutzanzüge entwickelt, der stark wasserabweisend sei und über eine zusätzliche Aktivkohlebeschichtung verfüge.
«Wir organisieren häufig den gesamten Entwicklungsprozess – von der Beschaffung der Rohstoffe über das Weben bis hin zum Druck und zur Beschichtung.» Nur die Konfektionierung, sprich: das Zuschneiden und Nähen der Stoffe, werde durch den Endkunden organisiert.
«Wir werden mehrere Hunderttausend Meter Stoff pro Jahr mit dem Camouflage-Muster bedrucken.»
Urs Schellenberg, Geschäftsführer E. Schellenberg Textildruck AG
Die Schweizer Armee ist der bisher grösste militärische Auftraggeber für die E. Schellenberg Textildruck AG, so der Geschäftsführer. Der Vertrag sehe eine Belieferung über drei Jahre vor. «Wir werden mehrere Hunderttausend Meter Stoff pro Jahr mit dem Camouflage-Muster bedrucken.»
Für die wiederkehrende Beschaffung ab 2026 müsse man sich dann erneut bewerben.
Mehr Prestige als Umsatz
Gemessen daran, dass die Firma laut eigener Aussage jährlich über sechs Millionen Meter Textilien veredelt, ist dieser Umfang überschaubar. Laut Schellenberg macht der Auftrag weniger als zehn Prozent des Jahresumsatzes aus.
Ein Prestigeprojekt ist es für ihn allemal. «Gegenüber Armasuisse sind wir verantwortlich für die komplette Vorstufe.» Sie beschaffen die Rohstoffe wie etwa das Garn und stellen sicher, dass in der Wertschöpfungskette ein Glied ins andere greift, sagt Schellenberg. Das Bundesamt für Rüstung habe sämtliche Partner in der Kette durchleuchtet.
Ebenso streng sind ihm zufolge die Auflagen im eigenen Betrieb: Alle Mitarbeiter mussten einen Vertrag unterschreiben, dass sie keine Armee-Stoffe mit nach Hause nehmen. «Es darf nicht passieren, dass plötzlich Stoffrollen mit Militärmuster im Internet angeboten werden.»
Zudem dürften sie Ausschussware nicht ohne Weiteres entsorgen: Fehlerbehaftete Ware gelte als «sensibles Material» und müsse der Armee gemeldet werden. «Dann erst bringen wir den Ausschuss zur professionellen Entsorgung nach Hinwil in die Kezo.»
Unter Innovationsdruck
Um den Camouflage-Druck für die Armee technisch realisieren zu können, hat Schellenberg auch kräftig investiert. In seiner Produktion steht jetzt ein mehrere Meter hoher «Blitzdämpfer», der für die Fixierung der hochechten Farbstoffe erforderlich ist. «So eine Maschine kostet schnell ein paar Hunderttausend Franken.»
Darin sieht der Geschäftsführer auch eine Investition in die Zukunft. Er strebt weitere Marktanteile in diesem Segment an. «Wir müssen uns bewegen und innovativ sowie nachhaltig sein, wenn wir am Markt bestehen wollen.»
Der Niedergang der Oberländer Textilindustrie ist ihm eine stete Mahnung.
«Es reicht heute nicht mehr aus, nur Befehlsempfänger zu sein.»
Urs Schellenberg, Geschäftsführer E. Schellenberg Textildruck AG
Daher setzt er auf die Weiterentwicklung von Hightech-Stoffen, die einen hohen Tragekomfort und guten Feuchtigkeitstransport bieten sollen; aber auch auf kompostierbare Stoffe, die keine Rückstände im Boden hinterlassen dürfen. «Wir sind Entwicklungspartner unserer Kunden und gehen mit neuen Ideen voran, auch wenn diese Arbeit zäh ist.»
Und dann greift er selbst zu einer militärischen Metapher: «Es reicht heute nicht mehr aus, nur Befehlsempfänger zu sein.»
Der Preisdruck im internationalen Wettbewerb ist für Schellenberg eine wachsende Herausforderung – nicht zuletzt durch den starken Schweizer Franken. Über 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet seine Firma in Euro.
Eine Anhebung der Preise zum Ausgleich der Währungsverluste sei für ihn nie in Frage gekommen. «Dann wären wir nicht mehr wettbewerbsfähig.»
Stattdessen hätten sie an der Verbesserung der Effizienz gearbeitet. Um die Produktivität zu steigern, sei ein Drei-Schicht-Betrieb eingeführt und neues Personal angestellt worden. Seither würden ihre Maschinen fast ununterbrochen laufen.
Ironie des Schicksals
Durch die Corona-Krise sei die Firma erstaunlich gut gekommen. «Glücklicherweise erstreckt sich unsere Lieferkette überwiegend über den Raum Schweiz, Deutschland und Österreich.» Von Engpässen bei Geweben, chemischen Produkten und anderen Rohstoffen seien sie daher kaum betroffen gewesen.
Damit blieben ihre Waren stets verfügbar, wie Schellenberg sagt.
«Aktuell müssen wir mit monatlich mehr als doppelt so hohen Energiepreisen produzieren.»
Urs Schellenberg, Geschäftsführer E. Schellenberg Textildruck AG
Zudem habe man von den guten Absätzen der Kundschaft profitiert. «Während der Pandemie war Nachtwäsche sehr gefragt.»
Vor dem Hintergrund des jüngsten Armee-Auftrags mutet es wie eine bittere Ironie des Schicksals an, dass ausgerechnet die Folgen eines militärischen Ereignisses zur Belastungsprobe werden: der russische Angriffskrieg auf die Ukraine.
Energieintensive Firmen wie die E. Schellenberg Textildruck AG sind plötzlich mit einer dramatischen Kostenexplosion konfrontiert. «Aktuell müssen wir trotz Absicherung mit monatlich mehr als doppelt so hohen Energiepreisen produzieren», sagt Schellenberg.
Schon Öl-Vorräte für Winter
Da die Mitbewerber von dieser Entwicklung gleichermassen betroffen seien, entstehe ihnen dadurch zwar kein Wettbewerbsnachteil. Er macht sich aber Sorgen vor einem Gasmangel im Winter. «Zum Glück verfügen wir über eine Zweistoffanlage und können die benötigte Wärme notfalls über Heizöl generieren.»
Für den Fall der Fälle hätten sie sich entsprechend bevorratet.
Unabhängig vom Ukraine-Krieg sieht Schellenberg im hohen Energie- und Ressourcenverbrauch auch eine Verantwortung zu mehr Nachhaltigkeit. Neben dem Gasverbrauch hat er dabei auch den hohen Wasserverbrauch im Blick. Dies, obwohl seine Firma dank optimierten Produktionsverfahren bereits heute nur halb so viel Wasser wie seine ausländischen Mitbewerber benötige.
Nützliche Abwärme
Immerhin: Mittels einer Wärmepumpe gewinnt die Kläranlage der Gemeinde Fehraltorf ihm zufolge wieder Energie aus ihrem 30 Grad warmen Abwasser. «Und durch den Anschluss ans eigene Fernwärmenetz werden rund 100 Wohnungen in der direkten Umgebung mit unserer Abwärme beheizt.»
Zugleich lassen sich durch den Verkauf der Abwärme die hohen Energiekosten ein Stück weit kompensieren.
Urs Schellenberg ist überzeugt: «Ökologie ist künftig matchentscheidend auf dem Markt.» Dadurch, dass sie die Wertschöpfungskette bis ganz nach vorne in Fehraltorf bündeln, sieht er seine Firma für diese Herausforderung bestens gerüstet.
Neuer Anstrich für Schweizer Armee
Ab 2023 erhält die Schweizer Armee eine neue Kampfausrüstung. Die erste Totalerneuerung seit den 1990er Jahren umfasst neben Schutzwesten und dem Trinksystem auch die Kampfbekleidung inklusive Rucksäcke und Zelte.
Mit der Herstellung des Tarngewebes hat das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) nach einer öffentlichen Ausschreibung im Oktober 2020 sechs Firmen beauftragt – davon vier aus der Deutschschweiz. Sie weben den Militär-Stoff, behandeln ihn vor, bedrucken und beschichten ihn. Für den Camouflage-Druck ist die E. Schellenberg Textildruck AG in Fehraltorf zuständig, die je nach Gewebeart auch den gesamten Herstellungsprozess vor der Konfektion organisiert.
Insgesamt investiert die Armee 348 Millionen Franken in die Beschaffung der Modularen Bekleidung und Ausrüstung (MBAS). jöm