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Der Guardiola vom Buchholz

Er redet gerne – und überfordert manchmal seine Spieler. So tickt Uster-Trainer Etienne Scholz.

Er verdient sich im FCU seine Sporen ab – und hat Erfolg: Uster-Trainer Etienne Scholz.

Foto: Roger Hofstetter

Der Guardiola vom Buchholz

Uster-Trainer Etienne Scholz

Etienne Scholz will lieber ein junger Trainer als ein alter Spieler sein. Sein Ansatz ist professionell – in Uster scheint das zu funktionieren.

Die Frage drängt sich unweigerlich auf, wenn man Etienne Scholz länger zuhört: Überfordert er seine Spieler nicht manchmal? «Ja, das kann sehr gut sein», sagt er.

Es ist eine der kürzesten Antworten, die der 30-Jährige im über zweistündigen Gespräch in einem Restaurant in Pfäffikon gibt. Und er lässt es nicht bei diesem kurzen Satz bewenden, sondern hängt eine Erklärung an, angereichert mit einem Beispiel aus dem Trainingsbetrieb beim FC Uster.


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Die Frage, ob es in seinem Leben noch etwas anderes gibt als Fussball, erübrigt sich. Scholz hätte wohl noch ganz lange weiterreden können über Spieler, Entwicklung, Trainings und Taktik. «Ich glaube, viel vom Fussball zu verstehen», sagt er. «Was aber noch lange nicht heisst, dass ich es so erklären kann, dass es verständlich auf die Spieler wirkt.»

Es ist eine der spannenden Seiten am Trainerjob für ihn: «Ich will verstehen, wer welcher Lerntyp ist. Die Kunst besteht darin, das herauszufinden.»

Ich nehme Freiheiten weg – und obwohl es taktisch komplizierter ist, macht es das für die Spieler einfacher.

Etienne Scholz

In Uster verstehen sie ihn ganz offensichtlich nicht allzu schlecht. Unter Scholz stieg der FCU nicht nur in die Interregio auf, sondern hielt sich dort in der Debütsaison als Tabellenfünfter sehr respektabel. Sein Erfolgsrezept sind seine klaren Vorgaben. «Ich nehme Freiheiten weg – und obwohl es taktisch komplizierter ist, macht es das für die Spieler einfacher», sagt Scholz. «Jeder weiss in jedem Moment, was er machen muss. Und alle andern wissen es auch.»

Im Spannungsfeld zwischen Spitze und Breite

Für einen Breitensportklub ist das ein professioneller Ansatz, der aber durchaus greift. Philipp Bünter, Leiter Aktive im FCU, sagt: «Man sieht im Training manchmal innert zehn Minuten schon eine Entwicklung.»

Scholz bewegt sich bewusst in diesem Spannungsfeld zwischen Breite und Spitze – auch mit der Fussballschule, die er seit etwas mehr als zwei Jahren hauptberuflich betreibt.

Werbung macht er dafür kaum, und er bietet auch keine Sichtungstrainings an. «Seine» Spieler rekrutiert er selber. Die Zielgruppe: Spieler, die im tieferen Juniorenalter den Sprung in den Spitzenfussball nicht geschafft haben. «Ich will ihnen helfen, dass sie aus dem Breitensport doch noch auf den Spitzenfussball-Zug aufspringen können.» Dass dies gelingen kann, zeigt das Beispiel von Gabriel Selmanaj, der nun von Uster in die U21 des FC Winterthur wechselt.

Etienne Scholz
Klare Vorgaben als Erfolgzrezept: «Jeder weiss in jedem Moment, was er machen muss. Und alle andern wissen es auch», sagt Etienne Scholz.

Dass der Trainer auch eine Fussballschule betreibt, sorgte im FCU auch für Skepsis, wie Bünter bestätigt. «Mit der Zeit verstummten diese Stimmen aber mehrheitlich», sagt er. Und für Scholz selber ist klar: «Wer skeptisch war, hat gesehen, dass keiner eine andere Behandlung erhält von mir, nur weil er in der Fussballschule ist. Eine Stammplatzgarantie hat keiner.» Ausserdem betreibe er die Schule nicht aus Eigennutz – «würde ich es wegen des Geldes machen, würde ich Fussballcamps anbieten», sagt er.

Seine Motivation klingt sehr idealistisch – er sagt, das helfe dem Schweizer Fussball: «In der Schweiz haben wir vergleichsweise wenige Spieler. Die Quote in der Talenterkennung und Förderung muss deshalb so nahe am Maximum sein wie möglich.»

Mit der Profi-Welt hatte er so seine Mühe

Scholz redet wortreich und druckreif, er ist eloquent – und wirkt deshalb so gar nicht wie einer, der aus dem Profifussball stammt und als Trainer dorthin zurück will. Das hat auch mit seinem familiären Hintergrund zu tun: Sein Vater trägt einen Doktortitel und führt mehrere Firmen im sozialen Bereich, seine Mutter ist Sozialtherapeutin. «Ich habe eine sehr gebildete Familie. Mein Vater ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne.» Die Leidenschaft für den Fussball hat er vom Vater, der einst selber in seiner süddeutschen Heimat kickte.

Scholz ist einer, der viel denkt – und grossen Wert auf den sozialen Aspekt legt. «Ich bin mit 25 Menschen in der Garderobe, nicht mit 25 Spielern», sagt er. Das passt nicht unbedingt zum Profifussball. «Ich hatte immer wieder Mühe mit dieser Welt», sagt Scholz denn auch. «Ich hinterfragte Dinge und hatte gleichzeitig Teamkollegen, die extrem im Moment lebten.» Er erzählt eine Episode von einem ehemaligen Teamkollegen, der nun in der Super League spielt: «Ich wusste: Der kann Profi werden, weil er nicht denkt, sondern einfach macht.»

Ich war ein Sechser, der gut ist in der Organisation und in der Rhythmisierung. Aber athletisch höchstens Durchschnitt.

Etienne Scholz

Auch er wurde Profi – doch seine Karriere beschränkt sich auf 55 Spiele mit dem FC Wil in der Challenge League. Keine beeindruckende Ausbeute, wenn man sich seinen Werdegang vor Augen führt. Er begann im Nachwuchs des FC Winterthur, dann folgten Adressen, die eigentlich prominent klingen: FC Basel, Grasshoppers, FC Bayern München. Zu Einsätzen mit den entsprechenden Fanionteams kam Scholz aber nicht. «Ich war ein Sechser, der gut ist in der Organisation und in der Rhythmisierung. Aber athletisch höchstens Durchschnitt», sagt Scholz.

Etienne Scholz
Eloquent und wortreich: Etienne Scholz spricht gerne und viel.

Prägend war vor allem seine Zeit in München. Dort spielte er in der zweiten Mannschaft unter Erik ten Hag, der unterdessen Manchester United trainiert.

Vor allem aber traf er bei den Bayern dank regelmässigen Trainingseinheiten mit der 1. Mannschaft auch auf Pep Guardiola. Es waren wegweisende Begegnungen. «Das hat die Inspiration in mir wachgerüttelt», sagt Scholz. Erst 20-jährig war er damals, aber ihm wurde klar: «Ich will versuchen, Trainer zu werden.» Die Zeit in München habe etwas ausgelöst, «was ich nicht beschreiben kann».

FC Wil statt Spanien

Vielleicht wäre es mit seiner Spielerkarriere anders herausgekommen, wenn er nach seinem Jahr in München nicht zu GC zurückgekehrt wäre, sondern – von Guardiola empfohlen – in die zweithöchste Liga Spaniens gewechselt hätte. Es ergab sich nicht. «Der Fussball wäre für mich dort ideal gewesen», glaubt Scholz.

Aber mit dem Konjunktiv hält er sich nicht auf – ohnehin ist er mehr Realist als Träumer. In Wil realisierte er nach mehreren Verletzungen, dass seine Perspektiven als Spieler wohl nicht über die Challenge League hinausgehen. «Ich bin lieber ein junger Trainer als ein alter Spieler», sagte er sich und begann umzusetzen, was er sich in München vorgenommen hatte.

Er ist sehr weit für sein Alter – fussballerisch, aber auch menschlich.

Philipp Bünter

Leiter Aktive FC Uster

Unterdessen hat Scholz das B-Diplom absolviert und verdient sich in Uster seine Sporen ab. «Etienne ist sehr weit für sein Alter – fussballerisch, aber auch menschlich», sagt FCU-Vorstandsmitglied Bünter.

Er weiss, dass die gemeinsame Zeit nicht endlos ist. Der nächste Schritt wird das A-Diplom sein – und Scholz sagt: «Wenn kein Wunder passiert, bin ich noch zwei Jahre in Uster Trainer.»

Und danach? Ist alles offen. «Ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin», sagt Scholz. «Aber ich kenne mein Limit noch nicht. Das Einzige, was ich weiss: Meine durchschnittliche Athletik spielt nun keine Rolle mehr.»

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