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Politik

Der Gemeinderat Zell machte sie zum Verhandlungstalent

Patricia Heuberger tritt zurück. Fünf Jahre lang hat sie das Bauwesen der Gemeinde Zell mitgeprägt. Doch auch das Amt hinterlässt Spuren.

Nach fünf Jahren verlässt Patricia Heuberger den Zeller Gemeinderat – mit einem gut gefüllten Rucksack.

Foto: Mirjam Müller

Der Gemeinderat Zell machte sie zum Verhandlungstalent

SP-Bauvorsteherin tritt zurück

Nach fünf Jahren als Bauvorsteherin nimmt Patricia Heuberger den Hut – zugunsten eines neuen Jobs. Doch die Zeit in der Zeller Exekutive war für die gebürtige Eggerin weit mehr als ein Intermezzo.

Diesen Herbst, genauer am 18. September, konnte Patricia Heuberger einen Haken hinter ihr wichtigstes Projekt setzen: Mehr als 60 erhobene Hände signalisierten grünes Licht für die neue Bau- und Zonenordnung (BZO).

Doch die Gemeindeversammlung markierte nicht nur das Ende einer fünfjährigen Planungsphase, sondern auch das Ende ihrer ebenso langen Amtszeit. Denn die 43-Jährige tritt per Ende Jahr vorzeitig aus der Zeller Exekutive zurück – aus beruflichen Gründen. Seit vier Monaten ist sie Leiterin des Bereichs Internationale Beziehungen an der School of Engineering der ZHAW.

«Ich war in den letzten Wochen recht wehmütig», räumt die SP-Gemeinderätin ein. Die Koffer sind gepackt, könnte man sagen, und doch liegt neben der noch vollen Kaffeetasse und der Lesebrille eine dicke Mappe mit einem Baugesuch. Warum gehen, wenn es reichlich Arbeit gäbe?

Harte Verhandlungen

Sie habe die neue Stelle nicht aktiv gesucht, sie sei vielmehr an ihr «vorbeigeflogen», betont Heuberger. «Ich war lange im selben Job und habe dank der Funktion im Gemeinderat realisiert, dass ich gerne einen gewissen Einfluss habe.»

Die studierte Geografin stand an einem Scheideweg: Weiterhin Politik machen oder im Beruf aufstocken? «Ich habe den Anspruch an mich selber, die Dossiers wirklich gut zu verstehen. Mit der neuen Stelle müsste ich da Abstriche machen, und ich könnte auch nicht mehr an allen Sitzungen teilnehmen.»

Manche Investoren sind sehr hartnäckig und üben enormen Druck auf Behördenmitglieder aus.

Patricia Heuberger (SP), Gemeinderätin Zell

Die Aufgaben als Gemeinderätin brachten auch einige Herausforderungen. So musste sie lernen, eine Machtposition einnehmen zu können. «Ich war schon immer ein selbstbewusster Mensch», so die gebürtige Eggerin. «Aber hart zu bleiben und auch mal auf den Tisch zu hauen und mich durchzusetzen, da musste ich erst hineinwachsen.»

Harte Verhandlungen mit einflussreichen Akteuren wurden mit der Zeit zur Routine. Mal sassen ihr Vertreter des Kantons gegenüber, weil die Vorprüfung der BZO harzte, mal gewiefte Geschäftsleute mit hohen Renditeerwartungen. «Manche Investoren sind sehr hartnäckig und üben enormen Druck auf Behördenmitglieder aus.»

Die Politikerin, «ihre» BZO, «ihr» Bahnhofplatz

Doch die scheidende Gemeinderätin liess sich nicht beeindrucken, wenn es um «ihre» BZO ging. Denn sie ist Raumplanerin durch und durch. «Schon im Studium fand ich die Thematik interessant und kannte ihre grosse politische Relevanz.» Zehn Jahre später entdeckte sie das Feld erneut für sich, frischte ihr Wissen auf, repetierte Fachbegriffe.

Allein schon deswegen war die BZO-Revision für Heuberger alles andere als eine Pflichtübung. Im Gegenteil: Dass die Gemeinde Zell in Zukunft nach der von ihr geprägten Gesetzesgrundlage baut, erfüllt sie mit Stolz.

Und auch mit dem neu gestalteten Bahnhofplatz in Kollbrunn hat sich Heuberger ein Denkmal gesetzt. «Ich bin heute noch ‹geflasht›, wenn ich auf dem Platz unterwegs bin.» Bereits vor ihrer Wahl in den Gemeinderat, damals noch als Mitglied der Baukommission, befasste sie sich mit dem Projekt und wusste, welche Schrauben sie drehen musste.

Trotzdem wäre das Vorhaben beinahe gescheitert. Im Vorfeld der Abstimmung erntete Heuberger viel Kritik für das Geschäft, die Rechnungsprüfungskommission (RPK) und die Bürgerinnen und Bürger bemängelten die Transparenz bei den geplanten Ausgaben.

Die damals frisch gewählte Gemeinderätin zog die Vorlage zurück, klärte die Bedürfnisse ab und brachte diese detaillierter formuliert zur Abstimmung. «Das war fast schon traumatisch, aber auf jeden Fall ein grosser Lehrblätz für mich», erinnert sie sich.

Ein Stolperer, der sich lohnte, zumal der Souverän das Projekt schliesslich deutlich genehmigte. Dennoch ist ihr bewusst, dass dabei auch Glück eine Rolle spielte. «In meiner Amtszeit standen einige richtungsweisende Projekte und Entscheidungen an, die ich nicht alle vorhergesehen habe.»

Die Rahmenbedingungen für grosse Überbauungen auf weitgehend unbebautem Land zu setzen, wie beim neuen Mofakult-Hauptsitz und beim Metzgerareal, sei dieser Tage eine Seltenheit.

Gemeinderat als Lebensschule

Die Erfahrung mit dem Bahnhofplatz trug ebenfalls dazu bei, dass sie das Amt heute als eine Art Lebensschule begriffen haben will. Das gelernte Verhandlungsgeschick hilft ihr heute im Beruf, etwa beim Besuch von Partneruniversitäten im Ausland und beim Aushandeln von Verträgen. Zentraler Punkt: «Beziehungsarbeit. Und auch das habe ich in Zell gelernt.»

Neben den konkreten Erfahrungen profitierte sie zudem vom Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der SP. Über die Jahre sei die Partei stets eine Stütze gewesen, habe ihr aber nie Vorgaben gemacht. «Das politische Klima ist gut, und es ging nie um Geplänkel zwischen den Parteien, sondern immer um die Sache.»

Patricia Heuberger vor einem Plan.
Nach diesen Plänen wird in den nächsten Jahrzehnten in Zell gebaut – Raumplanerin Heuberger hat massgeblich dazu beigetragen.

Ihr politisches Engagement begleitet sie schon lange, angefangen in ihrer Jugend. Als Studentin demonstrierte sie um die Jahrtausendwende gegen den Irak-Krieg und den befürchteten Bildungsabbau unter dem damaligen CVP-Regierungsrat Ernst Buschor. Und am Gymi präsidierte sie die Schülerorganisation.

Die Laufbahn als Politikerin war aber alles andere als geplant. «Ich wollte nach unserem Zuzug zur Entwicklung der Gemeinde beitragen und die Lücke füllen, die sich mit der Einschulung der Kinder aufgetan hat», sagt Heuberger. Beruflich ging sie relativ früh in die andere Richtung, vertiefte sich in Entwicklungszusammenarbeit.

Die raumplanerische Brille bleibt

Das sei gut so. «Stand heute bezweifle ich, ob ich in eine Legislative hineinpassen würde», so die Gemeinderätin, «auch wenn man mich bei jeder Wahl bittet, mich aufstellen zu lassen.» Die Exekutivarbeit liege ihr mehr als das Diskutieren in Kommissionen, wie das etwa im Kantonsrat üblich sei. Von einer ernsthaften Kandidatur habe sie auch aus familiären Gründen immer abgesehen.

Anders ist das auf Gemeindeebene. «Ich will ein Beispiel dafür sein, dass ein solches Amt eben gut mit dem Familienleben vereinbar ist», betont Heuberger.

Eine Rückkehr in die Politik schliesst sie denn auch nicht kategorisch aus. «Ohne den Jobwechsel hätte es durchaus sein können, dass ich mehr auf das politische Pferd gesetzt hätte.»

Vorläufig tritt aber die Weiterentwicklung im Beruf in den Vordergrund. Auch wenn ein Teil von ihr noch für einige Zeit Bauvorsteherin bleiben dürfte. «Wenn man die Mechanismen dahinter versteht, sieht man ein Dorf anders, wie durch eine Art Brille», sagt Heuberger. «Egal, ob in meinem Heimatort Egg, in Zell oder in den Ferien.»

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