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Politik

Nachruf auf Ernst Homberger

Der Flughafenminister, der beinahe über ein teures Polizeiflugzeug stolperte

Ernst Homberger (FDP) aus Gossau ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Acht Jahre lang sass er im Zürcher Regierungsrat.

Ernst Homberger 1999 während der Flughafendebatte im Kantonsrat.

Foto: Tages-Anzeiger

Der Flughafenminister, der beinahe über ein teures Polizeiflugzeug stolperte

Ernst Homberger (FDP) aus Gossau ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Acht Jahre lang sass er im Zürcher Regierungsrat. Am Ende seiner Politkarriere sagte der Landwirt und Chemie-Manager: «Vermutlich bin ich als Unternehmensleiter besser geeignet.»

Wenn der Slogan «mehr sein als scheinen» auf einen Politiker zutrifft, dann auf Ernst Homberger. Er war ein gescheiter Analytiker, ein gerader Charakter, verstand etwas von Volks- und Landwirtschaft, aber er war ein zurückhaltender Kommunikator und Verkäufer seiner selbst.

Homberger war von 1991 bis 1999 Zürcher Regierungsrat. Und war da die Nummer drei unter den «drei bürgerlichen Hos», weniger glamourös und eloquent als Bundesratssohn Eric Honegger (FDP) und nicht so beliebt und volksverbunden wie der spätere Ständerat Hans Hofmann (SVP).

Landwirt und ETH-Agronom

Ernst Homberger war ein typischer Landregierungsrat, der Scholle und dem Oberland mehr verbunden als dem noblen Zürcher Freisinn. Als Bauernsohn in Gossau geboren, wurde er vom späteren Bundesrat Ernst Brugger (FDP) gefördert, der drei Jahre lang sein Sekundarlehrer war.

Homberger lernte Landwirt und Baumwärter, arbeitete bis 1960 auf dem elterlichen Hof, musste dann aber wegen eines Bandscheibenvorfalls den Beruf wechseln.

Er trat als 23-jähriger Hilfskorrespondent in die Dielsdorfer Pflanzenschutzfirma Maag ein, holte die Matura nach, studierte an der ETH Agronomie, doktorierte und schaffte es bis zum Direktor der international tätigen Maag-Gruppe.

Hombergers politische Karriere war so traditionell, wie sie nur sein konnte: Stimmenzähler, Schulpfleger, Gemeinderat in Bäretswil, Kantonsrat und FDP-Fraktionspräsident.

Als eher farbloser Kantonsrat wurde er 1991 Regierungsrat als Nachfolger von Hans Künzi, dem Vater der Zürcher S-Bahn. Homberger wurde mit dem sechstbesten Resultat gewählt und musste die ungeliebte Polizeidirektion übernehmen. Immerhin schlug er bei dieser Wahl den späteren Bundesrat Ueli Maurer (SVP) und die Grüne Verena Diener.

Als Polizeidirektor machte der ausgemusterte Dragoner, Forscher und Wirtschaftsmann nie einen wirklich glücklichen Eindruck. Seine schlagzeilenträchtigste Tat war die Räumung der Drogenhölle am Letten. Doch die Rolle des Machers überliess er zurückhaltend dem städtischen Polizeivorstand Robert Neukomm (SP).

Die Polizeiaffäre

Nach den Wahlen 1995 durfte Homberger in die Volkswirtschaftsdirektion wechseln, die frisch gewählte Rita Fuhrer (SVP) übernahm nicht ungern Polizei und Armee. Doch da hatte sich Homberger das grösste Problem seiner Karriere bereits eingehandelt.

Ein Polizeihauptmann, Chef der technischen Abteilung, hatte seit Jahren das Korps hochgerüstet, teils unterstützt vom jeweiligen Polizeikommandanten, ohne Kritik oder gar nicht verfolgt vom politischen Vorgesetzten Homberger.

Der Hauptmann war beseelt davon, das technisch am besten bestückte Korps Europas zu haben. Er leaste für zehn Jahre ein zweimotoriges Flugzeug und stopfte es derart mit Elektronik voll, dass es mit vollen Tanks kaum mehr abheben konnte. Das Peilflugzeug hätte illegale Störsender, organisiertes Verbrechen und Drogenkriminalität aufspüren sollen.

Vor Gericht argumentierte der Hauptmann später mit terroristischen Bedrohungen wie von Baader-Meinhof. Kosten für das Peilflugzeug: über sieben Millionen Franken. Einen Verbrecher hatte der fliegende Wachhund nie aufgespürt, aber die regelmässigen Flugstunden waren im Korps sehr begehrt.

Zudem hatte der Hauptmann für über eine halbe Million fotografisches Gerät beschafft und teils seiner Frau zur Verfügung gestellt. Interne Warnungen gingen zwar ein, eine Untersuchung verlief aber im Sand.

Ein Mann mit Gewehr im Anschlag.
Ernst Homberger beim Ratsherrenschiessen.

Die Affäre flog erst im Sommer 1995 auf, Homberger war da seit einem halben Jahr Volkswirtschaftsdirektor. Von «Vetterliwirtschaft», «grossem Bluff» und «Staat im Staat» bei der Polizei war die Rede. Die neue Polizeidirektorin Rita Fuhrer markierte Führungsstärke, suspendierte Polizeikommandant Eugen Thomann – und liess Kollege Homberger ziemlich alt aussehen.

Auf Homberger, zu diesem Zeitpunkt Regierungspräsident, prasselte die ganze Häme ein. Die linke Ratshälfte forderte seinen Rücktritt: Er habe mit seiner mangelnden Informationspolitik das Parlament getäuscht, habe es versäumt, eine Strafanzeige gegen den Hauptmann einzureichen.

Auch Mario Fehr (damals SP), der heutige Nach-Nach-Nachfolger Hombergers als Polizeidirektor, trat kernig auf: Wer politisch handle und dabei auch noch viel Geld verdiene, müsse die Konsequenzen für sein klares Vergehen ziehen.

Doch Homberger blieb im Amt. Er würde heute früher eine Anzeige wegen Korruptionsverdacht einreichen, sagte er später – «mit dem Risiko, einen Unschuldigen zu verdächtigen».

Der Flughafenminister

Seine eher unerfreuliche Zeit als Regierungsrat war damit aber noch nicht vorbei. 1996 verlegte die Swissair ihre Langstreckenflüge von Genf nach Kloten. Es kam in der Einflugschneise in Glattbrugg zur ersten grossen Demonstration. Fluglärm und Flughafenausbau wurden zum heissen Thema, Flughafenminister Homberger brauchte bei öffentlichen Auftritten Polizeischutz.

Vier Männer mit Blumen.
Ernst Homberger (ganz rechts) beim Abschied von seinem Regierungsratsamt. Neben ihm (von links) Hans Hofmann, Eric Honegger und Kurt Schellenberg (Kantonsratspräsident).

Homberger trat 1999, erst 61-jährig, zur Wiederwahl nicht mehr an. «Vermutlich bin ich als Unternehmensleiter besser geeignet denn als wortreicher Politiker», so seine eigene Bilanz.

«Er politisiert ohne Ellenbogeneinsatz und ohne falschen Ehrgeiz», fasste FDP-Kollegin Vreni Spoerry Hombergers Stil einmal treffend zusammen. Homberger amtete nach seinem Rückzug aus dem Regierungsrat noch acht Jahre als Verwaltungsratspräsident der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich.

Er sass zudem von Mai 1999 bis Mai 2008 im Verwaltungsrat der Zürcher Oberland Medien AG. Ab 2002 amtete er als Vizepräsident des Verwaltungsrats.

Seit seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit war es ihm vergönnt, im schönen elterlichen Haus in Gossau den grossen Garten zu geniessen und seine Hektare Wald zu pflegen – also seine ganze Kompetenz als studierter Pflanzenschützer und gelernter Baumwart anzuwenden. Homberger ist am Freitag im Alter von 88 Jahren verstorben.

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