Der Delfinforscher, der eigentlich Krebs heilen wollte
Tösstaler Wissenschaftler im Porträt
Seit über 25 Jahren beobachtet und erforscht Michael Krützen aus Kollbrunn in Australien Delfine. Dabei hätte seine Karriere beinahe einen ganz anderen Lauf genommen.
Man kennt sie als liebenswürdige Meeresbewohner aus Filmen und Serien, liebt ihr freundliches Lächeln, die Art, wie sie aus dem Wasser springen. Oder etwa die klickernden Laute, die sie von sich geben. Delfine.
Dabei entpuppt sich so einiges, was wir über sie zu wissen glauben, als Mythos, wie sich an diesem Beispiel zeigt: «Geräusche, wie man sie etwa aus der Serie ‹Flipper› kennt, würden Delfine so nie machen.»
Das sagt Michael Krützen kurz nach der Begrüssung in seinem Büro am Campus Irchel. Er trägt Sweatjacke und Jeans, wirkt dabei nicht wie ein typischer Professor.
Doch er muss es wissen. Seit mehr als 25 Jahren erforscht der Kollbrunner Delfine in der Shark Bay an der Westküste Australiens. Der 54-Jährige ist Professor für evolutionäre Anthropologie, an der Uni Zürich leitet er selbiges Institut.
Dieses hat zuletzt vor fünf Jahren Schlagzeilen gemacht, als die Forscher eine neue Orang-Utan-Art entdeckten. Krützen gesteht: «Meine Liebe gilt aber vor allem den Delfinen.»
Anthropologie ist die Wissenschaft des Menschen. «Es geht darum, zu verstehen, warum wir so sind, wie wir sind», sagt Michael Krützen. Während sich die ursprüngliche Anthropologie auf Primaten konzentrierte, ist die Disziplin heute wesentlich breiter aufgestellt.
Aus den Gemeinsamkeiten mit anderen Arten sollen die Unterschiede abgeleitet werden, die zur menschlichen Weiterentwicklung geführt haben könnten. Michael Krützens Institut erforscht deshalb nicht nur Menschenaffen wie Orang-Utans, sondern eben auch Delfine. (nos)
Viele vermeintliche Fakten über die Meeressäuger, wie sie in den Medien immer wieder die Runde machen, erweisen sich als übertrieben oder verdreht. «Weil wir dazu neigen, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben», erklärt Krützen.
Delfinische Männerfreundschaften
Dadurch entstehen etwa Boulevard-Schlagzeilen wie «Delfine kiffen Kugelfische». «Dabei wissen wir einzig, dass die Delfine die Kugelfische in den Mund nehmen», so der Forscher. «Ob die Gifte in deren Körper die Meeressäuger tatsächlich berauschen, ist nicht belegt.»
Was die Forschung an der australischen Westküste dagegen hinreichend belegt hat, ist etwa das auffällige Sozialverhalten der Delfinmännchen, zum Beispiel beim Paarungsverhalten. Krützen klärt auf: «Die männlichen Tiere arbeiten zusammen, um Weibchen von den Gruppen zu trennen und sich anschliessend der Reihe nach mit ihnen zu paaren.»
Aus evolutionärer Sicht sei das einzigartig, da ein Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre trächtig werden könne von einem Männchen. Die Bullen gewinnen also nichts, wenn sie zusammenarbeiten, anstatt sich zu konkurrenzieren. «Es sei denn, die Tiere sind verwandt, teilen sich also einen Anteil der Gene.» Aus evolutionärer Sicht gehe es nämlich stets nur darum, das eigene Erbmaterial weiterzugeben.
Den wahren Grund kennt Krützens Team nach 20 Jahren Forschung: Freundschaft. «Einmal ausgewachsen, bleiben die Männchen ein leben Lang miteinander befreundet.» Ein Verhalten, das man bisher nur vom Menschen kannte.
Die männlichen Delfine tauschen also Gefälligkeiten aus. «Das half uns zu verstehen, warum Delfine im Vergleich zu ihrer Körpergrösse so grosse Gehirne haben. Schliesslich müssen sie sich an die Begegnungen mit anderen Männchen erinnern können», erklärt Krützen.
Für die Delfine schlug er einen Job aus
Erste Belege dafür, dass Delfine nicht der Familie wegen zusammenspannen, fand der Forscher bereits Ende der 1990er Jahre in seiner Doktorarbeit.
Dabei hätte für den gebürtigen Deutschen alles ganz anders laufen können. Ursprünglich studierte er Biologie in Bonn. «Eigentlich wollte ich Krebs erforschen und helfen, ihn zu heilen. Nach Australien verschlug es mich eigentlich nur, weil ich mein Englisch aufbessern wollte.»
Ein Praktikum an der Universität New South Wales in Sydney entpuppte sich als Einfallstor in die Delfinforschung – notabene erst, als Krützen bereits einen Job in einer Gruppe für Krebsforschung am Unispital Köln hatte. «Um drei Uhr morgens rief mich mein damaliger Betreuer an und machte mir ein Angebot für ein Masterprojekt», erinnert sich der Professor.
Fortan erforschte er die Genetik der Meeressäuger anhand von deren Gewebe. Bis er lebende Delfine zu Gesicht bekommen würde, sollte es aber noch bis zum Ende der Arbeit dauern. «Mein Betreuer bot mir die Chance, mit ihm raus aufs Meer zu fahren, und die Delfine kamen dicht ans Boot heran.»
Ein Freundebuch für Meeressäuger
Ein prägendes Erlebnis, auf das ein Angebot für eine Doktoratsstelle folgte. «Wie schon beim Masterstudium sagte ich mir: ‹Wenn du diese Chance nicht annimmst, wirst du es dein Leben lang bereuen.›»
Also nahm er an. Und das, obwohl er damals im Grunde nur noch eines wollte: nach Hause. «Da war grad Schluss mit meiner australischen Freundin, und das Heimweh plagte mich.» Gut zehn Jahre lang blieb Krützen schliesslich in Australien, um zu forschen.
Die Rückenflosse ist bei jedem Delfin einzigartig, wie ein Fingerabdruck bei einem Menschen.
Michael Krützen
Delfinforscher aus Kollbrunn
Die Forschung passiert dabei grösstenteils an der Meeresoberfläche und nicht im Wasser. «Unter Wasser ist die Sicht schlecht, und die Delfine würden entwischen, bevor man sie beobachten könnte», erklärt Krützen.
Hauptinstrument der Forscher ist die Kamera, in deren Visier stets die Rückenflosse der Tiere ist. «Sie ist bei jedem Delfin einzigartig, wie ein Fingerabdruck.» Ebenfalls einzigartig: Die Delfine sind ortstreu, bewegen sich also stets im gleichen Revier, das ungefähr 100 Quadratkilometer gross ist.
«So wissen wir von jedem Tier, wann es geboren ist, wo es sich bewegt und wer seine Freunde sind», so Krützen. Seit 1982, dem Gründungsjahr der Shark Bay Dolphin Research, haben die Wissenschaftler 35’000 Einträge von Delfinen gesammelt.
Klimawandel setzt den Tieren zu
Diese Grundlage erlaubt gross angelegte Forschungsprojekte, die etwa die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Lebewesen zeigen können. So etwa im Jahr 2011, als eine Hitzewelle die Wassertemperatur stark erhöhte und das wichtige Seegras in Mitleidenschaft zog.
Das Video zeigt, wie die Studierenden der Uni Zürich in Shark Bay Delfine beobachten. Schnitt: Simon Grässle
Mit dramatischen Folgen: «Die Sterblichkeit der Delfine ging hoch, die Geburtenzahlen sanken, und die Haie erbeuteten mehr Delfine», sagt Krützen.
Bleibt die Frage, warum Delfinpopulationen einen Anthropologen überhaupt interessieren – wo doch klar ist, dass Menschen und Delfine nicht miteinander verwandt sind.
Krützen erklärt es so: «Erst wenn wir wissen, was die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und anderen Arten sind, können wir anfangen zu erklären, woher die grossen Unterschiede kommen, die es gibt.»
Ein bodenständiger Professor
Grosse Gemeinsamkeiten fand Krützens Team auch beim Thema Kultur – demnach nutzen Delfine Schwämme als Werkzeuge und geben bestimmte Techniken untereinander weiter. «Eine solche materielle Kultur im marinen Bereich zu finden, war sehr ungewöhnlich.» Eine Pionierleistung von Krützens Arbeitsgruppe.
Trotz den ganzen Funden bleibt der Wissenschaftler am Boden. «Ich habe mir nie etwas auf die Wissenschaft eingebildet», betont Krützen. Vielmehr sei er dankbar für die Chancen, die er erhalten habe. Es sei wichtig zu betonen, dass auch Forscher in erster Linie normale Menschen seien.

Krützen schätzt den Austausch mit ihnen – etwa in Kollbrunn, wo er dank der Nähe zum Arbeitsort hinzog, im Plausch-Fussballteam mit seinem Nachbarn und Kollegen oder in der Schulpflege Zell, deren Vizepräsident er ist.
Elitäres Auftreten und akademische Titel sind ihm weniger wichtig, wie er mit einem Schmunzeln verrät: «Den Professorentitel verwende ich nur, wenn ich zur Bank oder zum Arzt gehe, alle anderen müssen das nicht wissen.»
Delfinforscher im Fernsehen
Am Donnerstag, 21. Dezember und zwei Wochen später, am 4. Januar 2024, strahlt SRF 1 eine zweiteilige Einstein-Sendung zur Delfinforschung von Michael Krützen in Shark Bay aus. Die Sendung beginnt jeweils um 21.05 Uhr.