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Gesellschaft

Der 1. August ohne Lärm: Hundebesitzer zog es nach Bubikon

Bubikon war Pionier und feierte diesen 1. August als erste Gemeinde ohne lärmendes Feuerwerk. Hundebesitzer freute es. Jugendliche fanden es schade.

Finnische Kerzen und leise Vulkane anstelle von lautem Feuerwerk. Ob das allen gefällt?

Foto: Eleanor Rutman

Der 1. August ohne Lärm: Hundebesitzer zog es nach Bubikon

Unterwegs in Bubikon

Bubikon ist Vorreiter des Feuerwerksverbots im Kanton: ein Besuch bei der Initiantin, bei der Dorfjugend und auf dem offiziellen Festgelände.

1. August, halb acht Uhr abends, im Zentrum von Bubikon: Totenstille. Nur Paul Nauer ist mit Hündin Ashley unterwegs. Er sucht eine Beiz. Doch hier sind alle Restaurants zu. Nauer ist aus Weesen SG nach Bubikon gefahren. «Als ich erfuhr, dass dieses Jahr in Bubikon ein Verbot für lärmende Knallkörper herrscht, bin ich kurzerhand ins Auto gestiegen.» Sonst habe er oft den Weg nach Österreich auf sich genommen.

Nauer empfindet Feuerwerk als unnötig. «Klar, es ist schön anzuschauen, aber ich sehe auch, wie schlecht es meinem Vierbeiner bei dem Lärm geht.» Ein Hund hört fünfmal besser als ein Mensch. Er kann Schallwellen bis zu einer Frequenz von etwa 100’000 Hertz wahrnehmen. Der Mensch nimmt diese dagegen nur bis zu rund 20’000 Hertz wahr.

Paul Nauer steht mit einem weissen Hund auf einer Strasse in Bubikons Zentrum.
Paul Nauer mit Hündin Ashley hat den Weg von Weesen nach Bubikon auf sich genommen.

Das war auch der zündende Gedanke der Initiantin für das Feuerwerksverbot in Bubikon-Wolfhausen. «Ich empfand es als lästig, am 1. August wegen meines Hunds wegfahren zu müssen», sagt Judith Bucher. Jetzt kann sie den 1. August mit ihrer Hündin Gesa zum ersten Mal zu Hause geniessen. «Früher habe ich mich jeweils im ‹Radisson Blu› verschanzt, das ist schallisoliert.» Im Hotel am Flughafen seien jeweils über 100 Hundebesitzerinnen und -besitzer zusammengekommen.

Manchmal sei sie auch nach Davos gefahren. Denn dort ist die Idee nicht neu. Schon seit 2020 gilt dort ein Knallverbot. Davos war der Vorreiter, weitere folgten: von Albula bis Zuoz. «Mittlerweile gilt das Feuerwerksverbot schon in einem Drittel aller Bündner Gemeinden.»

Lausbubenstreiche vor der Haustür der Initiantin

Doch so ganz entspannt ist Bucher an diesem Abend nicht. Denn nicht alle Bubiker sind glücklich über das Feuerwerksverbot. «Letzte Nacht um eins hörte ich direkt vor meinem Haus einen lauten Knall.»

Als sie rausging, fand sie die Überreste eines Flashing-Thunder-Böllers vor ihrer Garage. «Es war heiss, meine Fenster waren geöffnet, zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.» Da gebe es Leute, die sie ärgern wollten. Sie will so bald wie möglich bei der Polizei in Rüti eine Anzeige erstatten.

In ihrem Wohnzimmer ist es vor der Dämmerung noch relativ ruhig, entfernt sind einige Böllerschüsse zu hören. Ihr Haus liegt nahe an der Grenze zu Hombrechtikon. Der Lärm könnte auch von dort stammen, denn in Hombrechtikon ist lautes Feuerwerk noch erlaubt.

Wie lange, ist ungewiss, denn auch dort läuft eine Initiative, eingereicht von Buchers Nachbarin Heidi Alder. «Die Initiative wird im Herbst zur Abstimmung kommen.» Alder hat einen Hof, und ihr liegt das Wohl der Kühe am Herzen. «Wir hoffen auf viele Nachahmer», so Bucher. Auch in Oetwil am See ist schon eine Initiative auf dem Weg.

Mit Polizei gedroht

Plötzlich knallt es vor dem Haus. Bucher rennt auf den Balkon und ruft in Richtung des Feldwegs: «Die Polizei ist schon unterwegs!» In grosser Entfernung kann man zwei weiss gekleidete Jugendliche ausmachen, die um die Ecke sprinten. Bucher schmunzelt: «Jetzt haben sie sich auch noch verraten.»

Langsam dunkelt es ein. Jugendliche halten sich wirklich an den Grenzgebieten zu Bubikon-Wolfhausen auf. Ganz in der Nähe von Buchers Haus, auf der Strasse von Wolfhausen nach Hombrechtikon, befinden sich sieben Jungs auf dem Trottoir. Sie möchten lieber nicht fotografiert werden. «Wir haben Böller dabei und gehen jetzt einfach nach Hombrechtikon», sagen sie.

Macht Lärm einfach Freude?

Der Wunsch, Feuerwerk zu zünden, scheint irgendwo tief in der menschlichen DNA verankert zu sein. Auf dem Festgelände des Geissbergsaals in Wolfhausen steht Andreas Hindermann hinter dem Tresen. Er zünde schon gerne Feuerwerk, gibt er zu. «Ich habe Freude, wenn es so richtig knallt.» Er verstehe, dass Tierfreunde sich sorgten, dennoch finde er: «Ein Tier muss ja auch mit einer Naturgewalt wie einem lauten Sommergewitter klarkommen.» Das sei etwa gleich viel Lärm.

Auch Philip Koch, sein Kollege am Tresen, sagt etwas wehmütig: «Jetzt ist das Verbot halt da.» Das müsse man nun akzeptieren. Der 25-Jährige sagt, er habe früher oft viel Taschengeld für Feuerwerk ausgegeben. «Böller habe ich jedoch nie gekauft.» Er möge dasjenige Feuerwerk, das auch dem Auge etwas biete, nicht nur dem Ohr.

Statt des nun zum ersten Mal verbotenen Feuerwerks gibt es in der Gemeinde nun genau das: eine Feuershow fürs Auge. Mirjam Bachmann aus Hittnau wartet mit Vorfreude darauf. Auch sie hat ihren kleinen Vierbeiner dabei. «Den Hund hätte ich zu Hause gelassen, wenn man hier lärmendes Feuerwerk gezündet hätte.» Sie stammt ursprünglich aus Bubikon. «Tatsächlich habe ich erst von der Initiative erfahren, als ich das Festprogramm gelesen habe.»

Ein 1. August ohne Kracher und Böller

Am 12. Juni hatte die Gemeindeversammlung die Initiative für ein Verbot von lärmendem Feuerwerk gutgeheissen. «Das Abbrennen von lärmendem Feuerwerk ist ab sofort in Bubikon-Wolfhausen ganzjährig verboten», stand auf den Flyern, welche die Gemeinde vorgängig zu den Feierlichkeiten an alle Haushalte verteilt hatte. Auch Plakate an allen Ortseingängen empfingen Besucherinnen und Besucher mit den Worten: «Feiern statt feuern». Damit ist Bubikon Pionier in der Region und im Kanton Zürich.

Bachmann gefällt ästhetisches Feuerwerk, jedoch nicht, wenn es über mehrere Tage hinweg «tätscht». «Für mich wäre es auch okay, wenn man sagte: Von zehn bis elf Uhr abends ist es laut, und danach ist es wieder vorbei.» Vor allem, weil man als Hundebesitzerin auch irgendwann mit dem Tier Gassi gehen müsse.

Impressionen vom 1. August in Bubikon-Wolfhausen
Mirjam Bachmann freut sich über die ruhige Feier.

Die anschliessende Feuershow verzaubert Jung und Alt. Viele Familien mit kleinen Kindern sowie Seniorinnen und Senioren geniessen das Spektakel. Mit Seifenblasen und lodernden Flammen zeigt das Duo Herzfeuer wilde Kunststücke, die beiden Darsteller legen sich unter anderem auch einen Hula-Hoop-Reifen um den Hals. Ein kleiner Junge ruft mehrmals: «Mann, ist das geil.»

Nur die – vor allem männlichen – Teenager fehlen im Publikum. Nach der Vorstellung sind entfernt Knaller zu hören. Ob sich alle auch nach der Dämmerung an das Verbot halten? Fest steht: Auf dem Rückweg von Bubikon über Herschmettlen sind dort – auf dem angrenzenden Gebiet – sofort farbige Feuerbälle am Horizont auszumachen.

Die Polizei rückte nur einmal aus

«Die Gemeinde Bubikon setzte bei der Umsetzung des Verbots vor allem auf vorgängige Information und soziale Kontrolle», erklärt René Baumann nach den Feierlichkeiten. Der Abteilungsleiter Gesellschaft sagt, man habe sich inspirieren lassen von den Bündner Gemeinden.

Die Kantonspolizei musste laut Angabe von Mediensprecher Ralph Hirt nur einmal ausrücken. «Zwischen neun und zehn Uhr ist bei uns eine Meldung aus Wolfhausen eingegangen.» Es seien Böller auf öffentlichem Grund gezündet worden. Die Polizei sei zeitnah eingetroffen, habe jedoch niemanden mehr vorgefunden.

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