Dem Grossprojekt der SBB bei Effretikon stehen invasive Ameisen im Weg
Tapinoma-Ameisen in Winterthur
Vor ihrem Milliardenausbau «Mehrspur» müssen die SBB eine unerwünschte Ameisenart loswerden. Doch das Gift gegen die Krabbeltiere ist umstritten.
Das Mega-Ausbauprojekt «Mehrspur» der SBB hat ein im Grössenvergleich winziges Problemchen: Ameisen. Doch keine gewöhnlichen. Es ist die Art Tapinoma magnum, veraltet auch Tapinoma nigerrimum genannt. Sie stammt aus dem Mittelmeerraum und ist für Menschen ungefährlich, gilt in der Schweiz aber als invasiv: Sie kann einheimische Ameisen verdrängen und Gebäude beschädigen. In Deutschland sorgte sie letztes Jahr gar für Strom-und Internetausfälle.
Eingeschleppt werden die Tiere wahrscheinlich über die Erde importierter Zierpflanzen. Im Kanton Zürich sind etwa Oetwil an der Limmat und seit Kurzem auch Oberengstringen betroffen. In Winterthur haben die Ameisen spätestens 2023 grosse Teile des Lagerplatzes entlang der Gleise und ein Gebiet beim Bahnhof Töss erobert.

Somit krabbeln sie ausgerechnet dort, wo die SBB die Unterquerung Storchen bauen wollen: Der kurze Tunnel ist Teil des rund 2,9 Milliarden Franken teuren Bahnausbaus «Mehrspur», der mit dem Brüttener Tunnel den Engpass bei Effretikon entschärfen soll. Das Bewilligungsverfahren läuft noch.
Aktuell bekämpfen die SBB die Tapinoma-Ameise mit einer Offensive. Da sie im Projektperimeter vorkomme, entferne man sie vor Baubeginn, schreibt Mediensprecher Reto Schärli: «So können wir verhindern, dass sie sich durch die Bauarbeiten und den Bodenabtrag weiter ausbreitet.» Die Bekämpfung sei mit Stadt und Kanton abgestimmt, einen gesetzlichen Auftrag gebe es aber nicht.

Dies bestätigt Katharina Weber, Sprecherin des Kantons. Man habe den SBB, der Stadt und zwei betroffenen Grundeigentümern aber «dringend empfohlen», die Ameisen zu bekämpfen. Die befallene Fläche sei rund 7,4 Hektaren gross – etwa zehn Fussballfelder. «Es gilt, die weitere Verschleppung zu verhindern. Zudem können die Tiere sehr lästig werden, da sie in grosser Zahl auftreten», so Weber.
Denn diese Ameisen bilden mehrere Kolonien mit vielen Königinnen, die miteinander kommunizieren, statt Reviere abzustecken. So können Superkolonien mit Millionen von Ameisen entstehen, was die Bekämpfung schwierig macht – wie beim Fall in Deutschland.
Schon der zweite Befall in Winterthur
Doch eine Tilgung ist möglich, wie der ersten Ameisenbefall in Winterthur zeigte: 2023 war ein Teil eines Wohngebiets in Seen betroffen. Der Kanton empfahl eine Bekämpfung, der Stadtrat sprach einen Kredit von 50’000 Franken, und der Befall konnte eliminiert werden.
Nur wenige Monate danach wurde der aktuelle Befall beim Winterthurer Hauptbahnhof entdeckt. Dort empfahl der Kanton aber vorerst keine Bekämpfung. Der Grund: «Mitten im Stadtzentrum ist die Biodiversität eher gering, und es gibt keine ökologisch wertvollen Lebensräume in der Nähe, welche die Ameisen aus eigener Kraft erreichen könnten. In Seen gab es diese Wahrscheinlichkeit», sagte Katharina Weber vom Kanton damals.
Ein umstrittenes Gift
Für die Anti-Ameisen-Aktion haben die SBB dieselbe Firma beauftragt, die in Seen im Einsatz stand: die Insekta Schädlingstechnik GmbH. Laut SBB-Sprecher Reto Schärli fanden bereits Einsätze statt. Die Kosten tragen die SBB, Schärli will sie nicht beziffern.
Schädlingsbekämpfer Thomas Iseli bestätigt, dass er gegen die Tiere unter anderem erneut einen Frassgelköder einsetzt, der «in kleiner Dosierung» den Wirkstoff Imidacloprid enthalte. Dieser ist in der Schweiz für die Landwirtschaft verboten – wegen der potenziellen Gefahr für Bestäuber, etwa Bienen. Entsprechende Produkte dürfen seit 2022 nicht mehr verkauft werden. Für professionelle Schädlingsbekämpfung sind sie aber zugelassen.

Der Winterthurer Jurist und Chemiker Hans Maurer, der auf Pestizidfragen spezialisiert ist, sieht den Einsatz von Imidacloprid kritisch. «Es ist ein Breitband-Insektengift. Neben den Ameisen tötet oder gefährdet es viel weiteres Leben, gerade Bienen.» Da im Gleisfeld aber sowieso wenig lebe, sei das Hauptproblem dort ein anderes: «Der Stoff kann mit dem Regen ins Grundwasser gelangen. Dort tötet er Grundwassertierchen, die wichtig für dessen Selbstreinigung sind. Zudem bildet er Abbauprodukte, die mit dem Grundwasserstrom ins Trinkwasser gelangen können.» Er sehe für die SBB deshalb ein hohes Haftungsrisiko, so Maurer.
«Sonst breiten sie sich auf die ganze Stadt aus»
Für Schädlingsbekämpfer Thomas Iseli ist solche Kritik nicht neu. «Viele Menschen sehen es nicht gern, wenn wir Pestizide in der Natur einsetzen.» Das Mittel sei aber legal – für Fachleute, wie Iseli betont. «Wir wissen, wo und wie man es gezielt und sicher einsetzt. Es macht immer die Menge das Gift.» Auch gebe es schlicht keine Alternative: «Wenn wir uns jetzt nicht reinknien, breiten sich die Ameisen auf die ganze Stadt aus.»
In einem sind sich Maurer und Iseli aber einig: Um das Problem mit den Tapinoma-Ameisen nicht zu verschlimmern, sollte man importierte Pflanzen von der Einkaufsliste streichen.