Das Ustermer Tätowiererpaar
Hochkonzentriert beugt sich Simone Ruchti über den Oberarm des jungen Mannes, der vor ihr auf einer Liege liegt. Die Tätowiernadel summt regelmässig. Die 38-Jährige sticht Linien, feine und dicke, sie schattiert, malt Flächen aus. Immer wieder wischt sie mit Haushaltpapier Tinte und Blut von der Haut. «Mein Job ist absolut genial», sagt sie. «Ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen.» Es sei faszinierend, was man auf Haut alles machen könne. «Das flasht mich nach all den Jahren immer noch.»
Sie dürfe hingegen nicht daran denken, dass sie jetzt gerade jemandem Schmerzen zufüge. «Ich konzentriere mich nur auf das Kunstwerk, das hier gerade entsteht.»
«Ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen.»
Simone Ruchti, Tätowiererin
Simone Ruchti betreibt mit ihrem Mann Philipp Hermann seit sieben Jahren das Tätowierstudio Good Day in Uster. Er, ursprünglich ein Deutscher, hatte eine Lehre als Zimmermann gemacht und daraufhin eine Fachhochschule für Gestaltungstechnik besucht. Ruchti lernte Schriften- und Reklamenmalerin und arbeitete zehn Jahre in einer Eventfirma.
Mitschüler und Tische bemalt
Beide seien sie schon früh von Tattoos fasziniert gewesen. «Schon als Fünfjähriger pflasterte ich mich mit Abziehbildchen zu», sagt Philipp Hermann. «Und in der Primarschule wurde ich bereits in der ersten Klasse verwarnt, weil ich meine Mitschüler und auch die Tische bemalte.»
Mit 15 liess er sich sein erstes Tattoo stechen, heute ist er von Kopf bis Fuss fast vollständig tätowiert. «Das Beste daran finde ich, dass man es sich verdienen muss», sagt der 33-Jährige. «Es ist nicht wie eine Hose, die man einfach im Laden kaufen kann. Man muss seinen Teil dazu beitragen, muss Schmerz ertragen und Zeit investieren.»
«Schon als Fünfjähriger pflasterte ich mich mit Abziehbildchen zu.»
Philipp Hermann, Tätowierer
Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit, seien Tattoos etwas, das Bestand habe, sagt seine Frau. «Das kann einem niemand mehr nehmen.» Genau diese Endgültigkeit macht vielen Angst. Manche bereuen eines Tages, was sie sich stechen liessen und lassen es sich schmerzhaft und teuer weglasern.
«Das passiert, wenn man zu einem schlechten Tätowierer geht», sagt Simone Ruchti. «Ein wirklich gut gestochenes Tattoo an der richtigen Stelle bereut man nicht.» Stechen tun die beiden aber längst nicht alles. Von auffälligen Tattoos im Gesicht oder dem Stechen des Namens des Partners raten sie immer mal wieder ab.
Das Tätowiererpaar habe sich nie von seinem Körperschmuck befreien wollen. «Mit der Zeit werden die Tattoos vom Körper. Wie ein Muttermal sind sie einfach da», sagt die gebürtige Ustermerin. Als sie ihre Körperkunst bei einer Hausbewerbung einmal mit Camouflage überdeckten, seien sie sich seltsam vorgekommen.
«Das war ein völlig schräges Gefühl, wie wenn etwas fehlt.» Trotzdem gefalle es ihr nicht immer, aufzufallen. «Wenn mich jemand das erste Mal im kurzärmligen T-Shirt sieht und grosse Augen macht, ist mir das unangenehm.»
Es sei eben immer noch so, dass man stark tätowierten Menschen mit Vorurteilen begegne – wenn auch nicht mehr so schlimm, wie vor zehn Jahren. «Manche haben das Gefühl, wenn man so rumläuft, bewege man sich am Rande der Gesellschaft», sagt Philipp Hermann. Dabei seien sie eine ziemlich normale Familie, mit mittlerweile drei Kindern und einem Haus in Hittnau. In ihrer Freizeit besuchen sie Festivals, biken und gehen fischen.
«Wenn mich jemand das erste Mal im kurzärmligen T-Shirt sieht und grosse Augen macht, ist mir das unangenehm.»
Simone Ruchti, Tätowiererin
Ihr gäben die Tattoos ein Gefühl von Stärke und Selbstvertrauen, sagt Simone Ruchti. Das beobachte sie auch bei manchen Kunden. «Wir tätowieren beispielsweise manchmal Menschen mit Beeinträchtigung. Auch wenn sie nur etwas Klitzekleines stechen liessen, fühlen sie sich einen Kopf grösser, wenn sie hier rauslaufen. Das ist schön zu sehen.»
Sie, die gut zeichnen konnte, habe schon immer tätowieren wollen. «Für mich war das aber ein typischer Männerberuf, sagt sie. «Ich dachte, das könne ich nie.» Ein guter Freund habe ihr dann einfach eine Tätowiermaschine zum Geburtstag geschenkt. «So fing ich 2007 an, zu Hause. Meine Freunde hielten hin, zudem übte ich auf Schweineschwarten, die ich beim Metzger holte.» Philipp Hermann konnte nach seiner Erstausbildung eine Lehre bei einem Tätowierer in Deutschland machen, vier Jahre lang.
«Manche haben das Gefühl, wenn man so rumläuft, habe man kein Geld und nehme Drogen.»
Philipp Hermann, Tätowierer
Kennengelernt hat sich das Paar auf MySpace, einer Künstlerplattform. «Philipp schrieb mich an und frage mich, ob er als Gasttätowierer in die Schweiz kommen kann», erinnert sich Simone Ruchti. «Ich lehnte ab. Aber er kam einfach. Und dann kam er immer wieder.» Zuerst hätten sie nur ein kollegiales Verhältnis gepflegt, an ihrem 30. Geburtstag seien sie dann zusammengekommen. «Er war so lustig», sagt sie. «Ich habe mich in seinen Humor verliebt.»
Im April 2011 eröffneten sie ihr eigenes Tattoostudio in Uster, zuerst an der Freiestrasse, seit 2016 sind sie an der Bankstrasse. Im Studio arbeiten ausser ihnen noch zwei freischaffende Tätowierer. Erst kürzlich wurden sie vom kantonalen Lebensmittelamt auf die neusten Hygienevorschriften geprüft, das Studio trägt seitdem ein Qualitätslabel.
Zu den Farben gebe es in der Schweiz ebenfalls ganz klare Angaben, was erlaubt sei und was nicht. «Das ist alles voll kontrolliert. Etwas anderes wird bei uns nicht verwendet», sagt Philipp Hermann. Was nicht überall so sei: «Die Kontrolleure kommen nur in Studios, die angeschrieben sind. Aber es gibt sehr viele Hinterhoftätowierer.» Die Zahl der Tätowierer in der Schweiz habe sich in den letzten Jahren verzehnfacht.
«Es gibt sehr viele Hinterhoftätowierer.»
Philipp Hermann, Tätowierer
Deshalb wird auch ihr Tattoostudio nicht überrannt, obwohl sie weit herum einen guten Ruf geniessen, erzählt er. «Die Leute schauen nicht genau hin und lassen sich von einem günstigen Preis blenden.» Immer wieder kämen dann Kunden zu ihnen, um zu korrigieren, was jemand anders verstochen hat. «Wir haben schon alles gesehen. Verwackelte Linien, unsaubere und völlig lieblose Arbeiten.»
Bei ihnen sei jedes Tattoo ein Einzelstück und jeder Tätowierer habe seinen eigenen Stil. «Am liebsten erarbeiten wir zusammen mit dem Kunden etwas», sagt Simone Ruchti. «Wir schauen, wie ein Bild auf der Haut aussieht und wo es hinpasst.» Es lohne sich, sich dafür Zeit zu nehmen und auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. «Schliesslich soll man ein Leben lang daran Freude haben.»
Am 27. Oktober findet bei Good Day Tattoo an der Bankstrasse 36 ab 12 Uhr ein Walk-In zum Thema Halloween statt. Ohne vorherige Reservierung kann man sich vor Ort ein kleines Motiv aussuchen und stechen lassen.