Das Ustermer Riesentalent von einst und sein folgenschwerer Schritt
Seit 2018 startete Josif Miladinov für den Schwimmclub Uster. Nun ist er seinem Rausschmiss zuvorgekommen. Was ist passiert?
Er sorgte für Aufsehen. Im Sommer 2018 stiess Josif Miladinov zum SC Uster. Als die bulgarische Familie aus Deutschland in die Schweiz zog, war Uster der Klub der Wahl für den jugendlichen Schwimmer. Gerard Moerland, damals SCU-Headcoach, schwärmte und sprach vom «grössten männlichen Talent, das mir je begegnet ist».
2019 gewann Miladinov als 16-Jähriger und damit Jüngster im Feld an der Junioren-EM Silber über 100 m Delfin. Und Moerland wies darauf hin, dass Miladinov schneller sei, als es Michael Phelps im selben Alter war. Der ist 23-facher Olympiasieger – und das ist ein Rekord, der noch lange bestehen bleiben dürfte.
Unterdessen ist Miladinov 22 Jahre alt und zweifacher Olympiateilnehmer. In Tokyo 2021 schwamm er über 100 m Delfin in den Final und wurde Achter. In Paris letztes Jahr landete er auf dem 17. Rang. Sein Palmares darüber hinaus: EM-Silber auf der Langbahn 2020. Dazu bei den Junioren: zweimal Gold und einmal Silber an Europameisterschaften, einmal WM-Bronze. Vier Landesrekorde hält er in Bulgarien, dazu kommen fünf Landesrekorde mit Staffeln.

Doch nun fehlt Miladinov im bulgarischen Aufgebot für die Weltmeisterschaften von Ende Juli in Singapur. Der SC Uster vermeldete auf seiner Website im Mai, welche Athleten im Sommer an welchen internationalen Meisterschaften teilnehmen. Darunter auch die ausländischen Schwimmer aus dem Klub. Von Miladinov kein Wort.
Mehr noch: Texte über den Bulgaren, die per Google-Suche noch angezeigt werden, sind von der Klub-Website verschwunden, die Links führen zu Fehlermeldungen. Gestartet ist Miladinov für Uster in diesem Jahr zwar – allerdings nur an einem Wettkampf, dem HiPoint-Meeting in Zürich-Oerlikon am 22. und 23. März.
Es wird der letzte Auftritt Miladinovs für Uster bleiben.
Es geht um Doping – und sehr viel Geld
Doch für Aufsehen sorgt er weiterhin. Denn unterdessen ist bekannt: Der Bulgare hat sich vom wettkampfmässigen Schwimmsport verabschiedet. Von herkömmlichen Wettkämpfen jedenfalls, muss man sagen.
Miladinov ist einer von bisher vier Athleten, deren Konterfei auf der Website der Enhanced Games prangt. In Las Vegas sollen sie im Mai 2026 stattfinden. Das sportliche Programm ist überschaubar, wenige Disziplinen aus den Sportarten Schwimmen, Leichtathletik und Gewichtheben stehen darauf.
Bemerkenswert daran: Der Anlass hält sich nicht an die Regeln des IOC und der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Leistungssteigernde Mittel sind erlaubt – unter «rigoroser» medizinischer Aufsicht, wie die Organisatoren beteuern. Sie sind Anhänger des Transhumanismus, der die physischen und psychischen Grenzen des Menschen mittels Technologie verschieben will.
Die Pläne lösten breite und harsche Kritik rund um den Erdball aus, als «Doping-Spiele» wird der Anlass apostrophiert. World Aquatics schrieb: «Die Enhanced Games sind kein sportlicher Wettbewerb, der auf universellen Werten wie Ehrlichkeit, Fairness und Gleichberechtigung beruht. Sie sind ein Zirkus, der auf Abkürzungen beruht.»
Hinter den Enhanced Games stehen keine Sportfunktionäre, sondern Investoren – und sie ködern die Athleten selbstredend mit Geld. Eine halbe Million Dollar an Preisgeldern werden pro Disziplin ausgeschüttet, der Sieger erhält 250’000 Dollar. Die Veranstalter kündigen auch Startgelder an – und Prämien für Weltrekorde. Für solche im 100-m-Sprint in der Leichtathletik und im 50-m-Freistil im Schwimmen gibt es gar eine Million Dollar.
Die Summe wurde schon einmal ausbezahlt. An Kristian Gkolomeev, einen 32-jährigen Griechen mit bulgarischen Wurzeln. Weder Nobody noch Überflieger war er bisher, viermal nahm er an Olympischen Spielen teil, eine WM-Medaille und fünf EM-Medaillen hat er gewonnen.
Rekord nach zwei Wochen Doping
Kristian Gkolomeev kraulte im Frühling eine Länge im 50-m-Becken in 20,89 Sekunden und damit zwei Hundertstel schneller als der brasilianische Weltrekordhalter César Cielo im Jahr 2009. Zwei Wochen zuvor begann er, leistungssteigernde Substanzen einzunehmen. Welche, ist nicht bekannt. Gkolomeev trug, wie damals Cielo, einen Hightech-Ganzkörperanzug. 2010 verbot der internationale Schwimmverband solche Anzüge, um die Materialschlacht einzudämmen.
In einer heute erlaubten Wettkampfhose und nach zwei Monaten mit leistungssteigernden Substanzen schwamm Gkolomeev eine Zeit von 21,03 Sekunden. Eine Hundertstelsekunde schneller als es der Amerikaner Caeleb Dressel 2019 und 2021 tat. Und 41 Hundertstel schneller als seine eigene Bestleistung aus dem Jahr 2018.
Nun ist Miladinov wie Gkolomeev eines von vier Aushängeschildern für die Enhanced Games. Ein Zurück in den regulären Wettkampfsport gibt es nicht, auch nicht dereinst als Trainer oder Offizieller. Der Schwimm-Weltverband erliess vor wenigen Wochen eine entsprechende Regel.
Öffentlich geäussert hat sich Miladinov zu seinem Schritt nicht. Auf Social-Media-Plattformen hat er seine Profile gelöscht.
Das bulgarische Fernsehen veröffentlichte sein Rücktrittsschreiben zuhanden des Schwimmverbands. Dort schreibt Miladinov unter anderem, er sei «nach reiflicher Überlegung und Bewertung meiner Zukunftspläne zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit ist, einen neuen Weg ausserhalb des aktiven Sports einzuschlagen». Man möge ihm bescheinigen, dass er kein aktiver Sportler mehr sei und ihm bestätigen, dass er keinen Anti-Doping-Massnahmen mehr unterliege.
Ein Anruf, und der Coach fiel aus allen Wolken
Das war Anfang April, keine zwei Wochen nach seinem letzten Einsatz für den Schwimmclub Uster. «Im März hatten wir noch über die Weltmeisterschaften gesprochen», sagt SCU-Chefcoach Pablo Kutscher. Bei ihm trainierte der Bulgare seit Dezember wieder, nachdem er seit den Sommerspielen in Paris pausiert hatte. Dann folgten laut Kutscher die «wahrscheinlich besten drei Monate Training, die er je hatte».
Nach dem Wettkampf in Zürich verabschiedete sich Miladinov Richtung Bulgarien in ein Höhentrainingslager mit dem Verband seines Heimatlands. «Ich sagte ihm noch: Gib mir Bescheid, wann du zurückkommst», sagt Kutscher.
Bescheid erhielt er von Miladinov tatsächlich. Per Telefon informierte ihn der Schwimmer über seinen Entscheid. «Ich bin aus allen Wolken gefallen», sagt der Coach. «Ich sagte ihm noch, dass es kein Zurück gebe, wenn er diesen Schritt mache. Aber am Ende hat wohl das Geld gewonnen.»
Miladinov trat mit seinem Rücktritt auch aus dem Schwimmclub Uster aus – und dürfte damit seinem Rausschmiss zuvorgekommen sein. Der Verein reagierte dennoch. Er liess sich juristisch beraten, entfernte die Texte über Miladinov von der Website und informierte seine Mitglieder schriftlich über Miladinovs Entscheid. Kutscher sagt: «Wir haben ein deutliches Statement abgegeben, was wir davon halten und dass wir uns komplett davon distanzieren. Uster ist ein nationales Kompetenzzentrum, wir stehen für sauberen Sport.»
Davon hat sich Miladinov verabschiedet. Mit erst 22 Jahren. Die anderen drei Schwimmer, die auf der Enhanced-Games-Website posieren, sind über zehn Jahre älter. Sie haben ihre Karriere allesamt bereits hinter sich. Miladinov hätte sie noch vor sich gehabt. «Es ist unendlich schade», sagt Kutscher.