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Das perfekte Ende bleibt ihr verwehrt

Wie vor drei Jahren hat sich Fabienne Kocher ein Duell um den einzigen Schweizer Olympia-Platz geliefert – mit anderem Ausgang als 2021.

Einer ihrer Karrierehöhepunkte: Fabienne Kocher (links) brillierte 2021 in Tokio als Olympia-Fünfte.

Foto: SVJ/Paco Lozano

Das perfekte Ende bleibt ihr verwehrt

Riediker Judoka Fabienne Kocher

Ihre zweiten Olympischen Spiele wären der krönende Abschluss der Karriere gewesen. Doch jetzt muss Fabienne Kocher sich überlegen: Wie tritt sie ab?

Noch ist die Enttäuschung frisch. Und überaus gross dazu. Fabienne Kocher muss darum das eine oder andere Mal kurz innehalten, um sich zu sammeln, ehe sie weitersprechen kann.

Vor wenigen Tagen ist sie an der WM in Abu Dhabi in der 3. Runde gegen Mascha Ballhaus ausgeschieden. Das Fatale daran: Hätte sie die Deutsche bezwungen, wäre die Riedikerin wohl an ihre zweiten Olympischen Spiele gereist. «Einen Kampf mehr hätte ich gebraucht», sagt Kocher und weiss zugleich: «Das wird mich noch ein paarmal in den Träumen einholen.»

Warum der verpasste Sieg so grosse Auswirkungen hat? Mit der WM endete die Qualifikationsphase, in der Kocher Weltranglistenpunkte fürs Olympia-Ticket sammeln konnte. Der einzige Schweizer Platz in der Kategorie bis 52 Kilogramm dürfte an Binta Ndiaye gehen, die ihren kleinen Vorsprung in der Weltrangliste auf die Oberländerin verteidigte.

Als ich zurückkam, passte nichts mehr zusammen.

Fabienne Kocher

Vor rund drei Jahren hatte sich Kocher auf den letzten Drücker das Olympia-Ticket geholt. Mit mickrigen sieben Punkten Vorsprung auf ihre Konkurrentin Evelyne Tschopp. Die Baselbieterin ist mittlerweile zurückgetreten, die Geschichte zweier Schweizerinnen aber, die sich bis zuletzt ein enges Rennen um den Olympia-Platz liefern, wiederholte sich.

Für Kocher einfach in einer neuen Rolle, war sie nun die routinierte Kämpferin, die von einer jüngeren Teamkollegin bedrängte wurde. Und mit dem Unterschied, dass sie sich jetzt nicht über ein Happy End freuen kann – trotz erfüllten Qualifikationsvoraussetzungen.

Zwei Prozent Hoffnung

Kocher macht sich keine Illusionen. Sie sagt: «Ich bin mir zu 98 Prozent sicher, dass ich nicht nach Paris gehen kann. Es ist dennoch menschlich, noch etwas zu hoffen.»

Die WM-Dritte von 2021 kann das nur tun, weil die Punktzahl zwar die wichtigste, aber nicht die einzige Währung ist, die zählt. Der fünfköpfige Ausschuss des Judoverbands stützt sich bei seinem Selektionsvorschlag an Swiss Olympic auch auf verschiedene andere Bereiche – wie das Potenzial für eine Medaille, das Urteil des Trainers und die Formkurve.

Trotzdem: Alles andere als eine Nomination von Binta Ndiaye käme überraschend. Und wäre nicht fair, findet Kocher. Sie hat keine Probleme anzuerkennen, dass sich die Westschweizerin im Duell durchgesetzt hat. Und so speziell die Situation auch war, die Konkurrentinnen kommen gut miteinander aus. «Sie ist eine coole Person», sagt Kocher über die elf Jahre jüngere Ndiaye.

Wo ist das gute Gefühl hin?

Aus mehreren Gründen ist das Verpassen von Olympia für Kocher besonders bitter. Da ist einerseits der Fakt, dass die Kämpferin des Judoclubs Uster Ende Saison zurücktritt. Ein weiterer Vierjahreszyklus kommt für sie also nicht mehr infrage, die Olympia-Medaille bleibt ein Traum. Kommt hinzu, dass Kocher zwischenzeitlich die Hoffnung aufgegeben hatte, überhaupt ihr Level wieder zu erreichen. Verletzungsbedingt war sie ab September 2023 mehrere Monate lang ausgefallen.

«Als ich zurückkam, passte nichts mehr zusammen.» Das gute Gefühl kehrte quasi erst zurück, als es schon fast zu spät war im Rennen um das Olympia-Ticket.

Körperlich schon vorher in Top-Form, verspürte Kocher an den letzten drei Turnieren endlich wieder die Leichtigkeit und Einfachheit in den Bewegungen, die sie braucht, um erfolgreich zu sein. Anfang Mai gewann sie erstmals überhaupt ein Grand-Slam-Turnier – notabene im reinen Schweizer Final gegen Binta Ndiaye.

Und plötzlich war Olympia wieder in Griffweite. «Anscheinend brauche ich den Druck», sagt Kocher und zieht einen Vergleich zur Qualifikationsphase für Tokio vor drei Jahren. «Beide Male ging der Knopf am Schluss auf.»

Nun hat die Oberländerin ein paar Tage Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Danach dürfte sie ins Training zurückkehren – um bereit zu sein, sollte Ndiaye aus welchen Gründen auch immer nicht an den Spielen teilnehmen können.

Es ist nichts, worauf Kocher hofft. Dafür wäre sie froh, würde man Ndiaye und ihr den Selektionsentscheid möglichst früh mitteilen, um die Ungewissheit auszuräumen. «Es wird für uns beide gut sein, Klarheit zu haben.» Zumindest die Öffentlichkeit dürfte die Entscheidung allerdings erst am 4. Juli erfahren.

Das alte «Kämpfer-Ich»

Kocher wird bis dahin wohl auch die Frage geklärt haben, wie sie abtritt. Drei grössere internationale Turniere stehen nach Olympia noch auf dem Programm, an denen sie teilnehmen könnte.

Ihr Wunsch: «Ich würde gerne einen Abschluss haben im Wissen: Das ist mein letztes Turnier.»

Ein Ziel in diesem Zusammenhang hat sie indes schon erreicht. Kocher tönt auch in der grossen Enttäuschung versöhnlich, als sie sagt: «Es war mir wichtig, mit einem guten Gefühl von der Matte zu treten. Ich bin darum sehr froh, habe ich in den letzten Wochen mein altes ‹Kämpfer-Ich› wiedergefunden.»

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